Revolutionseffekte
Was haben der Stiller von Max Frisch und Rick, Café-Besitzer aus Casablanca,
gemeinsam? Sie gehören zu den viel besprochenen fiktionalen Figuren, die
neben allem anderen auch noch eines waren: so genannte Spanienkämpfer.
Bereits mit seinem Beginn im Juli 1936 gehörte der Spanische Bürgerkrieg zu einem
wichtigen und aus der europäischen Geistesgeschichte nicht mehr wegzudenkenden
Gegenstand von Film, Literatur und bildenden Künsten. Nicht zuletzt
den vielen an Kampfhandlungen beteiligten KünstlerInnen und Intellektuellen
ist es zu verdanken, dass Motive des Bürgerkrieg zu Motivationen künstlerischer
Produktion wurden. Von dem Hollywood-Streifen mit Humphrey Bogart und
Ingrid Bergman (1942), der im Dienste der US-amerikanischen Anti-Nazi-Propaganda
stand, über die Identitätsproblematik beim Schweizer Romancier Frisch
(1954) bis zu Pablo Picassos Guernica (1937): Bezugnahmen auf den Bürgerkrieg
finden sich in den berühmtesten Werken des 20. Jahrhunderts.
Kein Vergleich dazu: die Soziale Revolution. Als Reaktion auf den Putsch der
rechten Generäle brach in weiten Teilen Kataloniens und Andalusiens eine libertäre
Revolution aus, landwirtschaftliche Betriebe wurden enteignet und kollektiviert,
städtische Fabriken von den ArbeiterInnen übernommen und gemeinschaftlich
geführt. Auch darüber ist einiges geschrieben worden: Der
Augenzeuge George Orwell befand bekanntlich, dass die Menschen in den ersten
Wochen der Revolution endlich aufgehört hätten, sich wie Rädchen im kapitalistischen
Getriebe zu benehmen. Und der Poptheoretiker Greil Marcus wertete
mehr als fünfzig Jahre später im Rückblick die radikalen kulturellen Avantgarden
des 20. Jahrhunderts (wie die SituationistInnen) oder auch das Aufkommen von
Punk als Effekt der uneingelösten Versprechen von Barcelona 1936. Auch wenn
in Songs von Punk-, Hardcore- oder Pop-Bands wie Crass, The Ex, Sin Dios oder
Chumbawamba die Spanische Revolution seit den späten 1970er Jahren immer
wieder gefeiert wurde, an die Popularität des Bürgerkrieges im kollektiven
Gedächtnis kommt sie doch nicht annähernd heran. So ergibt sich für die Erinnerung
an die Revolution das gleiche, was schon für das tatsächliche Verhältnis
von Revolution und Krieg galt: Gegen den letzteren hat die erste keine Chance.
Sperrzonen des Erinnerns
Walther L. Bernecker und Sören Brinkmann bemerken in ihrem aktuellen Buch
über die Folgen des Spanischen Bürgerkrieges, dass es wegen der starken Orientierung
auf einen demokratischen Konsens im postdiktatorischen Spanien zu
bestimmten „Sperrzonen des Erinnerns“ gekommen sei. Als Beispiel für solche
Sperrzonen nennen sie die Schuldfrage oder die Frage der Monarchie. Die Revolution
ist offenbar dermaßen ab- und aus der Erinnerung ausgesperrt, dass
selbst die beiden Fachhistoriker sie in diesem Kontext nicht erwähnen. (Den Verlauf
der Revolution hingegen würdigen sie kritisch und ausführlich). Das kollektive
Gedächtnis in Spanien hat sich nach Francos Tod (1975) hinsichtlich der
Jahre 1936-1939 in der Formel der „nationalen Tragödie“ eingerichtet. In dieser
Formel aber – der auch Bernecker und Brinkmann zuzustimmen scheinen – findet
die Revolution keinen Platz. Die Rede von der „nationalen Tragödie“ schließt
nicht nur Errungenschaften der Revolution aus, sondern leugnet auch die internationale
Dimension der Ereignisse.
