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Kulturrisse Ausgaben 02/2005 Oppositionen Unsicherheit für alle? Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit als Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit
 

Unsicherheit für alle? Informalisierung und Prekarisierung von Arbeit als Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit

Birgit Mahnkopf

Die Globalisierung der Weltwirtschaft hat für einige Akteure neue Chancen eröffnet und Wahlfreiheiten vergrößert. Für viele Volkswirtschaften und Bevölkerungsgruppen haben die Liberalisierung des Welthandels und die Globalisierung des Wettbewerbs jedoch die Verletzbarkeit erhöht. Die menschliche Unsicherheit und die sozioökonomische Unsicherheit nehmen zu. Dies ist eine Folge der neoliberalen Deregulierung und unterscheidet die gegenwärtigen globalen Transformationsprozesse von den ökonomischen und sozialen Verhältnissen während des "Golden Age of Capitalism" in der Zeit von 1950 bis Mitte der 1970er Jahre.

Es sollen die vergangenen "fordistischen Zeiten" nicht verklärt werden. Doch mit sozialer Sicherung, keynesianischer Vollbeschäftigungspolitik, fixierten Wechselkursen, politischer Regulation der sozialen und ökonomischen Verhältnisse war zumindest in den Industrieländern des Nordens und Westens ein gewisses Maß an Normalität, Stabilität und daher sozioökonomischer und menschlicher Sicherheit gegeben - soweit dies in kapitalistischen Gesellschaften überhaupt möglich ist. Dies gilt insbesondere im Vergleich zu den "postfordistischen" Zeiten zu Beginn des 21. Jahrhunderts, die die Bildung von längerfristigen Perspektiven, den Rekurs auf eine gesellschaftliche Normalität und gesicherte Formen von Arbeit, Geld und Politik kaum mehr kennen (vgl. dazu ausführlich Altvater/Mahnkopf 2002).

Es sollen im Folgenden Argumente für die These geliefert werden, dass die gegenwärtig in allen Weltregionen zu beobachtende Entfesselung des Kapitalismus aus Formen, die mit ihren Regeln auch immer Kompromisse enthielten, nicht als ein Freiheitsgewinn für die Menschen zu verstehen ist, sondern auf eine Rückkehr der im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts überwunden geglaubten "Politischen Ökonomie der Unsicherheit" hinaus läuft.

Arbeit und Sicherheit in den "goldenen Jahren des Kapitalismus"

Die Verknüpfung von Arbeit und sozioökonomischer Sicherheit stellt eine der großen Innovationen der industriegesellschaftlichen Moderne dar. Zu einer substanziellen Reduzierung von sozialer Ungleichheit hat dies zwar nicht geführt, wohl aber zu einer Verringerung der Machtlosigkeit von abhängig Arbeitenden. In kapitalistischen Gesellschaften, in denen doch dem Prinzip nach nur Eigentum Sicherheit schafft, kamen auch Menschen, die selbst kein Eigentum besaßen, in den Genuss sozialer und ökonomischer Sicherheit. Selbst in Situationen der Nicht-Erwerbstätigkeit vermochten abhängig Beschäftigte die historische Erfahrung existenzieller Unsicherheit hinter sich zu lassen.

In den "goldenen Jahren des Kapitalismus" schien die Zukunft sowohl individuell als auch kollektiv gestaltbar. Grundlage all dessen war ein ganzes Set von normativ begründeten und durch formelle Institutionen abgestützten sozioökonomischen Sicherheiten, die eine spezifische Normalität von Arbeit gewährleisteten.

