Prekäre Räume
"Eine Hand voll Männer und Frauen kämpfen nachts gegen Hygienesünder,
Konzessionsmuffel und Illegale." (Wiener Bezirksblatt Nr. 07/2004)
"Bei der Kontrolle der Prostituierten in Rotlicht-Bars beanstandete das Team
KIAB (Kontrolle illegaler Ausländerbeschäftigung) 25 Prostituierte. Sie
verfügten laut Polizei über keine Bescheinigung über den regelmäßigen Besuch
beim Amtsarzt, hatten also keinen sogenannten Deckel. Insgesamt verzeichneten
die Kontrolleure 32 illegal beschäftigte Personen." (APA-Meldung am
18.03.2005)
Das Stuwerviertel, in dem ich wohne, ist ein Teil Wiens, in dem die Bevölkerung
empfindlicher ist als in anderen Stadteilen, zumindest sagen uns das
diejenigen, die für die verwaltungstechnischen Interventionen in diesem Raum
zuständig sind. Dreck, Schmutz einerseits und Sexarbeit, Illegalität und
Kriminalität andererseits werden in solchen Argumentationen an erster Stelle
genannt. Die Stimmen von SozialwissenschafterInnen, die das Gegenteil behaupten
und ein hohes Sicherheitsgefühl attestieren, werden von politischer Polemik
übertönt. Die Jagd auf die SexarbeiterInnen setzt sich in der auf
Illegalisierte fort, und zwar mit einem enormen Säuberungswillen, nicht nur was
die Menschen betrifft. Dieser Wille steckt Menschen ohne Papiere in Gefängnisse
oder schneidet die Büsche am Mexikoplatz, wo die Kinder gespielt haben, weil
dort angeblich eine Spritze gefunden wurde: mediengerecht gefunden, weil die
Bezirkszeitung dabei war und in einem zweiseitigen Artikel darüber berichtete.
Das Eingreifen in die von bestimmten Ereignissen herausgeforderte Normalität
darf eben nicht als Willkür oder Machtmissbrauch erscheinen dürfen. Dieses
Eingreifen hat heutzutage den Charakter der Fürsorge. Es gibt immer jemanden,
der/die beschützt gehört, jemanden als potenzielles Opfer, in dessen Namen mit
allen verfügbaren Mittel angegriffen wird. Das unendliche Gebiet der Sicherheit
ist der Diskurs, der eine neuerliche Anordnung der europäischen, ehemals
nationalstaatlichen, Territorien ermöglicht.
Der Wille zur Ordnung ist ein starkes Motiv, und im Stuwerviertel findet er
seinen Durchbruch. Dies alles trägt weniger zur Problemlösung bei, sondern
fokussiert und strukturiert vor allem die Art und Weise, wie ein Problem
wahrgenommen wird. Kurz: wenn die Illegalisierten gejagt werden, heißt das
auch, dass SIE das Problem sind und nicht das dahinter stehende Reglement, das
zur Illegalisierung führt. Diese und ähnliche Maßnahmen treffen aber nicht nur
die hier wohnenden Menschen, sondern auch diejenigen, die keinen Bezug zum
Stuwerviertel haben, wie das z.B. bei den "Schutzzone" am Karlsplatz und im 15.
Bezirk der Fall ist. Alles, was nicht ins Bild einer sauberen und ordentlichen
Stadt passt, stört. Dass ausgewählte Bevölkerungsgruppen aus bestimmten Zonen
des öffentlichen Raumes verdrängt werden, ist eine alte normierende Taktik. Bis
heute gilt Paragraph 78 aus dem Strafgesetzbuch, der das "zwecklose"
Herumhängen verbietet, und bis heute wird er z.B. gegenüber Punks auf der
Mariahilfer Straße auch durchgesetzt. Die Geschichte zeigt ein Bild der
Beschränkungen des Zugangs zu Räumen, da brauchen wir nur an Juden und
Jüdinnen, an Roma, an SexarbeiterInnen oder einfach an die so genannten
VagabundInnen denken. Es ist ein andauernder Kampf um öffentlichen Raum, der
stattgefunden hat und weiterhin stattfindet.
Etwas unterscheidet uns aber von Vergangenem. Gesetze wie der § 78 des StGB sind
eigentlich nur Relikte. Solche Art der Benennung der Gründe, warum sich jemand
nicht im öffentlichen Raum aufhalten sollte, ist seit langem nicht mehr unsere
Realität. Die Normalität, die wir kennen, ist subtiler geworden, wie z.B. die
Gürtelsanierung zeigt. Die Obdachlosenberatungsstelle blieb, wo sie war, aber
die Sitzbänke wurden abmontiert. Parkanlagen werden mittels Parkverordnungen
reglementiert und durch bauliche Maßnahmen transparenter und überschaubarer
gestaltet. Diese Überschaubarkeit war das Leitmotiv für die Gürtelsanierung und
gilt heute auch bei den Aktionen im Stuwerviertel. Am 30.03.2005 vereinbarten
der rote Wiener Bürgermeister und die schwarze Innenministerin die weitere
"Auslichtung" des herumwuchernden Gebüschs und das weitere Aufstellen von
"Beleuchtungskörpern". Die Überwachung stand dabei genauso am Programm wie die
Aktionen gegen Bettelei. Wir erleben hiermit hautnah, wie die Vorvereinbarungen
für die zukünftige mehr oder weniger sichere große Regierungskoalition
öffentlich wirksam im Sicherheits-, Ordnungs- und Überschaubarkeitsbereich
stattfindet. Überschaubar natürlich auch für die andauernd präsenten
Polizeistreifenwagen. Die politischen Bemühungen, die - aus welchen Gründen
auch immer - Ordnung repräsentieren sollen, gipfeln jedenfalls in einer
polizeilichen Strategie.