Wenn an beides in Spanien selbst kaum gedacht wird, dann natürlich noch viel
weniger im deutschsprachigen Raum. Angesichts weit folgenreicherer Interventionen
der deutschen Wehrmacht im Anschluss an die Bombardierung der baskischen
Stadt Guernica (1937) durch die „Legion Condor“, nahm der Spanische Bürgerkrieg
nie eine wichtige Rolle in der deutschsprachigen kollektiven Erinnerung
ein. Verlor die nationalsozialistische Beteiligung rückblickend an Gewicht,
kamen die AkteurInnen der Gegenseite kaum dazu, ihre Sicht der Dinge im kollektiven
Gedächtnis zu verankern: Viele deutschsprachige SpanienkämpferInnen
überlebten die nationalsozialistischen Konzentrationslager nicht. Die überlebenden
KommunistInnen wurden in der DDR zwar gefeiert, im westdeutschen Alltag
konnten sich Erfahrungen aus Spanien mangels ErfahrungsträgerInnen aber
nicht etablieren (Etwa 5000 ÖsterreicherInnen und Deutsche hatten in den Internationalen
Brigaden gekämpft, um die 15.000 waren als Teil der „Legion Condor“
in Spanien). Das Wissen über den Bürgerkrieg verblieb in Fachkreisen,
selbst Anspielungen wie die in Casablanca blieben der deutschsprachigen Öffentlichkeit
oft erspart: Der Film war auf deutsch bis 1975 nur in einer entpolitisierten,
zerstückelten und falsch synchronisierten Fassung zugänglich: Der Widerstandskämpfer
Victor László war bis dahin der Atomphysiker Victor Larsen, die
Figur des Nazi-Majors Strasser hatte man ganz herausgeschnitten. Und was die
Revolution betrifft, hatte Walter Haubrich sicher auch 1994 noch Recht, als er in
der FAZ Abel Paz´ große Biographie des Anarchisten Buenaventura Durruti eine
„spannend zu lesende Einführung in einen in Deutschland vielleicht gar nicht so
bekannten Bereich der ideologischen Diskussion und Geschichte unseres Jahrhunderts“
nannte.
Lipstick Traces on a Cigarette
Die zentrale Frage, warum die Revolution keinen festen Platz im kollektiven
Gedächtnis hat und bestenfalls in subkulturellen Formen existiert, ist nicht
schwer zu beantworten. Bernecker und Brinkmann stellen fest, dass der
Wunsch, eine Neuauflage der Konflikte der 1930er Jahre zu verhindern, in Spanien
„beinahe zur Obsession“ wurde. Ein Gedenken, das an Ereignisse jenseits
des parlamentarisch-demokratischen Konsenses gemahnte, musste dieser
Obsession widersprechen. Genau dafür steht aber die von den AnarchistInnen
getragene Revolution. Schon den AnarchistInnen von 1936, obwohl sie mit der
CNT die damals mitgliederstärkste Gewerkschaft der Welt stellten, waren international
isoliert. Diese Isolierung setzt sich in der Marginalisierung anarchistischer
Positionen heute fort. Wie die damaligen Errungenschaften müssen aber
auch die Erinnerungen verteidigt werden. Das kollektive Gedächtnis ist ja kein
statisches Gebilde, sondern stets in Bewegung und vor allem permanent
umkämpft. Zur Durchsetzung oder auch nur zur Verteidigung von Erinnerung
braucht es Subjekte, die für bestimmte Inhalte eintreten und gesellschaftliche
Bündnisse, die sie mittragen. Eine wirkmächtige soziale Bewegung, die das
Gedenken an die Spanische Revolution gegenüber jenem an den Bürgerkrieg
stark machen könnte, existiert nicht.
Der Anarchismus in Deutschland hat als Massenbewegung den Nationalsozialismus
nicht überlebt. Die libertären Bewegungen der Nachkriegszeit waren im
deutschsprachigen Raum marginalisiert, nicht nur was ihren Einfluss auf das
kollektive Gedächtnis betrifft. (Umso wichtiger werden die in Sub-, Nischenoder
Avantgardekulturen gelegten Spuren, auch wenn sie nach Greil Marcus so
wenig beständig sind wie lipstick traces on a cigarette…) Libertäre Gedanken erlangten
erst im Kontext der Revolte von 1968 wieder größere Bedeutung. Dieser
Bedeutungsgewinn allerdings ging gerade einher mit der allgemeinen Abkehr
der Neuen Linken von einem Revolutionsmodell, das IndustriearbeiterIn und Bauer/
Bäuerin als Subjekte favorisierte. Genau diese aber hatten Anarchismus und
Revolution in Spanien geprägt und getragen. Die Erinnerung an die Spanische
Revolution fand also auch in den revoltierenden StudentInnen und ArbeiterInnen
der 1960er Jahre keine ProtagonistInnen.