Allerdings sorgte die Koinzidenz von starkem Wirtschaftswachstum und Ausbau sozialstaatlicher Strukturen im Verlauf der europäischen Nachkriegsentwicklung dafür, dass die Frage nach deren wechselseitiger Abhängigkeit verdrängt wurde. Doch schon seit den Umbrüchen der 1970er Jahre und dann verstärkt seit dem Kollaps des real existierenden Sozialismus nach 1989 wurde erkennbar, dass sozioökonomische Sicherheit keinesfalls eine notwendige Begleiterscheinung oder, wie es lange Jahre schien, gar eine Voraussetzung von Wirtschaftswachstum ist; heute wird sie als eine "Verkrustung" und daher als ein Hindernis gesehen. Seit der globale Standortwettbewerb den Systemwettbewerb von Kapitalismus und Sozialismus verdrängt hat, zeigt sich, dass soziale Rechte und die daran geknüpften Sicherheiten auch in den reichen Industrieländern zur Disposition stehen, wenn politische Interessen an sozialer Gerechtigkeit nicht mit dem Strom der Kapitalakkumulation, sondern - wenn überhaupt - nur gegen diesen durchgesetzt werden können. Damit einhergehend wächst im Süden und Osten des Globus der "informelle Sektor", im Norden und Westen weiten sich die Grauzonen zwischen formeller, informeller und illegaler Arbeit.

Transformation der Arbeit in die Informalität

Zwar müssen Daten über informelle Arbeit, die informelle Wirtschaft oder die Schattenwirtschaft - die Begriffe bezeichnen nur zum Teil identische Sachverhalte - mit Vorsicht interpretiert werden. Doch gleichgültig wie gemessen und geschätzt wird: die Bedeutung der Informalität nimmt zu, verstärkt seit Beginn der 1990er Jahre. Dies gilt vor allem für die Länder der so genannten Dritten Welt und seit dem Kollaps des real existierenden Sozialismus auch in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas. In vielen Weltregionen, in Lateinamerika, Afrika und Asien zumal, sind mehr Menschen informell als formell beschäftigt.

Doch auch in den entwickelten Industrieländern Nordamerikas und Europas verliert seit den 1970er Jahren das arbeits- und sozialrechtlich regulierte "Normalarbeitsverhältnis" seine empirische und normative Dominanz. Die Informalität der Arbeit wird zur historischen Tatsache, auch wenn zumindest im westlichen Europa die unbefristete Vollzeitarbeit noch immer die vorherrschende Erwerbsform bleibt. Doch die Bereiche, die nicht normiert sind, werden größer. Es darf davon ausgegangen werden, dass in den Industrieländern etwa ein Viertel der Erwerbspersonen "schwarz arbeitet" oder prekär beschäftigt ist.

Nun ist die förmliche und institutionelle Regelung von Arbeit, Lohn (und Geld, darauf kann hier nicht eingegangen werden) jedoch keineswegs selbstverständlich, weder in der Geschichte der kapitalistischen und heute reichen, westlichen Länder noch in den anderen Weltregionen zu Beginn des 21. Jahrhunderts. Die Grauzonen sind darüber hinaus groß, und sie wachsen. Das gilt insbesondere für die Grauzone zwischen der unbezahlten informellen Arbeit im Haushalt und der bezahlten informellen Arbeit. Dies gilt aber auch für die Grauzonen zwischen bezahlter informeller Arbeit und (prekärer) formeller Arbeit und diejenige zwischen legitimer informeller und illegaler Arbeit. Bei der informellen Arbeit handelt es sich also um ein überaus heterogenes Phänomen. Formalität und Informalität sind Extreme auf einem Kontinuum, an dessen äußersten Ende Informalität in Illegalität und Kriminalität übergeht.

Erosion von Normalität unter dem Druck globaler Standards

Bislang waren es die in einer Gesellschaft verallgemeinerten Normen und die zu Institutionen geronnenen sozialen Formen, die die "Normalität" einer gegebenen Epoche konstituierten. Unter den Bedingungen globaler Transformationsprozesse stoßen gesellschaftsspezifische Normen jedoch auf solche, die in globalen, transnationalen und supranationalen Kontexten gebildet werden - und werden dabei unter Druck gesetzt.