Eine weitere Facette dieser Strategie wird mit "Schutzzone" und Wegweisungsrecht
zur Zeit am Karlsplatz zelebriert. Es ist zu erwarten, dass wir im
Stuwerviertel demnächst auch solche Zonen kennenlernen, zumindest arbeiten
einige BezirkspolitikerInnen fleißig daran. Die Vorgeschichte dieser Maßnahmen
sind, neben dem "Willenstrafrecht" des NS-Regimes - daher rührt der andauernde
Applaus seitens der Freiheitlichen Partei -, die Zwangsmaßnahmen gegen die
MigrantInnen. Von der Möglichkeit, unerwünschte Personen vom staatlichen
Territorium zu entfernen, macht die Polizei seit je regen Gebrauch. Die
Nationalstaaten sind eigentlich bevölkerungspolitisch gesehen nichts anderes
als große "Schutzzonen". Die Gefängnisse sind eben nicht nur wegen der
Delinquenz so überfüllt, sondern weil dort Menschen, teilweise auch jahrelang,
auf ihre Abschiebung warten. Betroffen von der Ausbreitung dieser
Wegschaffungsstrategie sind aber langsam nicht mehr nur diejenigen, die kein
Recht auf Rechte haben, sondern alle sozialen Randgruppierungen: Drogenkranke,
Alkoholabhängige, Obdachlose, Punks, BettlerInnen (auf die letzteren hat vor
allem die Stadt Graz ihr restriktives Auge geworfen), usw. Vordergründig werden
die Maßnahmen der Sperrzone mit der Wiederherstellung der Sicherheit im
öffentlichen Raum begründet. Zur Rechtfertigung dieser Vorgangsweise müssen
diejenigen geradestehen, denen die unumkehrbare Opferrolle zusteht, die Kinder.
So am Karlsplatz, um die "Schutzzone" um die Schule zu errichten, so im 15.
Wiener Gemeindebezirk und so auch am Mexikoplatz, um Busch und Bäume zu
schneiden.
Es muss keine nachgewiesene strafbare Handlung vorliegen, damit jemand ein
Zutrittverbot erhält. Es geht in erster Linie eben nicht darum, die Delinquenz
oder nachgewiesene Straftaten zu verringern, sondern das Ziel der Maßnahmen ist
es, diejenigen zu befriedigen, die im öffentlichen Raum nicht sehen wollen, was
ihren Normalitätsvorstellungen widerspricht. Die Suchtkranken haben am
Karlsplatz vor der Karlskirche genauso wenig zu suchen, wie sie vor der
Votivkirche einen Platz haben dürfen. Das sind die Räume für die besser
stehenden Eingeborenen und für die TouristInnen. Ähnliches passierte letztes
Jahr den Obdachlosen; sie wurden aus der Meldemannstraße im 20. Bezirk ins
Jenseits der Wiener Linien übersiedelt. Die Stadtpolitik nimmt damit in Kauf,
das Sicherheitsgefühl einer nicht näher definierten Menge von Menschen auf
Kosten von sozialen Randgruppen zu stärken, indem diese aus den öffentlichen
Räumen verdrängt werden. Dabei spielt aber z.B. im Stuwerviertel das
Unsicherheitsgefühl der Menschen nach der Studie von Gerhard Hanak vom Institut
für Rechts- und Kriminalsoziologie keine große Rolle. Es scheint eher so zu
sein, dass wir hier die Durchsetzung eines ganz bestimmten Ordnungsdiskurses
miterleben: darum alle die von Zeit zu Zeit herumwandernden
Betonstraßensperren, darum die ununterbrochene Polizeipräsenz, wo man nur
hinschaut, und darum auch die Menschenjagd durch die nächtliche Lokalszene.
Geschweige denn die Überlegungen, den Autos mit Gänserndorfer, Mistelbacher und
Hollabrunner Kennzeichen den Zutritt zum Stuwerviertel zu verbieten. Überall
entstehen neue Grenzen, neue Mauern, und überall werden diese mit neuesten
Sicherheits- und Überwachungstechniken verbunden.
Dass allein die Anwesenheit von Menschen ein strafrechtlich relevanter Vorgang
ist, das bezweifle ich grundsätzlich. Hier geht es aber um etwas anderes,
nämlich darum, dass die Politik in Hinblick auf den öffentlichen Raum nicht auf
die kriminellen Handlungen zielt. Es ist im Migrationsregime schon nicht mehr
möglich, zwischen echten Vergehen und Irritationen oder Populismen zu
differenzieren. Und um alle diese Linien der Herrschaft in eine Ordnung zu
bringen, wird die Polizei eingesetzt. Eine der Folgen dieser Entwicklung
scheint mir schließlich auch die gegenwärtige Tendenz zur Kunst im öffentlichen
Raum zu sein. Überall schießen Kommissionen aus dem Boden, die die Aufgabe
haben, diesen so gründlich polizeilich beackerten Raum mit künstlerischen
Werken zu bestücken und dadurch "Irritationen" hervorzurufen. Irritationen für
die Mittelschicht in einer gesäuberten Stadt.
Ljubomir Bratic ist Philosoph und Publizist, lebt im Stuwerviertel in Wien.
