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Wissen als Betriebsgeheimnis

Lisa Mayr

Es könnte so sein: Je "einfacher" und "übersichtlicher" sich die Welt präsentiert, desto schwieriger lässt sie sich dekonstruieren. Oder: Wie vermittelt man gut 200.000 Studierenden möglichst einfach, dass das Computerprogramm, das sie tagtäglich mit der Selbstverständlichkeit des scheinbaren Fehlens an Alternativen benützen, plötzlich "böse" sein soll?

Eine Frage, die sich die gewählte Bundesvertretung der österreichischen Studierenden (Österreichische HochschülerInnenschaft - ÖH), gebildet aus einer Koalition von grün-alternativen und sozialistischen Studierenden, nicht zum ersten Mal stellte. Mit ihrer aktuellen Kampagne versucht die ÖH unter dem Titel Free People, die allgemeinpolitische Dimension hinter der Frage von Verfügbarkeit und der Möglichkeit der Weiterentwicklung von so genannter freier Software als Alternative zu proprietären Programmen klar zu machen.

Wohl wissend, dass sie sich als gewählte Studierendenvertretung, per legem ausgestattet mit dem Auftrag der Interessenvertretung ihrer studentischen Pflichtmitglieder, mit solch einer Kampagne auf sensibles Terrain begibt. Lautet doch ein häufiger Vorwurf gegenüber der amtierenden ÖH-Exekutive, diese widme sich in Erfüllung ihres allgemeinpolitischen Mandats allzu oft Themen, die wenig Relevanz für die von ihr vertretenen Gruppen hätten. Es galt also, die relativ komplexe Materie der Macht über technologische Standards auf die konkreten Bedürfnislagen der Studierenden herunter zu brechen und das Ergebnis spannend und anschaulich zu präsentieren.

Am 20. März 2004 war es dann soweit: Mit der Aprilausgabe von PROGRESS (dem bundesweiten Magazin der ÖH) landeten nicht weniger als 105.000 kostenlose so genannte Knoppix-CDs mit einfach zu bedienender Open-Source-Software von Linux in den Briefkästen ebenso vieler Studierender in Österreich: eine flächendeckende Versorgung mit alternativer Software, die in dieser Größenordnung hierzulande bislang einzigartig war. Neben dem Gimmick in CD-Form setzte die ÖH auf breite Information der Studierenden durch Broschüren sowie Artikel in PROGRESS und auf ihrer Website. All das mit dem Ziel, den alltäglichen Akt der Verwendung von Software als per se politisch auszuweisen und erkennbar zu machen.

Warum sich eine Studierendenvertretung überhaupt in einer eigenen Kampagne dem Themenbereich freier Software widmet, ist rasch erklärt. Dass der Einsatz von Softwarepatenten heute immer mehr zu restriktiver Schutzpolitik ausartet, die technischen und kulturellen Fortschritt hemmt, folgt einer Tendenz, die sich im Bildungsbereich seit Jahren abzeichnet und die mit der Einführung der Studiengebühren in Österreich nur ihre offensichtlichste Ausformung gezeigt hat. Ob im Hochschulbereich oder bei patentrechtlich geschützten Softwareprogrammen: Das Sprichwort, wonach Wissen Macht sei, traf nie so sehr zu wie heute. Zugang zu und Kontrolle über Wissen entscheiden mehr denn je über die in einer Gesellschaft herrschenden Machtverhältnisse. Das, was eine gut ausgebildete Wissenselite an Forschungsergebnissen und wissenschaftlichen Erkenntnissen generiert, wird heute aber nicht mehr der Allgemeinheit zur Verfügung gestellt - Praxis ist vielmehr, diese Informationen gleichsam als Ware zu behandeln und daraus Profit zu schlagen. Das passiert auf fast allen Ebenen des Patent- wie Urheberrechts.

Als plastisches Beispiel lässt sich die Politik jener wenigen großen Verlage nennen, die alle nennenswerten wissenschaftlichen Fachmagazine herausgeben: Durch die Veröffentlichung wissenschaftlicher Arbeiten geht das Publikationsrecht auf den Verlag über, der von wissbegierigen LeserInnen wiederum horrende Abokosten oder via Internet "Pay-per-View"-Gebühren verlangt. Ein Umstand, der nicht nur all jene interessierten Laien ausschließt, die nicht bereit oder imstande sind, dafür Geld zu bezahlen, sondern auch einen Teil der wissenschaftlichen Einrichtungen. Nicht mehr der allgemeine gesellschaftliche Fortschritt steht damit im Vordergrund der Wissensmaximierung, sondern allein deren kommerzielle Verwertbarkeit.

Im Bereich der Software macht es sich die ÖH mit der Free People-Kampagne daher zur Aufgabe, das vermeintlich politikfreie, weil alltägliche und in seiner möglichen größeren Bedeutung kaum hinterfragte Verwenden eines bestimmten Betriebssystems am eigenen Computer zu politisieren. Die Monopolstellung und die restriktive Schutzpolitik von Microsoft am Softwaremarkt werden aufgezeigt. Gleichzeitig müssen allerdings alternative Konzepte und die Rolle, die der/ die Einzelne dabei spielen kann, vorgestellt werden. Das oben beschriebene Versenden der Linux-Knoppix-CD soll vor diesem Hintergrund einen ganz konkreten Zweck erfüllen: greifbar machen, dass Politik nicht erst in der Wahlkabine stattfindet, sondern beim alltäglichen Starten eines Betriebssystems.