So gesehen ist Informalisierung das Resultat eines Scheiterns an von Menschen geschaffenen Sachzwängen, denen informell ausgewichen wird, um nicht aus der Gesellschaft exkludiert zu werden. Wer die globalen Produktivitätsstandards, die auf dem Weltmarkt gebildet werden, wer die Kriterien für die Kreditvergabe, die von internationalen Institutionen (von IWF oder Weltbank) festgelegt werden usw. nicht erfüllen kann, ist gezwungen, die "normalen Formen", die in der umgrenzten Gesellschaft gelten, zu brechen, zu korrigieren oder zu unterlaufen.

Zum anderen erfüllt der informelle Sektor aber auch die Funktion einer Art Schwamm für all die Arbeitskräfte, die in der Folge des globalen Standortwettbewerbs "überflüssig" geworden sind. Dieser positive Effekt des informellen Sektors, Arbeitskräfte (darunter viele Frauen) zu binden und Einkommen selbst dort zu schaffen, wo die formelle Ökonomie schrumpft, lässt sich allerdings nur um den Preis hoher und wachsender sozioökonomischer Unsicherheit erzielen.

Über den "informellen Sektor" in den Ländern des Südens wird meist in entwicklungstheoretischen Kontexten geforscht, und selten werden diese in eine Verbindung zur "Krise des Normalarbeitsverhältnisses" in den westlichen Industrieländern gebracht. Selbstverständlich müssen die erheblichen ökonomischen, sozialen und kulturellen Differenzen zwischen und innerhalb der einzelnen Weltregionen in Betracht gezogen werden. Doch gleichzeitig gibt es eine Dynamik globaler Transformationsprozesse, welche dafür sorgt, dass strukturelle Ähnlichkeiten sichtbar werden: zwischen den Ein-Personen-Unternehmen des informellen Sektors in den Ländern der Südhalbkugel, den Kofferhändlerinnen in den Transformationsländern Mittel- und Osteuropas, den abhängig Beschäftigten in den Sweatshops der global vernetzten Hersteller von Konsumgütern und der Entwicklung von prekären Beschäftigungsverhältnissen und neuen Formen von (schein-)selbständiger Arbeit in den westlichen Industrieländern. Alles dies sind Beschäftigungsverhältnisse ohne soziale und ökonomische Sicherheit. Denn die gestandene Straßenhändlerin in Mexiko City, die "auf eigene Rechnung" arbeitet und von ihrem mageren Einkommen eine ganze Familie ernährt, der junge chinesische Migrant in einem Sweatshop in Neapel, der Jeans für einen großen Einzelhändler zusammennäht, und die alleinerziehende Verkäuferin in einer Wal-Mart-Filiale in Minneapolis/ Minnesota - oder in einer Plus-Filiale in Dortmund - haben doch etwas gemeinsam: Sie alle sind mit jener Grunderfahrung existenzieller Unsicherheit konfrontiert, die für vor-fordistische Zeiten des Kapitalismus charakteristisch war. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts hat diese existenzielle Unsicherheit selbstverständlich andere Ausdrucksformen als am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts; heute geht diese Erfahrung mit Zukunftsangst und der Angst vor dem "sozialen Absturz" einher, mit physischem und psychischem Stress, der sich zu veritablen Krankheitsbildern verdichtet, mit Entwürdigung, Demütigung und Armut in der Erwerbsarbeit.

