Wem gehört die Kultur der Zukunft? — IG Kultur

Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Benutzerspezifische Werkzeuge
Anmelden
 

Wem gehört die Kultur der Zukunft?

Felix Stalder und Konrad Becker

Wie kann der freie Fluss von Informationen gefördert werden? Diese Frage ist zentraler Punkt einer neuen Politik der Infosphäre, denn zunehmend werden Informationslandschaften geschaffen, in denen dieser Fluss von einer Architektur der Kontrolle reguliert und Systemen der Eingrenzung unterworfen wird. Immer mehr Grenzen werden errichtet, obwohl deren Sicherheit trügerisch erscheint. Der allseits beobachtbare Trend zur Kontrollgesellschaft steht im Widerspruch zu einem offenen Austausch in der vernetzten Wissensgesellschaft. Die drastische Einschränkung der Wegerechte im Wissensraum bedeutet aber nicht nur Verarmung, sondern raubt auch die Grundlagen einer Mitgestaltung der Zukunft. Statt der Entwicklung elektronischer Kerker für Ideen, Gedanken und Kunst, sind die Sicherung einer reichhaltigen öffentlichen Sphäre und die Etablierung Digitaler Commons eine notwendige Voraussetzung für ökologisch nachhaltige Informationslandschaften. Virtueller Landraub hingegen, der alle geistigen Leistungen und Methoden patentieren will, produziert die ökologische Katastrophe der Kultur.

Willkommen in der Informationsgesellschaft, doch Information ist ein ungewöhnlicher Stoff. Zum einen vermindert sie sich nicht durch den Gebrauch. Ich kann ein Buch lesen, so oft ich will, ohne dadurch seinen Informationsgehalt zu reduzieren. Dies steht im Gegensatz zu den meisten Gütern, die durch die Benutzung verbraucht werden (du kannst einen Kuchen entweder haben - oder essen). Zum anderen ist Information sowohl Endprodukt wie auch Rohmaterial im Produktionsprozess. Sampling ist ein klassisches Beispiel. Bereits fertig gestellte Songs dienen als Rohmaterial, über das frei verfügt wird, um neue Songs zu schaffen. Das gilt aber auch in anderen Bereichen. Um einen Text zu schreiben, ziehen wir ein Wörterbuch zu Rate, oder übernehmen eine besonders gelungene Formulierung, die wir anderswo gelesen haben. Neue Informationsgüter werden geschaffen, indem alte neu arrangiert, interpretiert und angereichert werden. Der französische Wissenschaftssoziologe Bruno Latour bringt dies auf folgende Formel: "Es gibt keine Information, sondern nur Transformation." Daten werden in Information verwandelt, alte Information bildet die Grundlage für neue, und noch stärker als sonst sind das Alte und das Neue miteinander verbunden.

Dies ist zunächst nichts Neues. Dass jede neue Erkenntnis auf alten Erkenntnissen aufbaut, ist das Grundprinzip der modernen Wissenschaften und schlägt sich in Zitaten, Anmerkungen und Literaturlisten nieder. Solange aber Information immer an einen physischen Träger gebunden war, solange waren ihre Eigenschaften außerhalb der Wissenschaften nur bedingt relevant. Mit der Digitalisierung und der Etablierung des Internet als Massenmedium hat sich diese Situation radikal verändert. Information kann inzwischen ohne Aufwand kopiert und global vertrieben werden. copy & paste, eine Grundfunktionen des Computers, macht das Einfügen externer Information zur Standardoperation. Das World Wide Web und peer-to-peer-Tauschbörsen à la Napster oder Kazaa erlauben es, Daten mit Millionen anderer BenutzerInnen auszutauschen.

Dass die Informationsgesellschaft mehr als ein Schlagwort ist, zeigt sich nicht zuletzt daran, dass in den letzten Jahren ein heftiger Streit darüber entbrannt ist, wie das Verhältnis zwischen BesitzerInnen und ProduzentInnen/BenutzerInnen von Informationsgütern zu gestalten sei. Die neuen Konflikte in der Verteilung des Wohlstands beziehen sich inzwischen weniger auf die traditionelle Wertschöpfung materieller Güter und Energieproduktion, sondern auf die ungreifbare Welt des geistigen Eigentums (Intellectual Property - IP) und der Vertriebsrechte. Es entsteht ein Konflikt zwischen dem öffentlichen Interesse und privaten Interessen, zwischen der breiten Öffentlichkeit und den virtuellen Kartellen, die sich durch die extreme Marktkonzentration der Medien und IP-Konglomerate gebildet haben. Entscheidungen, die jetzt darüber getroffen werden, wie mit Information in diesem neuen Kontext umgegangen werden soll, bestimmen die Zukunft kultureller Gestaltung. Angeheizt wird die Diskussion durch den Widerspruch, dass rechtlich und ökonomisch geistiges und materielles Eigentum mehr oder weniger gleichgestellt sind, in der Praxis sich der Umgang mit den beiden Arten von Gütern jedoch immer deutlicher auseinander entwickelt. Eine Plattenbörse ist nicht wesentlich anders als ein Markt für Gebrauchtautos. Zu einer digitalen Tauschbörse hingegen gibt es kein materielles Gegenstück.

