Unsicherheit für alle? Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit als Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit
Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat für einige Akteure neue Chancen
eröffnet und Wahlfreiheiten vergrößert. Für viele Volkswirtschaften und
Bevölkerungsgruppen haben die Liberalisierung des Welthandels und die
Globalisierung des Wettbewerbs jedoch die Verletzbarkeit erhöht. Die
menschliche Unsicherheit und die sozioökonomische Unsicherheit nehmen zu. Dies
ist eine Folge der neoliberalen Deregulierung und unterscheidet die
gegenwärtigen globalen Transformationsprozesse von den ökonomischen und
sozialen Verhältnissen während des "Golden Age of Capitalism" in der Zeit von
1950 bis Mitte der 1970er Jahre.
Es sollen die vergangenen "fordistischen Zeiten" nicht verklärt werden. Doch mit
sozialer Sicherung, keynesianischer Vollbeschäftigungspolitik, fixierten
Wechselkursen, politischer Regulation der sozialen und ökonomischen
Verhältnisse war zumindest in den Industrieländern des Nordens und Westens ein
gewisses Maß an Normalität, Stabilität und daher sozioökonomischer und
menschlicher Sicherheit gegeben - soweit dies in kapitalistischen
Gesellschaften überhaupt möglich ist. Dies gilt insbesondere im Vergleich zu
den "postfordistischen" Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die die Bildung
von längerfristigen Perspektiven, den Rekurs auf eine gesellschaftliche
Normalität und gesicherte Formen von Arbeit, Geld und Politik kaum mehr kennen
(vgl. dazu ausführlich Altvater/Mahnkopf 2002).
Es sollen im Folgenden Argumente für die These geliefert werden, dass die
gegenwärtig in allen Weltregionen zu beobachtende Entfesselung des Kapitalismus
aus Formen, die mit ihren Regeln auch immer Kompromisse enthielten, nicht als
ein Freiheitsgewinn für die Menschen zu verstehen ist, sondern auf eine
Rückkehr der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts überwunden geglaubten
"Politischen Ökonomie der Unsicherheit" hinaus läuft.
Arbeit und Sicherheit in den "goldenen Jahren des Kapitalismus"
Die Verknüpfung von Arbeit und sozioökonomischer Sicherheit stellt eine der
großen Innovationen der industriegesellschaftlichen Moderne dar. Zu einer
substanziellen Reduzierung von sozialer Ungleichheit hat dies zwar nicht
geführt, wohl aber zu einer Verringerung der Machtlosigkeit von abhängig
Arbeitenden. In kapitalistischen Gesellschaften, in denen doch dem Prinzip nach
nur Eigentum Sicherheit schafft, kamen auch Menschen, die selbst kein Eigentum
besaßen, in den Genuss sozialer und ökonomischer Sicherheit. Selbst in
Situationen der Nicht-Erwerbstätigkeit vermochten abhängig Beschäftigte die
historische Erfahrung existenzieller Unsicherheit hinter sich zu lassen.
In den "goldenen Jahren des Kapitalismus" schien die Zukunft sowohl individuell
als auch kollektiv gestaltbar. Grundlage all dessen war ein ganzes Set von
normativ begründeten und durch formelle Institutionen abgestützten
sozioökonomischen Sicherheiten, die eine spezifische Normalität von Arbeit
gewährleisteten.
Allerdings sorgte die Koinzidenz von starkem Wirtschaftswachstum und Ausbau
sozialstaatlicher Strukturen im Verlauf der europäischen Nachkriegsentwicklung
dafür, dass die Frage nach deren wechselseitiger Abhängigkeit verdrängt wurde.
Doch schon seit den Umbrüchen der 1970er Jahre und dann verstärkt seit dem
Kollaps des real existierenden Sozialismus nach 1989 wurde erkennbar, dass
sozioökonomische Sicherheit keinesfalls eine notwendige Begleiterscheinung
oder, wie es lange Jahre schien, gar eine Voraussetzung von Wirtschaftswachstum
ist; heute wird sie als eine "Verkrustung" und daher als ein Hindernis gesehen.