Soziökonomische Unsicherheit als Element einer neuartigen Herrschaftsform

Dennoch mag es irritieren, wenn hier die Verhältnisse in den OECD-Staaten, in denen es noch immer tragfähige Strukturen sozialstaatlichen Schutzes gibt, in einem Atemzug mit der Ausbreitung des informellen Sektors in der so genannten Dritten und in der ehemaligen Zweiten Welt genannt werden. Doch nur in der Zusammenschau lassen sich die Informalisierung und die Prekarisierung der Arbeit als graduell abgestufte Ausdrucksformen der Globalisierung von Unsicherheit entschlüsseln. Auch die Prekarisierung der Erwerbsarbeit muss als Element einer neuartigen Herrschaftsform interpretiert werden, die auf einer "zum allgemeinen Dauerzustand gewordenen Unsicherheit" (P. Bourdieu) aufbaut. Mit anderen Worten: Die Informalisierung der Arbeit ist nicht als eine unbeabsichtigte Nebenfolge des sozioökonomischen Wandels zu verstehen, der durch die Globalisierung bedingt und beschleunigt wird, sondern das politische Projekt einer gespaltenen Modernisierung. Wo förmliche Institutionen fehlen oder dereguliert, abgebaut und zerstört werden, und wo sich Verhältnisse der Informalität breit machen, verringert sich die sozioökonomische Sicherheit. Mit der politischen Deregulierung von Märkten, der Liberalisierung der ökonomischen Beziehungen und der Privatisierung öffentlichen Eigentums wächst zugleich die Verletzbarkeit der Menschen durch externe Schocks, seien dies Finanz- und Wirtschaftskrisen oder Umwelt- und Ernährungskrisen. Dies ist in weiten Teilen der Welt heute der Fall.

Durch das Alternieren zwischen Beschäftigung und Erwerbslosigkeit, Überarbeitung und Unterbeschäftigung, erzwungener räumlicher Mobilität und prekärer Sesshaftigkeit wird menschliche Sicherheit zu einer bestenfalls temporären Erfahrung. Mentalitätsprägend aber wird eine "Kultur des Zufalls", die viele Ähnlichkeiten mit der des Pauperismus im 18. und 19. Jahrhundert aufweist.

Ist der Blick erst einmal auf die "endemische Unsicherheit" (Z. Baumann) fokussiert, werden auch fließende Übergänge erkennbar: von der informellen zur prekären Arbeit in der formellen Ökonomie, zu den austauschbaren just-in-time-Beschäftigten für Routineaufgaben, zu den neuen (Schein-) Selbständigen und selbst zu den Freelancern, den hochspezialisierten Mitarbeitern auf Zeit, die die "New Economy" bevölkern.

Lebendige Demokratien sind jedoch auf Menschen angewiesen, die einem selbstgesteuerten, vernünftigen Lebensplan folgen, selbstverantwortlich handeln und entscheiden können; werden Menschen indes unter dem Signum der "Flexibilisierung" dieser grundlegenden Freiheit beraubt und müssen einen Großteil ihrer Energien auf das tägliche Überleben konzentrieren oder Angst vor dem sozialen Absturz haben, so ist dies eine denkbar schlechte Basis für ein Denken und Handeln in gesellschaftskritischer Perspektive. Wer Angst hat, ist empfänglich für konservative oder gar rückwärtsgewandte Entscheidungen, die es vermeiden, die Grundlagen und die Legitimität der gegebenen gesellschaftlichen Ordnung zu hinterfragen; eine solche Person wird kaum größere Veränderungsbereitschaft an den Tag legen, mit der ist schwerlich eine andere, zukunftsfähige Gesellschaft zu gestalten.


Birgit Mahnkopf ist Professorin für Europäische Gesellschaftspolitik an der Fachhochschule für Wirtschaft Berlin, Vorsitzende der "Vereinigung deutscher Wissenschaftler e.V." (VDW) und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats von Attac Deutschland.

Der Beitrag ist die stark gekürzte Fassung des Texts "Vom Verlust sozioökonomischer Unsicherheit in Zeiten der Globalisierung", in: B. Mahnkopf (Hg.)(2003), Globale öffentliche Güter - für menschliche Sicherheit und Frieden, Berlin (Berliner Wissenschaftsverlag), S. 83-104


Literatur

Altvater, Elmar/Birgit Mahnkopf 2002: Globalisierung der Unsicherheit. Arbeit im Schatten, schmutziges Geld und informelle Politik, Münster.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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  • Leporello, 1010 Wien
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  • b_books, Berlin

 

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