„Es gibt kein nicht politisches Theater...“ Ein Gespräch zu verschiedenen Konzeptionen von politischer Theaterarbeit. — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 02/2006 Kunstpraxen „Es gibt kein nicht politisches Theater...“ Ein Gespräch zu verschiedenen Konzeptionen von politischer Theaterarbeit.
 

„Es gibt kein nicht politisches Theater...“ Ein Gespräch zu verschiedenen Konzeptionen von politischer Theaterarbeit.

Sabine Kock

Vom freien Theater wird gesagt, es sei ein Gradmesser der kritischen Öffentlichkeit. Sabine Kock sprach mit Eva Brenner, Tina Leisch und Miki Malör über ihre Konzeptionen von politischer Theaterarbeit, über die Notwendigkeit, Position zu beziehen und über die Frage, was denn „das Politische“ im Kontext des Theaters überhaupt sein kann.

Sabine Kock / SK: Ihr drei habt eine ganz verschiedene Konzeption von „politischem Theater“. Kann freies Theater im Prinzip schneller reagieren auf aktuelle Ereignisse als die großen Theaterapparate?

Miki Malör / MM: Da muss ich dir gleich widersprechen: Es ist schnelles Reagieren in keinster Weise möglich. Im Schädel ja, aber da wir uns auch nicht leisten können gratis zu arbeiten, ergibt sich meist eine zeitliche Verschiebung von ein bis anderthalb Jahren von einer Projektidee bis zu einer möglichen Realisierung.

Tina Leisch / TL: Bei mir ist es auch so. Es ist ja doch so, dass man etwa ein halbes Jahr auf Subventionen wartet, wenn ein Projekt einmal eingereicht ist. Zudem arbeite ich mit LaiInnen, und da dauert der Arbeitsprozess an sich einfach lang, es ist nicht mit vier bis sechs Wochen Proben getan. Außerdem denke ich langsam – das dauert, bis eine Idee Kontur gewonnen hat und gereift ist. Also auch bei mir vergehen von der Projektidee bis zur Realisierung ein bis zwei Jahre.

Eva Brenner / EB: Bei uns ist es so, dass wir im Zuge der Theaterreform für zwei Jahre die Kontinuität verloren haben und mein Ziel war, aus genau diesem Grund auf die Mini-Institution zu bestehen – allerdings ist die Fleischerei ein Ort der Begegnung. Es ist uns dann in letzter Minute gelungen, Planungssicherheit zu bekommen, zunächst für ein Jahr, sodass wir aktuell zumindest für ein halbes Jahr vorplanen können. Ich bin nicht bereit, mich zwingen zu lassen, meine Ideen, meine Konzepte, das, was ich als wichtig erachte, in der kulturellen Arbeit von neuen Bestimmungen dirigieren zu lassen. Wenn es nicht mehr gelingt, dass eine bestimmte Integrität und Kontinuität des Denkens und Handelns gewährleistet ist, dann ist es auch nicht mehr ein halb-freies Theater. Meist kommen die Zusagen oder auch Ablehnungen ja so spät, dass die gewünschte Besetzung von KollegInnen oder ihre Abkömmlichkeit nicht mehr gewährleistet ist. [...]

MM: Was die Konzeption von „politischem Theater“ anbelangt, würde ich wahnsinnig gern ein neues Feld aufmachen, denn ich denke, wir haben einen sehr verschiedenen denkerischen Ansatz: Ich betrachte einen großen Teil meiner Arbeit sehr wohl als politisch, aber vollkommen anders als ihr zwei: Und das wäre mein spannender Punkt zu fragen: was ist politisch? Gibt es Sicherheiten darüber oder Meinungen? [...]

SK: Was würdest du als „das Politische“ an deinem Zugang definieren?

MM: Abgesehen von direkten Genderbezugnahmen, die allein als Thema eminent politisch sind, ist es der Versuch, radikal jede interpretatorische Voreinstellung und Denkarbeit ans Publikum zurückzugeben. Das halte ich als Denktraining, um zu eigenen Meinungen zu kommen, für unabdingbar und das unterscheidet mich möglicherweise von euch und das würde ich gerne diskutieren: Ich bin dafür, komplexe Zusammenhänge einfach rauszugeben, eher sogar sie zu verrätseln mit dem Ziel einer Verunsicherung – sodass die Leute denken mögen: jetzt weiß ich nicht, was soll man denken. Wenn man radikal einfach nicht erklärt, was man gewollt hat, sondern fragt: „Was hast du denn gesehen?“ – da tut sich ein Reichtum auf und es beginnt (in der Rezeption und im Dialog) ein Bewusstseinsprozess, ein denkerischer Prozess, der soweit wie möglich nicht manipuliert oder gegängelt ist. Ich bin sehr empfindlich und sehr misstrauisch gegenüber interpretatorischen „Vorarbeiten“ für das Publikum. [...]

EB: [...] Ich möchte dazu sagen: Es gibt kein nicht-politisches Theater, auch Boulevards, auch Musical ist politisches Theater – es ist nur ein Theater, das systemimmanent und systemlegitimierend ist, es ist nicht kritisch, d.h., es versucht nicht, über das System hinauszudenken oder es zu verändern. Es legitimiert den Status quo – es ist eine Meinung. Insofern glaube ich, dass es keinen nicht-interpretativen Ansatz gibt. Selbst wenn man sich dessen nicht bewusst ist, interpretiert man ununterbrochen. Und wenn nur von Form die Rede ist – beim Tanztheater fällt es mir auf, das sind rein formale, abstrakte Experimente – was ist das für ein politischer Gestus? Ich [...] möchte unbedingt auf ein politisches Theater zurückgreifen, auch auf Ansätze, die anscheinend vergessen oder wenig präsent sind wie Brecht oder Müller, aber auch Jelinek. Das wollen wir doch nicht alles wegwerfen, wir werfen ja auch nicht Stanislawski weg oder Meyerhold. [...]

TL: Da bin ich einer Meinung mit Eva, dass es wichtig ist, Positionen zu beziehen. Ich möchte durchaus einen Rahmen, der nicht nur Fragen stellt, sondern den Leuten Positionen dezidiert nahe legt, und zwar Positionen von Widerstand, Verweigerung, von Nicht-Mitspielen, von Negation und von Zerbrechen von Utopie – also vielmehr eine Haltung nahe legt – und da kriege ich dann vom Kralicek den Verriss als „politisch super korrekt“. Na, für mich ist das kein Schimpfwort. Das will ich auch machen, dazu stehe ich. Das finde ich einen schönen Gestus auch in einer Tradition von Müller oder Brecht: Position zu beziehen.

Anmerkung
Anlass für das vorliegende Gespräch war die Frage der Position der freien Theaterszene im „Gedankenjahr 2005“. Die Gesprächspartnerinnen von Sabine Kock nahmen in ihren Produktionen im letzten Jahr expliziten Bezug auf das Jubeljahr der Regierung: Eva Brenner hat gemeinsam mit neun anderen AktionistInnen in der Fleischerei ein Experiment gewagt: 10 Tage 10 Nächte Heiner Müller nonstop. Tina Leisch hat Elfriede Jelineks „Stecken, Stab und Stangl“ im ehemaligen jüdischen Theater, dem Nestroyhof inszeniert und mit dem Attentat in Oberwart an ein dunkles Kapitel jüngster österreichischer Geschichte erinnert. Miki Malör ist in ihrem Projekt NationalHYMNEN der österreichischen Selbstbespiegelung mit einer grotesk ironischen Parforcetour durch die Nationalhymnen der Welt begegnet. Langversion des Gesprächs unter: http://www.freietheater.at/

Sabine Kock Geschäftsführerin der IG Freie Theaterarbeit, lebt und arbeitet in Wien und ist derzeit Obfrau des Kulturrat Österreich

 
 

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