Seit der globale Standortwettbewerb den Systemwettbewerb von Kapitalismus und
Sozialismus verdrängt hat, zeigt sich, dass soziale Rechte und die daran
geknüpften Sicherheiten auch in den reichen Industrieländern zur Disposition
stehen, wenn politische Interessen an sozialer Gerechtigkeit nicht mit dem
Strom der Kapitalakkumulation, sondern - wenn überhaupt - nur gegen diesen
durchgesetzt werden können. Damit einhergehend wächst im Süden und Osten des
Globus der "informelle Sektor", im Norden und Westen weiten sich die Grauzonen
zwischen formeller, informeller und illegaler Arbeit.
Transformation der Arbeit in die Informalität
Zwar müssen Daten über informelle Arbeit, die informelle Wirtschaft oder die
Schattenwirtschaft - die Begriffe bezeichnen nur zum Teil identische
Sachverhalte - mit Vorsicht interpretiert werden. Doch gleichgültig wie
gemessen und geschätzt wird: die Bedeutung der Informalität nimmt zu, verstärkt
seit Beginn der 1990er Jahre. Dies gilt vor allem für die Länder der so
genannten Dritten Welt und seit dem Kollaps des real existierenden Sozialismus
auch in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas. In vielen
Weltregionen, in Lateinamerika, Afrika und Asien zumal, sind mehr Menschen
informell als formell beschäftigt.
Doch auch in den entwickelten Industrieländern Nordamerikas und Europas verliert
seit den 1970er Jahren das arbeits- und sozialrechtlich regulierte
"Normalarbeitsverhältnis" seine empirische und normative Dominanz. Die
Informalität der Arbeit wird zur historischen Tatsache, auch wenn zumindest im
westlichen Europa die unbefristete Vollzeitarbeit noch immer die vorherrschende
Erwerbsform bleibt. Doch die Bereiche, die nicht normiert sind, werden größer.
Es darf davon ausgegangen werden, dass in den Industrieländern etwa ein Viertel
der Erwerbspersonen "schwarz arbeitet" oder prekär beschäftigt ist.
Nun ist die förmliche und institutionelle Regelung von Arbeit, Lohn (und Geld,
darauf kann hier nicht eingegangen werden) jedoch keineswegs
selbstverständlich, weder in der Geschichte der kapitalistischen und heute
reichen, westlichen Länder noch in den anderen Weltregionen zu Beginn des 21.
Jahrhunderts. Die Grauzonen sind darüber hinaus groß, und sie wachsen. Das gilt
insbesondere für die Grauzone zwischen der unbezahlten informellen Arbeit im
Haushalt und der bezahlten informellen Arbeit. Dies gilt aber auch für die
Grauzonen zwischen bezahlter informeller Arbeit und (prekärer) formeller Arbeit
und diejenige zwischen legitimer informeller und illegaler Arbeit. Bei der
informellen Arbeit handelt es sich also um ein überaus heterogenes Phänomen.
Formalität und Informalität sind Extreme auf einem Kontinuum, an dessen
äußersten Ende Informalität in Illegalität und Kriminalität übergeht.
Erosion von Normalität unter dem Druck globaler Standards
Bislang waren es die in einer Gesellschaft verallgemeinerten Normen und die zu
Institutionen geronnenen sozialen Formen, die die "Normalität" einer gegebenen
Epoche konstituierten. Unter den Bedingungen globaler Transformationsprozesse
stoßen gesellschaftsspezifische Normen jedoch auf solche, die in globalen,
transnationalen und supranationalen Kontexten gebildet werden - und werden
dabei unter Druck gesetzt.
