Plädoyer für eine Schotterwüste — IG Kultur

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Plädoyer für eine Schotterwüste

Georg Ritter

Öffentlichkeit und der städtische Raum sind ummittelbare Arbeitsfelder der Linzer Kultur- und Medieninitiative Stadtwerkstatt seit ihrer Gründung. Wo beginnt Öffentlichkeit, was ist privat, was ist öffentlich, wer bestimmt Nutzen und Gebrauchswert des öffentlichen Raums, wer erhebt wie Anspruch auf öffentlichen Raum?, sind die diesbezüglichen Eckpunkte der Debatten.
Seit einiger Zeit thematisiert die Stadtwerkstatt nun die Umgestaltungsabsichten des in unmittelbarer Nachbarschaft gelegenen Urfahraner Jahrmarktgeländes. Das nur vordergründig löblich erscheinende Ansinnen, einen wild parkenden Autohaufen durch einen Park zu ersetzen, sollte ohne Diskussion vonstatten gehen.
Park ist Grün und mehr Grün punktet immer. Aufstrebende Jungpolitiker wollen sich profilieren und mit den letzten freien innerstädtischen Flächen politisches Kapital schlagen. Das Plädoyer der Stadtwerkstatt für eine Schotterwüste ist gleichzeitig ein Plädoyer für die kulturelle Dimension des öffentlichen Raums. Die kulturelle Dimension des öffentlichen Raums wird von jenen bestimmt, die Anspruch auf diesen Raum erheben. Und im Sinne der Anstiftung zur Initiative ist öffentlicher Raum Ort zur Selbstbestimmung.



Teile des Urfahraner Jahrmarktgeländes sollen grünem Rasen weichen, weil lokale Jungpolitiker mit der Leichtigkeit einer Gartenschere das Gelände zurechtstutzen wollen. Was hier beschnitten werden soll, ist ein für Linz einzigartiges, in anderen Städten fehlendes Areal. Kaum irgendwo lässt sich zentrumsnah eine solche Mehrfach- und Zwischennutzung so schnell und einfach organisieren, wie auf diesem so scheinbar "öden", aber strapazierfähigen Schotterfeld.

Schon lange ist das Urfahraner Jahrmarktgelände Begehr. Die Liste der Ideen, die dieser Raum produziert hat, hat es in sich. In der NS-Zeit waren hier Hitlers Glockenturm und Volkshalle vorgesehen. In den 80ern sollte ein Freizeitpark mit freischwebender Gondel die Linzer Bevölkerung erfreuen. Und nun, bei der Platzsuche für das Musiktheater, wollte der städtische Baudirektor "das Theater am Fluss" direkt an die Donau bauen, ehe das Hochwasser im heurigen Sommer und die Zähigkeit von Bürgermeister Dobusch, den Jahrmarkt zu verteidigen, dieser Idee völlig den Garaus machten. Das Hochwasser hat endgültig besiegelt, dass dieses Gelände bleibt, was es ist - Schwemmland -, und jegliche Hochverbauung künftighin untersagt ist.

So sehr das Areal durch "Schandfleck, "Schotterwüste", "Blechwüste" oder "Blechhaufen" attackiert wird, so sehr ist die Begrünung und Behübschung als vordergründige und populäre Maßnahme anzuzweifeln. Ein Mangel an Grünfläche ist nicht ersichtlich, grenzt doch der Jahrmarkt mit Allee und Böschung an die Donau und läuft fließend in das weiträumige Auengebiet bis zum Pleschingersee über. Aussagen eines Gemeinderates zufolge soll zuerst das vordere Stückerl begrünt, und der Parkplatz nach hinten verlegt werden. In Folge soll dann der Fussballplatz verlegt werden und der Jahrmarkt nach hinten zur Eisenbahnbrücke rutschen, dann wieder ein Stückerl Parkplatz begrünt werden, bis endlich Parkplatz und Schotterfläche gänzlich verschwunden sind.

