Der Sternenhimmel über mir und das Gesetz der Flexibilität in mir
Endlich Menschen in der Regierung! Welch eine epochale Umwandlung, vielleicht
sogar eine Revolution, die erste proto-, basis-, ur-, meta-, supra-, ultra-,
extra-, möglicherweise auch antidemokratische Revolution des dritten Milleniums
- obwohl leider in diesem Jahr erst die zweite in orange! Die Farben sind aber
unwichtig, in unserer postideologischen Zeit sind sie bloß eine
Dekorationssache. Die Inhalte sind entscheidend, und die muss man vor Augen
halten. Als also am historischen Montag des vierten Apriltages anno domini 2005
der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel auf die Frage, ob nun noch
die FPÖ oder die BZÖ sein Koalitionspartner sei, antwortete, sein
Koalitionspartner seien Menschen, hat er - haben wir alle! - den ersten Schritt
in eine neue politische Zukunft gemacht. Bisher haben die Politiker unsere Welt
nur durch verschiedene Koalitionsverträge regiert. Er, Schüssel, hat sie
geändert. Die Welt! Im Ancien Regime seien es Parteien - die von den kleinen
Leuten entfremdeten, durchaus korrumpierten, bürokratisierten, nur noch an
Machtausübung orientierten Repräsentationsformen politischen Willens und
sozialer Interessen - gewesen, die unser Schicksal im System der
parlamentarischen Demokratie bestimmt haben. Ab heute sind es einzelne
Personen, die sich durch individuelle Koalitionsvereinbarungen an der Macht
beteiligen, natürlich nachdem sie sich als "konstruktive Partner" und Vertreter
einer "absolut korrekten Politik" behauptet haben, was etwa nach der
Einschätzung des Bundeskanzlers der Fall ist bei Jörg Haider .
Viele sind blind für die epochale Reichweite dieser Revolution geblieben:
besonders die linken Dogmatiker, und zwar aus einem ganz bestimmten Grund. Sie
haben nämlich die allgemeine Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse, die
bekanntlich schon längst globale Dimensionen eingenommen hat, ausschließlich
aus einer Opferperspektive gesehen. So sahen sie überall nur jene elenden
Kreaturen, die an den Rändern - oder auch außerhalb - des westlichen
Arbeitsmarktes um ihr Überleben kämpfen: Jene in den Sweat Shops sieben Tage in
der Woche schuftenden Frauen und Kinder, als billigste Arbeitskräfte jobbende
Heimat- und Papierlosen, Sexsklavinnen, aber auch Intellektuelle, Kultur- und
Kunstschaffende jeder Art, die ihr Brot weltweit außerhalb der so genannten
Normalarbeitsverhältnissen verdienen, kurz das neue globale Proletariat. Die
linke Antwort darauf? - Larmoyante aber wirkungslose Solidarisierungsappelle.
Schluss damit! Öffnen wir uns dem Neuen, jenem politisch Neuen, das der
Bundeskanzler mit einer beispiellosen Courage auf die Welt gebracht hat. Es ist
Wolfgang Schüssel allein, der in der Diskontinuität und Mobilität, in den
unregelmäßigen, brüchigen und prinzipienlosen Koalitionsvereinbarungen, in
einer allgemeinen Erosion demokratischer Grundwerte und moralischer Rücksichten
den epochalen Fortschritt erkannt hat. Er allein ist es, der die allgemeine
Prekarisierung der bisher bekannten Realdemokratie zum Prinzip der
nationalstaatlichen Politik gemacht und weltweit die erste absolut flexible
demokratische Regierung ins Leben gerufen hat. Österreich ist frei! Von all den
demokratischen und moralischen Prinzipien außer einem - der totalen
Flexibilität. Als am Montag des vierten April Schüssel auf die Frage nach
möglichen Neuwahlen geantwortet hat: "Ich schließe weder etwas aus noch ein",
wurde die neue Weltepoche endlich verkündet. Ausgerechnet in Österreich. Weil
nur hier sind Menschen in der Regierung. Und zwar nicht irgendwelche, sondern
die flexibelsten, die man sich vorstellen kann. Hoch lebe das flexible Neue!
Endlich können wir es radikal weder aus- noch einschließen.