So gesehen ist Informalisierung das Resultat eines Scheiterns an von Menschen
geschaffenen Sachzwängen, denen informell ausgewichen wird, um nicht aus der
Gesellschaft exkludiert zu werden. Wer die globalen Produktivitätsstandards,
die auf dem Weltmarkt gebildet werden, wer die Kriterien für die Kreditvergabe,
die von internationalen Institutionen (von IWF oder Weltbank) festgelegt werden
usw. nicht erfüllen kann, ist gezwungen, die "normalen Formen", die in der
umgrenzten Gesellschaft gelten, zu brechen, zu korrigieren oder zu
unterlaufen.
Zum anderen erfüllt der informelle Sektor aber auch die Funktion einer Art
Schwamm für all die Arbeitskräfte, die in der Folge des globalen
Standortwettbewerbs "überflüssig" geworden sind. Dieser positive Effekt des
informellen Sektors, Arbeitskräfte (darunter viele Frauen) zu binden und
Einkommen selbst dort zu schaffen, wo die formelle Ökonomie schrumpft, lässt
sich allerdings nur um den Preis hoher und wachsender sozioökonomischer
Unsicherheit erzielen.
Über den "informellen Sektor" in den Ländern des Südens wird meist in
entwicklungstheoretischen Kontexten geforscht, und selten werden diese in eine
Verbindung zur "Krise des Normalarbeitsverhältnisses" in den westlichen
Industrieländern gebracht. Selbstverständlich müssen die erheblichen
ökonomischen, sozialen und kulturellen Differenzen zwischen und innerhalb der
einzelnen Weltregionen in Betracht gezogen werden. Doch gleichzeitig gibt es
eine Dynamik globaler Transformationsprozesse, welche dafür sorgt, dass
strukturelle Ähnlichkeiten sichtbar werden: zwischen den
Ein-Personen-Unternehmen des informellen Sektors in den Ländern der
Südhalbkugel, den Kofferhändlerinnen in den Transformationsländern Mittel- und
Osteuropas, den abhängig Beschäftigten in den Sweatshops der global vernetzten
Hersteller von Konsumgütern und der Entwicklung von prekären
Beschäftigungsverhältnissen und neuen Formen von (schein-)selbständiger Arbeit
in den westlichen Industrieländern. Alles dies sind Beschäftigungsverhältnisse
ohne soziale und ökonomische Sicherheit. Denn die gestandene Straßenhändlerin
in Mexiko City, die "auf eigene Rechnung" arbeitet und von ihrem mageren
Einkommen eine ganze Familie ernährt, der junge chinesische Migrant in einem
Sweatshop in Neapel, der Jeans für einen großen Einzelhändler zusammennäht, und
die alleinerziehende Verkäuferin in einer Wal-Mart-Filiale in Minneapolis/
Minnesota - oder in einer Plus-Filiale in Dortmund - haben doch etwas
gemeinsam: Sie alle sind mit jener Grunderfahrung existenzieller Unsicherheit
konfrontiert, die für vor-fordistische Zeiten des Kapitalismus charakteristisch
war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat diese existenzielle Unsicherheit
selbstverständlich andere Ausdrucksformen als am Ende des 19. und zu Beginn des
20. Jahrhunderts; heute geht diese Erfahrung mit Zukunftsangst und der Angst
vor dem "sozialen Absturz" einher, mit physischem und psychischem Stress, der
sich zu veritablen Krankheitsbildern verdichtet, mit Entwürdigung, Demütigung
und Armut in der Erwerbsarbeit.
Soziökonomische Unsicherheit als Element einer neuartigen Herrschaftsform
Dennoch mag es irritieren, wenn hier die Verhältnisse in den OECD-Staaten, in
denen es noch immer tragfähige Strukturen sozialstaatlichen Schutzes gibt, in
einem Atemzug mit der Ausbreitung des informellen Sektors in der so genannten
Dritten und in der ehemaligen Zweiten Welt genannt werden. Doch nur in der
Zusammenschau lassen sich die Informalisierung und die Prekarisierung der
Arbeit als graduell abgestufte Ausdrucksformen der Globalisierung von
Unsicherheit entschlüsseln. Auch die Prekarisierung der Erwerbsarbeit muss als
Element einer neuartigen Herrschaftsform interpretiert werden, die auf einer
"zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit" (P. Bourdieu) aufbaut.