Die ÖH beschreibt ihre Tätigkeit mit der Formel "Service, das hilft. Politik, die wirkt." Im Gegensatz zum jahrelang von der ÖVP-nahen "Aktionsgemeinschaft" (AG) praktizierten Konzept, das Studierendenvertretung auf das Erbringen studienrelevanter Serviceleistungen reduzierte und bildungspolitische Gesamtzusammenhänge in der Vertretungsarbeit vollständig ausblendete, ist die amtierende ÖH-Exekutive der Überzeugung, dass studienrelevante Fragen nicht im politisch luftleeren Raum stattfinden. Um effizient handeln zu können, müssen allerdings gesellschaftspolitische Interessengruppen und handelnde Lobbys identifiziert, Machtstrukturen erkannt und für andere erkennbar gemacht werden. Dies ist im Kampf um den freien Hochschulzugang und für die Verfügbarkeit von Bildung ebenso wichtig wie im Eintreten für freie Software. Denn in beiden Bereichen laufen Ausschlussverfahren, die Menschen um ihr Recht auf Wissen und Bildung bringen - seien es die fast weltweit stattfindenden, neoliberal inspirierten Reformen, die (universitäre) Bildung zu einer handelbaren und nicht für alle leistbaren Ware machen oder die gezielte Einengung des Softwaremarktes auf einige wenige kommerzielle AnbieterInnen. Für beide Bereiche gilt: Eine Art "warendemokratisches" Anbieten von immer mehr vermeintlich properen Produkten durch einige wenige etablierte AnbieterInnen soll den KonsumentInnen das Gefühl der Wahlmöglichkeit und nicht zuletzt der Freiheit geben - und gleichzeitig kommt es genau dadurch fast unmerklich zu einer sukzessiven Einschränkung derselben.

So lässt sich für die Öffentlichkeit unzugängliches Wissen zum Beispiel als Software zwar benutzen, nicht aber weiterentwickeln und verbessern. Die AnwenderInnen sind somit vollständig von der Entwicklungsfreudigkeit ihres Herstellers abhängig, der den jahrelang auf MS Word, Excel oder Explorer Konditionierten die Preise diktieren kann. So wird Wissen immer mehr zum vierten Produktionsfaktor neben Kapital, Arbeit und Boden und damit zur Verschubmasse im Strukturwandel von der Industrie- zur wissensbasierten Dienstleistungsgesellschaft. Zuletzt war die Einführung der Studiengebühren im Rahmen des Universitätsgesetz 2002 und die damit eingeleitete "Scheinautonomie" der österreichischen Universitäten, die diese noch stärker an die Bedürfnisse der Wirtschaft bindet, die logische Konsequenz dieser Politik. Einer Politik, die Wertschöpfung zunehmend auf immaterielle Güter, auf Dienstleistungen in den Bereichen Forschung, Bildung und Kultur verlagert.

Wobei für den Handel mit der Ware Wissen freilich schon in den letzten Jahren Voraussetzungen geschaffen wurden, die einen solchen erst rentabel machen: Auf Initiative von dreizehn der wichtigsten US-Konzerne implementierte die WTO das Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte an geistigem Eigentum (TRIPS) als fixen Bestandteil in seine Abkommen und setzte es 1995 in Kraft. Das garantiert nun den Konzernen das Recht, ihr geistiges Eigentum in allen WTO-Ländern zu schützen. Abkommen wie das TRIPS haben zur Folge, dass Zugang zu und Kontrolle über Wissen immer eingeschränkter möglich werden und umso entscheidender für die Machtverhältnisse innerhalb der Gesellschaft sind.

Es macht aber sowohl im Software- als auch im Wissensbereich einen Unterschied, ob die Kontrolle in den Händen von Monopolkonzernen und Bildungseliten zentralisiert ist oder aber dezentralisiert in der Hand und den Hirnen tausender unabhängiger EntwicklerInnen, wie bei Open-Source-Software und freiem Hochschulzugang der Fall. Für beide Bereiche gilt: Erst das Teilen der gewonnenen Erkenntnisse mit anderen Studierenden, ForscherInnen oder BenutzerInnen ermöglicht es, basierend auf den Erkenntnissen anderer die eigenen Entwicklungen voranzutreiben - ohne das Rad ständig neu erfinden zu müssen. Im Falle von Open-Source-Software heißt das, dass jedeR Interessierte zu jeder Zeit Einsicht in den Quellcode nehmen kann und daher gute und wenig fehleranfällige Programmteile nicht immer wieder neu entwickelt werden müssen, sondern einfach übernommen werden können. Vergleichbar mit einer Theorie, die sich bewährt hat, kommen so brauchbare Programmier-Algorithmen immer wieder zum Einsatz. Open-Source-Software-Entwicklung gleicht unter diesen Voraussetzungen in vielen Punkten einem wissenschaftlichen Prozess, was DiBona mit der Formel "Science, after all, is ultimately an Open Source enterprise" ausdrückt.

Und gerade Studierende haben mit ihrer Entscheidung für oder gegen freie Software einen wesentlichen Einfluss darauf, ob sich Open-Source-Software letztendlich gegen monopolistische Anbieter durchsetzen kann: Hochschulen waren und sind die wichtigsten Quellen für Fortschritt und Weiterentwicklung im Bereich von Software. Was die Tatsache beweist, dass sämtliche größere Open-Source-Software-Projekte wie Linux oder die Free-Software-Bewegung dem Hochschulbereich entstammen.


Lisa Mayr arbeitet als Redakteurin bei PROGRESS - dem Magazin der Österreichischen HochschülerInnenschaft.

 
 

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