Eine kleine Delle ins Fördersystem schlagen...
Mit der 11. Ausschreibung zum Thema „Provokation“ geht der KUPF-Innovationstopf
2006 bereits in das zweite Jahrzehnt seines Bestehens. Stefan Haslinger und Birgit
Pichler von der KUPF gaben Auskunft über das Geheimnis ihres Erfolgs. Teil 2 der
Kulturrisse-Serie zu Best Practice-Modellen in der Kulturförderung.
Welche Überlegungen standen hinter der Initiierung des KUPF-Innovationstopfs (IT) und wie
würde eine Zwischenbilanz aus eurer Perspektive ausfallen?
Die Grundintention hinter dem Innovationstopf war, eine Förderung von Projekten zu
schaffen, die im „normalen“ Förderwesen nicht berücksichtigt wurden. Das war
und ist der kulturpolitische Aspekt. Andererseits ging es auch darum, Kulturinitiativen
anzuhalten, Projekte abseits ihrer sonstigen Aktivitäten zu konzipieren und zu
realisieren. Ab dem zweiten Innovationstopf griff die KUPF durch Themenstellungen
zusätzlich steuernd ein, und hat versucht, kultur- und gesellschaftspolitisch relevante
Themen über den Umweg Innovationstopf in das Fördersystem einzugliedern.
Ob die jurierten Projekte immer „innovativ“ waren oder sind, wollen wir gar nicht
bewerten. Es ging auch bei dem Titel mehr um ein kräftiges Schlagwort. Was aber
bei vielen Themenstellungen (MigrantInnen, öffentlicher Raum, Arbeit) gelungen
ist, war, den Diskurs über diese Felder voranzutreiben.
Wie genau funktioniert der IT und welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht?
Der Innovationstopf funktioniert, was die Abwicklung betrifft auf zwei Ebenen. Die
erste beinhaltet die Themensuche, Textformulierung und Auswahl der Jury. Diesen
Part plus die Administration übernimmt die KUPF zur Gänze, holt sich aber – gerade
bei der Textformulierung – immer auch externe ExpertInnen hinzu. Die Mittelvergabe
funktioniert schließlich über den Modus der öffentlichen Jurysitzung. Der
Grundgedanke hinter diesem Modell war, dass Entscheidungen für ProjekteinreicherInnen
transparent gemacht werden. Die Jury muss öffentlich Stellung nehmen,
und auch die Ab- und Zusagebriefe beinhalten Begründungen. Prinzipiell ist dieses
Modell natürlich eine Weiterentwicklung, oder auch ein Vormachen wie Fördervergabe
passieren kann. Immer mehr kommt die KUPF aber zu dem Ergebnis, dass
dieses Modell nicht der Weisheit letzter Schluss sein kann. Was diesem System
nämlich immanent ist, ist dass die ProjekteinreicherInnen nicht interagieren können.
Das bis jetzt praktizierte Modell lässt keinen Raum für aufklärende Worte, Stellungnahmen
oder Diskussion zwischen Jury und ProjektträgerInnen zu.
Um noch kurz beim Thema zu bleiben: Förderschienen wie der IT fungieren als eine Art „Zwischeninstanz“
zwischen dem Staat (bzw. in diesem Fall eben dem Land OÖ) als kulturfördernder
Instanz und den FördernehmerInnen. Läuft man da nicht fast schon zwangsläufig Gefahr, einer
Delegierung kulturpolitischer Verantwortung seitens des Staates in die Arme zu spielen und „ihm“
einen Vorwand zu liefern, sich nicht weiter mit dem jeweiligen Förderbereich zu befassen?
Das „System“ Innovationstopf, um es einmal als solches zu bezeichnen, hat natürlich
auch Schattenseiten. Banal zusammengefasst: Die KUPF wählt ein Thema, welches
entweder aus einem aktuellen kulturpolitischen Zusammenhang destilliert wird,
oder sich auf virulente Diskussionen bezieht. Was die KUPF nicht gewährleisten
kann ist, dass sich die Kulturpolitik auch mit diesem Thema beschäftigt. Hier läuft
die KUPF Gefahr so etwas wie „temporäre Heilsversprechungen“ abzugeben. Die
Frage könnte heißen: „Was nützt es, wenn 12 MigrantInnenprojekte durch den Innovationstopf
gefördert werden, und sie trotzdem keine Basis- oder Jahresförderung
bekommen?“ Für die KUPF muss der Innovationstopf ein Instrument sein, mit dem
förderpolitisch agiert wird, im Sinne der Umsetzung und Verankerung neuer Themen
und Bereiche.
Anlässlich von „10 Jahren Innovation“ wurde in einem Artikel in der KUPF-Zeitung das verbindende
Element der thematischen Schwerpunktsetzungen der letzten Jahre als „die Frage nach der
Macht und dem Machterhalt“ bestimmt. Könnt ihr erläutern, was damit gemeint war und wie
mittels des IT eine solche Frage artikuliert wird?
Mit der Etablierung des Innovationstopfes – nach mehr als 10 Jahren kann von Etablierung
gesprochen werden – hat die KUPF eines erreicht: Nämlich dass das Land OÖ
sozusagen „blind“ Geld einsetzt. Blind im Sinne, dass der Fördergeber zum Zeitpunkt
der Zusage noch nicht wissen kann, welche Projekte juriert werden. Durch
dieses System wird eine kleine Delle in das sonst sehr starre, strukturierte Fördersystem
geschlagen. Sicher, es gibt so etwas wie ein Grundvertrauen seitens des Fördergebers,
aber andererseits stellt der Innovationstopf einen Eingriff in die Machtsphäre
dar. Durch das Modell der Fördervergabe – wenn es politisiert wird – kann
die Frage nach dem Machterhalt stark und immer stärker gestellt werden.
In der Ausschreibung zum diesjährigen IT werft ihr selbst die Frage auf, inwiefern „Provokation“
heutzutage noch ein adäquates Mittel ist, „um gesellschaftliche Veränderungen und Umbrüche
herbeizuführen“. Wie würde eure eigene Antwort im Hinblick auf die 11 von der Jury zur Finanzierung
vorgeschlagenen Projekte des heurigen Jahres ausfallen?
Provokation liegt im Auge des Betrachters / der Betrachterin. Die 11 jurierten Projekte
nehmen die Methode der Provokation sehr unterschiedlich war. Von bloßer Präsenz
als Provokation bis hin zu „gar nicht beabsichtig aber wahrscheinlich“ reicht
das Spektrum. Dazwischen gibt es den „klassischen“ Aktionismus auch noch. Ob
dadurch Veränderungen stattfinden, wird sich weisen. Zumindest sollte es mit all
diesen Projekten gelingen, Diskussionen anzuregen.
Die KUPF – Kulturplattform
Oberösterreich
wurde 1986 als Dachverband,
Interessenvertretung
und Netzwerk von
Kulturinitiativen in Oberösterreich
gegründet. Ihr
Ziel ist die ständige Verbesserung
der Rahmenbedingungen
für freie
Kulturarbeit.
http://www.kupf.at/
Interview: Markus Griesser