Mit anderen Worten: Die Informalisierung der Arbeit ist nicht als eine
unbeabsichtigte Nebenfolge des sozioökonomischen Wandels zu verstehen, der
durch die Globalisierung bedingt und beschleunigt wird, sondern das politische
Projekt einer gespaltenen Modernisierung. Wo förmliche Institutionen fehlen
oder dereguliert, abgebaut und zerstört werden, und wo sich Verhältnisse der
Informalität breit machen, verringert sich die sozioökonomische Sicherheit. Mit
der politischen Deregulierung von Märkten, der Liberalisierung der ökonomischen
Beziehungen und der Privatisierung öffentlichen Eigentums wächst zugleich die
Verletzbarkeit der Menschen durch externe Schocks, seien dies Finanz- und
Wirtschaftskrisen oder Umwelt- und Ernährungskrisen. Dies ist in weiten Teilen
der Welt heute der Fall.
Durch das Alternieren zwischen Beschäftigung und Erwerbslosigkeit, Überarbeitung
und Unterbeschäftigung, erzwungener räumlicher Mobilität und prekärer
Sesshaftigkeit wird menschliche Sicherheit zu einer bestenfalls temporären
Erfahrung. Mentalitätsprägend aber wird eine "Kultur des Zufalls", die viele
Ähnlichkeiten mit der des Pauperismus im 18. und 19. Jahrhundert aufweist.
Ist der Blick erst einmal auf die "endemische Unsicherheit" (Z. Baumann)
fokussiert, werden auch fließende Übergänge erkennbar: von der informellen zur
prekären Arbeit in der formellen Ökonomie, zu den austauschbaren
just-in-time-Beschäftigten für Routineaufgaben, zu den neuen (Schein-)
Selbständigen und selbst zu den Freelancern, den hochspezialisierten
Mitarbeitern auf Zeit, die die "New Economy" bevölkern.
Lebendige Demokratien sind jedoch auf Menschen angewiesen, die einem
selbstgesteuerten, vernünftigen Lebensplan folgen, selbstverantwortlich handeln
und entscheiden können; werden Menschen indes unter dem Signum der
"Flexibilisierung" dieser grundlegenden Freiheit beraubt und müssen einen
Großteil ihrer Energien auf das tägliche Überleben konzentrieren oder Angst vor
dem sozialen Absturz haben, so ist dies eine denkbar schlechte Basis für ein
Denken und Handeln in gesellschaftskritischer Perspektive. Wer Angst hat, ist
empfänglich für konservative oder gar rückwärtsgewandte Entscheidungen, die es
vermeiden, die Grundlagen und die Legitimität der gegebenen gesellschaftlichen
Ordnung zu hinterfragen; eine solche Person wird kaum größere
Veränderungsbereitschaft an den Tag legen, mit der ist schwerlich eine andere,
zukunftsfähige Gesellschaft zu gestalten.
Birgit Mahnkopf ist Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik an der
Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Vorsitzende der "Vereinigung deutscher
Wissenschaftler e.V." (VDW) und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von
Attac Deutschland.
Der Beitrag ist die stark gekürzte Fassung des Texts "Vom Verlust
sozioökonomischer Unsicherheit in Zeiten der Globalisierung", in: B. Mahnkopf
(Hg.)(2003), Globale öffentliche Güter - für menschliche Sicherheit und
Frieden, Berlin (Berliner Wissenschaftsverlag), S. 83-104
Literatur
Altvater, Elmar/Birgit Mahnkopf 2002: Globalisierung der Unsicherheit. Arbeit im
Schatten, schmutziges Geld und informelle Politik, Münster.