Die Unzumutbarkeit des linken „Genossenmords“
Und die SpanienkämpferInnen selber? In der DDR galten sie als Helden/Heldinnen
und waren für die antifaschistische Staatsdoktrin bedeutsam, wichtige Mitglieder
des Politbüros waren Spanienkämpfer (z. B. Erich Mielke). Das für sie
errichtete Denkmal in Berlin-Friedrichshain (von Fritz Cremer, 1966/68) verschafft
wohl kaum mehr den Schatten eines Eindrucks davon. Anders als in
West-Deutschland ist auch in Österreich ihr Schicksal bestens dokumentiert und
im Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (DÖW) öffentlich zugänglich.
Geprägt von kommunistischen InterbrigadistInnen, blieb das Bild des Bürgerkrieges
aber sowohl in der DDR wie auch in Österreich frei von Erinnerungen
an die Revolution. Denn die Internationalen Brigaden formierten sich erst ab Ende
1936, als die Revolution bereits zurückgedrängt wurde, und sie waren stark
kommunistisch geprägt.
Die KommunistInnen, nicht zu vergessen, verfolgten im Spanischen Bürgerkrieg
ausdrücklich antirevolutionäre Ziele. Der surrealistische Dichter Benjamin Péret,
der zeitweise in anarchistischen Milizen kämpfte, kritisierte die im Laufe der ersten
Kriegsmonate dominanter werdenden KommunistInnen schon früh und
warnte vor den Stalintreuen. Einem deutschsprachigen Publikum, dem in Zeiten
des Kalten Krieges kaum die historische Tatsache des Bürgerkrieges zugemutet
wurde, auch noch den linken „Genossenmord“ zu erklären, erscheint undenkbar.
Verschwiegen wurde also nicht nur die Revolution, sondern auch die mörderische
Politik der stalinistischen KommunistInnen, der u. a. viele AnarchistInnen
zum Opfer fielen. Um das (Ver-)Schweigen zu brechen, fehlte es eben an sozialen
Kräften, die daran ein Interesse hätten haben können. Auch innerhalb der
radikalen Linken.
Spuren im kollektiven Gedächtnis
Das kollektive Gedächtnis kommt nicht allein in Filmen oder Büchern zum Ausdruck,
sondern auch im Alltag. Im Gegensatz zu jenen lässt sich dieser aber
weder nach BesucherInnenzahlen oder Auflagenstärke abfragen und so wie
Hans-Magnus Enzensbergers Buch „Der kurze Sommer der Anarchie“ (1972)
oder der Film „Land and Freedom“ (1995) von Ken Loach als vergleichsweise
libertäre Erfolge verbuchen. Noch sind Spuren im kollektiven Gedächtnis nachweislich
auf die Revolution als Ursache zurückzuführen. Deshalb ist auch von
Effekten die Rede statt von Wirkungen.
Die meisten der von der Historikerin Vera Bianchi beschriebenen, alltäglichen
Errungenschaften der Mujeres Libres – mit rund 20.000 Mitgliedern sicherlich eine
der größten feministischen Organisationen aller Zeiten – fielen wohl der Franco-
Diktatur zum Opfer. Dass die erste Ministerin auf europäischem Boden seit der
Pariser Kommune 1871 (mit Federica Montseny paradoxerweise ausgerechnet eine
Anarchistin) oder die erste gesetzliche Legitimierung der Abtreibung (in Katalonien)
spätere feministische Kämpfe beflügelt haben, ist zwar anzunehmen, lässt
sich aber kaum belegen. Anders die Erfolge der revolutionären Alphabetisierungskampagnen:
Sie wieder rückgängig zu machen, hätte selbst – wie der
Hispanist Martin Baxmeyer betont – die blutigste Diktatur nicht geschafft. Zwar
haben es die frisch Alphabetisierten im Laufe des Bürgerkriegs zu einer historisch
einmaligen Versproduktion gebracht. Um in Film und Fernsehen repräsentiert zu
werden, hat es aber nicht gereicht. Mit solchen Leuten hatten Typen wie Stiller
oder Rick Blaine wohl auch zu wenig Kontakt, um von ihnen zu erzählen.
Jens Kastner
ist Soziologe und Kunsthistoriker
und lebt als
freier Autor in Wien.
Der vorliegende Text
erscheint in einer ausführlicheren
Fassung in
der Zeitschrift Graswurzelrevolution.