Andere schwören auf diese Schotterfläche: "Nach wie vor muss das Gelände vielseitig benutzt werden. Da kann niemand einen Nutzen daraus ziehen, wenn dann eine Grünfläche ohnehin zur Gasserlwiese verkommt", so ein Stadtfotograf. Angesprochen auf das Thema, es könnte mehr mit dem Gelände geschehen, sind wir bedingungslose Verfechter dieses offenen Zustandes. Gerade diese lose Aneinanderfolge von Flächen und Fahrwegen, von Senken und Unebenheiten, und die Brachialität dieser Schotterfläche sind Ausdruck für jene Unbelassenheit und Rohheit, die diese multifunktionale Nutzung voraussetzt. Von Zeltstadt bis zur Kamelstahl, Fahrzeuge- und Menschenmassen, alles fängt dieses Gelände auf. Und die Zeit dazwischen ist eine Wüste, und in dieser Zeit dieser Nicht-Nutzen der Nutzen für alle künftighin stattfindenden Benutzungen.

Streitfall Jahrmarktgelände

Dass dieses Gelände bis heute unverändert geblieben ist, hat mehrere Ursachen: Als Überschwemmungsgebiet ist es von Grundstücksspekulation verschont geblieben, als bewährter Standort für den traditionellen Jahrmarkt hat sich das Areal - gerade auch als Schotterfläche - als unantastbar erwiesen, und nicht zuletzt findet die Möglichkeit des Gratisparkens Rückhalt in der Bevölkerung, wie auch eine Meinungsumfrage im Auftrag der Stadt Linz im Sommer 2002 ergeben hat.

Nun ist ein Architekten-Wettbewerb für Vorschläge zur Umgestaltung der bestehenden Freifläche in einen Park mit Parkplätzen und auch weiterhin Platz für den Urfahraner Jahrmarkt geplant.

Die Stadtwerkstatt widersetzt sich diesen Absichten und spricht dem "Unschönen" das Wort. Wenn heute die Schotterfläche aufgrund freien Parkens einer "Blechwüste" gleicht, sind paradoxerweise gerade die Autos mobile Platzhalter für eine jeweilige andere Nutzung des Areals. Sei es im Wahlkampf 2002 eine Kanzler-Zeltstadt oder die Geisterbahn am Jahrmarkt, spazierende Zirkuselefanten oder Feuerwehrdemonstrationen, School’s Out Hip Hop Jams oder Christbaummarkt, Zuflucht für Bürger, die parken, nächtigen oder ihre Hunde äußerln führen.
Die Stadtwerkstatt sieht in der "Nichtgestaltung" der Fläche eine unwiederbringliche Chance, damit auch die Nutzung nicht zu definieren und offen zu lassen. Was immer dort geschehen mag, die Menschen sollen selbst bestimmen, wie sie diesen öffentlichen Raum beanspruchen und wie sie sich in diesem offenen, ästhestisch nicht festgelgten, Raum selbst formulieren. Der Schwerpunkt "offene Räume" des Linzer Kulturentwicklungsplans, der im März 2000 im Linzer Gemeinderat von allen Parteien beschlossen wurde, findet hier tatsächlich eine räumliche Komponente.

Die Weiterentwicklung der Konzepte "Kultur für alle" und "Kultur im offenen Raum" soll auch in Zukunft einer der kulturpolitischen Schwerpunkte der Stadt Linz sein. Die Entwicklung eines neuartigen Konzeptes "Kultur für alle" im Sinne einer weiteren Öffnung um eine "Kultur durch alle" versteht die Stadt Linz als ein wesentliches Ziel zur Erfüllung einer demokratischen Kulturpolitik. Es geht dabei vor allem um die Förderung einer möglichst breiten, aktiven Partizipation der Bevölkerung am kulturellen Leben der Stadt.

In Berücksichtung des Aspektes, dass öffentlicher städtischer Raum aufgrund der vorherrschenden ökonomischen Verwertung zwar ästhetisch geschönt, aber totgestaltet ist, bildet die graue, weitläufige Schotterwüste die größte Neutralität für eine permanente Selbstgestaltung und ist sicherlich strapazierfähiger, elastischer und plastischer als alle anderen Materialien.


Georg Ritter ist seit 1980 Kulturentwickler in der Stadtwerkstatt in Linz.

 
 

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