Politik als Übersetzung.
Demokratie ist etwas Gutes. Das Einzige, was ein
bisschen stört, sind die BürgerInnen. Die kennen
sich nicht aus, treffen falsche Entscheidungen aufgrund
falscher Motive und fallen auf Populismus
herein.
Sind auch komische Wesen, diese BürgerInnen, ich
z. B. kenne keineN einzigeN von ihnen. Frauen und
Männer von der Straße, die dann schweigende oder
unwissende oder unartikulierte Mehrheiten bilden -
von meinen FreundInnen gehört da keineR dazu, wir
sind alle Teile unterschiedlich qualifizierter Minderheiten.
Allerdings kennen wir uns auch nicht immer so gut
bei den schwierigen Dingen aus, die die Politik so zu
entscheiden hat. Genmanipulierte Pflanzen und
Steuerrecht und Pensionsregelungen. Ganz gut
eigentlich, dass bei diesen Entscheidungen die
Demokratie eine recht untergeordnete Rolle spielt,
das sind ja Fragen für ExpertInnen, nicht für dich
oder mich und schon gar nicht für die Masse der
ungebildeten BürgerInnen.
Oder sind das doch alles politische Fragen, die
demokratisch diskutiert und gelöst werden sollten?
Vereinzelt finden sich jedenfalls Leute, die solche
Fragen angehen. Ohne ExpertInnen zu sein. Mit vollkommen
anderen Hintergründen und Ausgangspunkten,
ja manchmal sogar aus der Kunst kommend.
Weil sie meinen, dass sich die politische
Relevanz z. B. von Migrationsfragen auch ohne
demographisches Grundlagenwissen erkennen lässt.
Ist nicht immer befriedigend, dieser Zugang, da gibt
es viel Polemik und Halbwissen und dann entstehen
Meinungen, die so wenig fundiert sind, dass der
Widerspruch auf der Hand liegt. Auf die Art kommt
es also nicht zu jenen Lösungen, die für alle die bes-
ten sind, weil sie von ExpertInnen ausgedacht wurden.
Allerdings kommt es auf diese Art zu Diskussionen
über die Frage, inwiefern es doch politisch relevant
ist, was sich die ExpertInnen so untereinander ausmachen.
Und ob dabei wirklich die besten Lösungen
für alle herauskommen. Ob es etwa wirklich nur die
Privatsache derer ist, die verzweifelt in die EU kommen,
wenn sie auch dabei riskieren in LKWs zu ersticken
oder sich für eine Form der Prostitution durch
Heirat mit einem EU-Bürger entscheiden.
Künstlerische Projekte können diese Dinge aufgreifen
und in Kunstkontexte einbringen. Und wenn ein
derartiges Projekt einigermaßen gelungen ist, werden
vielleicht auch die Zusammenhänge klarer und
die politischen Auswirkungen von ExpertInnenentscheidungen.
Der/die NormalbürgerIn versteht
natürlich trotzdem nichts. Sondern schreit Pornographie,
wenn er/sie ein Plakat von einer fast nackten
Frau mit Slip in den EU-Farben sieht. Statt die
Anspielung auf Courbet und die politische Aussage
zu verstehen. Ganz so leicht geht es also auch nicht
mit der Übersetzung durch Kunst, denn diese bedarf
selbst zumeist der Übersetzung bzw. einer spezifischen
Expertise um sie zu verstehen. Massenaufklärung
via Kunst ist aber auch nicht anzustreben,
jedoch kann durch das Aufgreifen politischer Fragen
zumindest eine spezifische Gruppe erreicht werden.
Wenn schon nicht Emma Normalverbraucherin.
