Red Lion und Pink Pussy — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
 

Red Lion und Pink Pussy

Hito Steyerl

Um den Unterschied zwischen gegenwärtigen und historischen Formen von Arbeit zu verstehen, empfiehlt sich ein Spaziergang im Londoner Stadtteil Soho. Dort hat bekanntlich Karl Marx unter den ärmlichsten Bedingungen gelebt. Dort traf er sich aber auch mit seinen Kollegen der Internationale, und zwar im ersten Stockwerk einer Kneipe namens Red Lion, wie eine Plakette an der Hauswand erläutert. Wir können davon ausgehen, dass dort das Schicksal der Arbeiterklasse im Allgemeinen und Besonderen diskutiert worden ist, ebenso wie ihre Organisation im Rahmen von Fabrik, Gewerkschaft, Nation und schließlich Partei. Der Red Lion steht für den Anfang einer Entwicklung, die ein ganz bestimmtes Modell des Paradearbeiters und seiner (nicht ihrer) Form der Organisation entwickelte. Das Modell des stählernen männlichen Arbeiters ist allgemein bekannt, und wem dieser Typus entgangen ist, dem genügt ein Blick auf die Fassaden etlicher Wiener Gemeindebauten, auf denen sich diese Figur mit den hochgekrempelten Ärmeln und dem trotzig emporgereckten Kinn aus Gusseisen bis zum heutigen Tag behauptet. Ja, genau der - und erfunden wurde er im Red Lion.

Um zu verstehen, wie die Arbeiterklasse sich innerhalb der letzten 150 Jahre verändert hat, genügt ein Blick über die Straße. Denn dort hat sich - direkt gegenüber vom Red Lion - ein Etablissement namens Pink Pussy angesiedelt. Auch ein Modell einer Arbeiterin aus diesem Lokal hängt an der Straßenecke groß an der Wand - in Form eines Werbeplakats, das durch etwa 5 Meter hohe netzbestrumpfte Beine dominiert wird. Wir können davon ausgehen, dass dessen weibliche Belegschaft an einer Organisation im Rahmen von Fabrik, Nation, Gewerkschaft und Partei weniger interessiert ist. Und die wackeren, trinkfreudigen Internationalisten der ersten Stunden hätten diese Arbeiterinnenschaft wahrscheinlich als solche kaum wahrgenommen. Dennoch ist die Sache klar. Wer heute wissen will, was Arbeit ist, muss im Pink Pussy fragen - nicht im Red Lion.

Aber warum? Ist doch die durchschnittliche Arbeiterin im Pink Pussy das absolute Gegenteil des Arbeiters Marke Red Lion. Erstens ist sie eine Sie und kein Er. Zweitens treffen weder die Bestimmungen von Fabrik, Gewerkschaft, Nation und Partei auf sie zu. Statt in der Fabrik arbeitet sie in einer Bar. Im Regelfall gehört sie jeder anderen als der britischen Nation an. Partei fällt in den Zeiten von New Labour definitiv flach. Und die Gewerkschaften? Sind hier damit beschäftigt, linksreaktionäre Bündnisse mit konservativen Muslimen zu schmieden.

Aber gerade weil keiner der Begriffe aus dem Red Lion auf sie zutrifft, ist die Arbeiterin im Pink Pussy das Modell der Gegenwart. Arbeitsvertrag? Gibt es nicht. Produkt? Affekt. Nation? Prostitution! Und genau das heißt heutzutage Arbeit. Denn Hand aufs Herz: Wer von uns hangelt sich nicht von halbseidenem semikreativem Blowjob zu Blowjob?

Wie lange wird es also dauern, bis Mme. Pink Pussy die Wände der Gemeindebauten von Wien ziert? Aber zunächst heißt es im Red Lion: Last order.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien