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Kulturrisse Ausgaben 02/2004 Oppositionen Wahrnehmung von Schwarzen Frauen afrikanischer Herkunft in der Kulturarbeit
 

Wahrnehmung von Schwarzen Frauen afrikanischer Herkunft in der Kulturarbeit

Ishraga Mustafa Hamid

In diesem Text beschäftige ich mich mit der Frage nach der Wahrnehmung Schwarzer Frauen im Kunst- und Kulturbereich. Damit stelle ich mehrere Fragen zugleich: Welches Bild zeichnet die Mehrheitsgesellschaft von Schwarzen Frauen? Und wie sehen sie sich selbst? Wie steht es um den Zugang zu Ressourcen und finanziellen Mitteln für ihre Projekte? Und wie steht es um die Sichtbarkeit und Anerkennung durch die Mehrheitsgesellschaft bzw. durch andere MigrantInnen-Communities?

Wie ich zeigen werde, ist die Wahrnehmung von Schwarzen Frauen in der Kulturarbeit mit der allgemeinen, politischen, sozialen und rechtlichen Situation Schwarzer Menschen in Österreich eng verflochten. Es ist daher notwendig, einen Einblick in ihre Lebensrealitäten in diesem Land zu geben. Zwischen 1997 und 2002 führte ich vier Studien über Schwarze Frauen bzw. Musliminnen in Wien durch. Anhand der Ergebnisse dieser Studien kann grundsätzlich festgestellt werden, dass die Lebens- und Arbeitssituation Schwarzer Frauen äußerst prekär ist.

Lebens- und Arbeitssituation Schwarzer Frauen in Österreich

Die Studie "Rassismus- und Sexismuserfahrungen afrikanischer Migrantinnen in Wien" (1997) ergab, dass von 100 befragten Frauen nur drei eine Arbeitsstelle (bei der UNO) hatten, die ihrer Qualifikation entsprach. Die restlichen 97 Befragten konnten – wenn überhaupt – nur Jobs als Hilfsarbeiterinnen finden. Diese Beschäftigungen liegen weit unter dem Ausbildungsniveau der Frauen. Denn ca. 80% der Befragten hatten einen Mittelschulabschluss und 37% einen akademischen Titel einer Hochschule oder Universität. Obwohl die Schul- und Ausbildungssysteme in den Herkunftsländern der Schwarzen Frauen sehr unterschiedlich waren, betrug die durchschnittliche Schulbesuchsdauer 14 Jahre. 80% der Befragten fühlten sich in Wien nicht zu Hause, was zu Gefühlen von Ausgrenzung und Entfremdung führte.

Die Studie "Rassismus, Sexismus, Erfahrungen afrikanischer Migrantinnen in Wien" führte ich 2001 durch. Alle der 50 befragten Frauen gaben an, dass sie ständig aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft und ihres Geschlechts diskriminiert werden. In den Medien und den Diskursen der Mehrheitsweißen werden sie als Objekte und als sexuell verfügbar dargestellt. Die unzähligen Erlebnisse der Befragten zeigen, wie massiv Schwarze Frauen mit Rassismus und Sexismus seitens der weißen Mehrheitsbevölkerung konfrontiert sind. Eine Afro-Österreicherin musste sich von betrunkenen männlichen Jugendlichen etwa Folgendes anhören: "Komm, ich zahle" und "akzeptiere uns als Meister".

Schwarze Frauen empfinden die von den Medien transportierten Bilder über Afrika als eine massive Verletzung, die als positiver und als negativer Rassismus erlebt wird. Positiver Rassismus zeigt sich z.B. an Bildern von schönen afrikanischen Frisuren und Kleidern, die als exotisches Anderes vorgeführt werden. Der negative Rassismus wird an Bildern deutlich, die Schwarze Menschen ausschließlich im Kontext von Armut oder AIDS präsentieren, oder wie im Fall Schwarzer Frauen, im Kontext von Unterdrückung oder Genitalverstümmelung.

Im Rahmen dieser Studie befragte ich auch 20 ÖsterreicherInnen (zehn Frauen und zehn Männer) zu ihren Vorstellungen über Afrika bzw. Afrikanerinnen. An den wiederholten, stereotypen Antworten konnte ich feststellen, dass sie sich an rassistischen, sexistischen und homophoben Klischeebildern orientieren. Ein Befragter drückte sich beispielsweise so aus: "Afrikanerinnen sind gut im Bett. Europäerinnen sind gut im Büro."

Die Studie "Reproduktive Gesundheit von Frauen aus Afrika und aus dem arabischen Raum" (2000) ergab, dass Afrikanerinnen massive Gesundheitsprobleme haben. Sie leiden oft unter Depressionen, Kopfschmerzen und Magenbeschwerden. Sie fühlen sich im Gesundheitsbereich diskriminiert. Als ausgrenzend erleben sie nicht nur die Haltungen und Handlungen von Mehrheitsösterreicherinnen, sondern auch jene von anderen Migrantinnen, die in diesem Bereich z.B. als Reinigungskräfte tätig sind. Denn die rassistischen und sexistischen Strukturen der Mehrheitsgesellschaft, die Menschen in Kategorien einteilen, wirken auch auf MigrantInnen. Hierarchien und Asymmetrien werden von ihnen verinnerlicht und reproduziert.

Wie der österreichische Staat mit der Schwarzen Community umgeht, lässt sich an den Fällen Marcus Omofuma oder Seibane Wague ablesen. Die Schwarzen Brüder werden als Drogendealer dargestellt, sie werden durch den Staat und die weiße Mehrheitsgesellschaft kriminalisiert. Die Schwarzen Schwestern sind in Österreich mit Mehrfachdiskriminierungen konfrontiert. Nicht nur aufgrund ihrer Hautfarbe, ihrer Herkunft, sondern auch aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Sexualität werden sie benachteiligt und ausgegrenzt. Sehr deutlich zeigt sich dies etwa am Arbeitsmarkt. Wird Schwarzen Frauen der Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt gestattet, so werden sie zuerst in den eurozentristischen Blickwinkel eingepasst, dem zufolge das einzige Problem Schwarzer Frauen z.B. die Genitalverstümmelung sei. Dieses eurozentristische Bild dient dann in einem weiteren Schritt dazu, die Frauen in bestimmte Arbeitsbereiche abzudrängen.

Schwarze Frauen in der Kulturarbeit

Die Frage nach der Sichtbarkeit und Anerkennung der Kulturarbeit von Schwarzen Frauen hängt unmittelbar mit der Definition des Begriffs "Kulturarbeit" zusammen. Schwarze Frauen definieren den kulturellen Bereich als einen Ort der Befreiung und der Emanzipation. Sie sehen kulturelle Arbeit als ein Mittel zur Selbstermächtigung und zur Ermächtigung ihrer Community. Kulturarbeit bedeutet für Schwarze Frauen auch die Möglichkeit, Identitäten zu politisieren und sie für gesellschaftliche Veränderung einzusetzen.

Zur Fragestellung der Sichtbarkeit und Anerkennung habe ich drei in der Kulturarbeit engagierte Schwarze Frauen interviewt. Sie sind Aktivistinnen der Schwarzen Community bzw. der österreichischen Zivilgesellschaft. Zwei der Interviewpartnerinnen sind Afro-Österreicherinnen, d.h. sie sind in Österreich geboren und aufgewachsen. Eine von ihnen lebt seit neun Jahren in Österreich und hat zwei Kinder. Zur Zeit des Interviews waren alle drei Frauen zwischen 29 und 36 Jahre alt und lebten in Wien.

Die Wahrnehmung von Schwarzen Frauen in der Kulturarbeit bewegt sich zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Denn die Öffentlichkeit wird von Weißen dominiert: "Als exotische und andersartige Ausstellungsobjekte sind Schwarze Frauen in der weißen Öffentlichkeit sehr sichtbar. Unsichtbar hingegen sind subjektive, selbstbestimmte Artikulationen Schwarzer Frauen." Eine der Interviewpartnerinnen spricht von "purem Exotismus", der mit einem "unguten Touch von interkulturellem Rassismus" einher geht. Sie weist auf die Ignoranz und Abwertung durch die weiße Mehrheitsgesellschaft hin: "Schwarze Frauen, die zum Beispiel als kulturelle Mediatorinnen tätig sind, werden als solche nicht anerkannt. Als wären sie nicht vorhanden. Kulturpädagogische Erfolgsprojekte werden zum Teil genehmigt, doch die Etablierung bleibt aus. Sie werden übersehen und verstauben in einer Schublade."

Die dominanten Vorstellungen von Schwarzen Frauen in der Kulturarbeit sind nicht von den allgemeinen Klischeebildern zu trennen, die die Medien von ihnen zeichnen. Ein Beispiel: Einerseits wird Schwarzen Frauen unterstellt, dass sie gute Tänzerinnen und Trommlerinnen seien. Die Musik liege ihnen sozusagen "im Blut". Andererseits werden sie als "Anhängsel" ihrer Ehemänner betrachtet und dadurch unsichtbar gemacht. Die Frage nach der Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit bzw. nach der Sichtbarmachung/Unsichtbarmachung Schwarzer Frauen stellt sich aber nicht nur in dominanten Kontexten. Auch in engagierteren Zusammenhängen wie etwa der Ausstellung "Gastarbajteri. 40 Jahre Arbeitsmigration" im Wien Museum (22. 01. bis 11. 04. 2004) drängt sich diese Frage auf. Warum repräsentieren wieder nur Schwarze Männer die Situation von ArbeitsmigrantInnen afrikanischer Herkunft?

Schwarze Frauen sind einerseits durch ihre Hautfarbe und durch den medialen und intellektuellen Rassismus sichtbar. Andererseits werden sie als Individuen unsichtbar gemacht. Ihre Anwesenheit, ihre Kompetenzen und ihr Engagement werden negiert bzw. nicht anerkannt.

Schwarze Frauen entwickeln unterschiedliche Strategien, um ihre Erlebnisse mit Rassismus und Sexismus in der Kulturarbeit zu bewältigen. Ihre Reaktionen reichen vom Rückzug aus dem Kunst- und Kulturbereich über den Erfahrungsaustausch im FreundInnenkreis bis zur Selbstorganisation in Gruppen und Vereinen. Eine der Interviewpartnerinnen zog sich beispielsweise aus der österreichischen MusikerInnen-Szene zurück: "Ich bin 1990 aus der österreichischen MusikerInnen-Szene ausgestiegen. Der Grund waren permanente sexuelle Übergriffe."

Kulturarbeit und die eigene künstlerische Tätigkeit sollten als Ort der Befreiung und Selbstermächtigung für Schwarze Frauen angesehen werden. Wie es eine meiner Interviewpartnerinnen formulierte: "Die Bewältigungsprozesse sind ebenso komplex und vielschichtig wie die Unterdrückungsmechanismen. Ein sehr wichtiger Bestandteil dieser Prozesse ist das Sichtbarmachen Schwarzer, selbstbestimmter, weiblicher Subjektivität."

Kooperationen zwischen MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen

Schwarze Frauen treten zunehmend aus der Opferrolle heraus. Sie kämpfen für eine gleichberechtigte Zusammenarbeit. Sie zeigen, dass diese "Opferrolle" eine von MehrheitsösterreicherInnen konstruierte ist. Sie fordern, dass Mehrheitsweiße endlich akzeptieren, dass es andere gescheite Köpfe gibt: "Dieses Mal aus Afrika."

In Hinblick auf eine gleichberechtigte Zusammenarbeit zwischen Schwarzen und weißen Frauen ist es wichtig, Grundlagen zur Bildung von Allianzen zu erarbeiten. Dazu ist es vor allem notwendig, dass "über weiß-Sein und Rassismen in weißen, österreichischen, feministischen Arbeitszusammenhängen diskutiert wird."

Eine Zusammenarbeit zwischen MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen in der Kulturarbeit ist nach Ansicht meiner Interviewpartnerinnen nur möglich, wenn Mehrheitsweiße die alten Konzepte und Modelle ablegen, in denen MigrantInnen meist nicht vorkommen oder ignoriert werden. Es müssen neue Konzepte und Modelle entwickelt werden, in denen MigrantInnen auf allen Ebenen mitbestimmen, vor allem auf der Führungsebene: "Als erstes sollten sie [die Mehrheitsweißen] uns die Leitung übergeben. Ihre Vorstellungen von Integration oder Kulturarbeit verfehlen die Ziele. Sie sind sehr oft kontraproduktiv. Eine Zusammenarbeit ist nur dann vorstellbar, wenn sich die österreichischen Intellektuellen die Krone ‘runternehmen und einmal zuhören, verdauen und ihre Augen richtig aufmachen."

Gefordert wird auch, dass Mehrheitsweiße beginnen, die Auseinandersetzung mit Rassismen und Sexismen in ihren Alltag, ihre Lebenspraxis zu integrieren: "Sie sollten anfangen, außerhalb der Uni zu studieren, also nicht von der Theorie in die Praxis, sondern von der Praxis in die Theorie. Sie sollten sich ohne Scheuklappen mit anderen Kulturen auseinandersetzen. Sie sollten akzeptieren, dass ihre Leiterin eine Schwarze Frau ist. Sie sollten keine Angst vor Neuem und vor Bereicherung haben. Sie sollten gar keine Angst haben, denn ängstliche Menschen verbreiten ihre Angst und Selbstzweifel weiter. Summa summarum: Wenn ich Menschen begegne, die nicht Opfer ihrer eigenen Selbstzweifel sind, steht unserer gleichberechtigten Zusammenarbeit nichts im Wege."

Für eine egalitäre Zusammenarbeit braucht es jedoch auch gleichen Zugang zu finanziellen Ressourcen. Doch sind diese sehr beschränkt und werden extrem hierarchisch verteilt. Neben dem asymmetrischen Verhältnis zwischen MigrantInnen und MehrheitsösterreicherInnen existieren leider auch Hierarchien zwischen MigrantInnen. Diese Hierarchien gründen auf den üblichen, meist miteinander verknüpften Kategorien: Geschlecht, Herkunft, Klasse, Hautfarbe, sexuelle Orientierung usw. Sie werden durch die rassistische, sexistische und klassistische Migrationspolitik westeuropäischer Länder wie Österreich noch verstärkt und wirken auch in den MigrantInnen-Communities.

Um diese Politiken bekämpfen zu können, braucht es viel Kraft für Analysen, aber auch viel Mut für kritische Debatten. In den Worten einer der von mir Befragten: "Kritik sollte ohne Eklat stattfinden können. Sie sollte nicht als Demontage verstanden werden, sondern als ein Prozess. Das heißt, Respekt vor sich selbst und anderen zu lernen."


Ishraga Mustafa Hamid studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Omdurman Universität im Sudan sowie an der Universität Wien. Als Wissenschafterin arbeitet sie zu den Schwerpunkten: Schwarze Frauen, Binnenflüchtlinge, Umweltschutz und Frauenrechte. Sie ist Lektorin am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien und Mitbegründerin des Vereins Schwarze Frauen Community für Selbsthilfe und Frieden (SFC). Seit 11 Jahren lebt und arbeitet sie in Wien.

 
 

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