Neue Gesetze und neue Kontrolltechnologien versuchen, den Geist der freien Informationsflüsse wieder in die Flasche der Verwerter zu schließen. Die Medien- und Verwertungsindustrie setzt auf einen Ausbau der Rechte der BesitzerInnen und verfolgt eine Doppelstrategie: die Verschärfung des Urheberrechts wird gekoppelt mit der Einführung neuer Technologien wie z.B. Digital Rights Management (DRM), die das Kopieren von geschützten Inhalten, etwa Musik-CDs oder Software, verunmöglichen soll. Ein in diesem Sinne gestaltetes internationales Abkommen wurde bereits 1996 von der WIPO (World Intellectual Property Organization) verabschiedet. Ihm folgte eine internationale Gesetzeslawine, u.a. in Form des Digital Millennium Copyright Act (DMCA, USA 1998) und der EU Copyright Directive (2001). Dieser Tage wird die Änderung des Urheberrechtsgesetzes im österreichischen Parlament beraten, und aller Voraussicht nach wird das neue Gesetz bereits am 1. Juli in Kraft treten.

Die Reichweite der neuen Bestimmungen ist enorm. Zum einen wird das Urheberrecht massiv ausgedehnt. Zum anderen wird es unter allen Umständen verboten sein, Maßnahmen des Kopierschutzes zu umgehen, oder auch nur Technologien zu veröffentlichen, die diesem Zweck dienen könnten. In der Praxis bedeutet das, dass bisher legitime Schranken des Urheberrechts - wie zum Beispiel die Privatkopie, die Kopie für Lehre und Forschung oder die Ausleihe in Büchereien - abgebaut werden und die BenutzerInnen gegenüber den VertreiberInnen deutlich schlechter gestellt werden als bisher. Darüber hinaus könnten ganze Technologie- und Forschungszweige kriminalisiert werden, weil sie, neben legitimen Anwendungen, auch zur Umgehung des Kopierschutzes benutzt werden können. Fälle, in denen Programmierer vor Gericht gezerrt werden oder Wissenschaftler unter Prozessandrohungen an der Veröffentlichung ihrer Forschungsergebnisse gehindert werden, gibt es in den USA bereits, und es ist anzunehmen, dass es ähnliche Fälle bald auch in der EU geben wird.

Einflussreiche KritikerInnen wie der US-amerikanische Rechtsgelehrte Lawrence Lessig (Stanford University) zeichnen ein düsteres Bild vom kulturellen Potenzial unter den Bedingungen nahezu lückenloser Kontrolle über geistiges Eigentum. Entgegen dem weit verbreiteten Argument, dass der Ausbau des Urheberrechts den kulturellen Produzenten zu Gute kommt, schadet es der Mehrheit von ihnen. Nämlich all denjenigen, die nicht von mächtigen Verwertungsgesellschaften vertreten werden, so Lessig. Die neuen Besitzrechte machen es immer schwieriger, auf dem ehemals kollektiven kulturellen Erbe aufzubauen. Marcel Duchamp müsste heute wohl mit einer Klage rechnen, wenn er die Postkarte der Mona Lisa (©Louvre) mit einem Schnurrbart und den kryptischen Lettern L.H.O.O.Q. versehen würde. Kultureller Ausdruck wird eingeschränkt auf diejenigen, die auf eine große Struktur zurückgreifen können, die ihnen dabei hilft, die immer komplexeren Rechtsverhältnisse am notwendigen Rohmaterial zu klären. HipHop-Songs beispielsweise bestehen heute im Durchschnitt aus wesentlich weniger Samples als noch vor zehn Jahren, das nicht zuletzt deshalb, weil es immer aufwändiger geworden ist, die jeweiligen Rechte abzuklären.

Im Fall von Patenten wird der Trend, dass Innovation zum Privileg großer Unternehmen zu werden droht, besonders deutlich. Die Technologien in einem Mobiltelefon zum Beispiel werden durch rund 1500 Patente geschützt. Die Rechte an allen Patenten zu klären, ist nahezu unmöglich, nicht zuletzt deshalb, weil oft Jahre verstreichen, bis ein Patent bewilligt und damit veröffentlicht ist. Um sich in diesem potenziellen Minenfeld überhaupt noch bewegen zu können, haben die großen Technologiefirmen begonnen, sich ihre gesamten Portfolios gegenseitig zu lizenzieren, um damit Rechtsunsicherheit und Verwaltungsaufwand zu reduzieren. Einer der wohl nicht unerwünschten Nebeneffekte ist es, dass kleinere Firmen ohne Zugang zum Patentpool kaum noch Chancen haben, neue Produkte zu lancieren. Die Möglichkeit, Innovation in die Öffentlichkeit zu bringen, wird dadurch auf große Firmen beschränkt. Wenn man bedenkt, dass viele der wichtigsten Innovationen des Internets - Email, www, Instant Messaging - außerhalb der großen Forschungslabore entwickelt wurden, wird klar, was für eine Verarmung dies nach sich zieht.

Ob die Verwertungsindustrien in ihrem Bestreben, die totale Kontrolle über geistiges Eigentum durchzusetzen, erfolgreich bleiben werden, ist aber keineswegs sicher, trotz der gewaltigen Ressourcen, die dafür aufgewandt werden.

In den letzten Jahren hat sich eine Gegenbewegung unter dem Schlagwort der Commons zu formieren begonnen. Ihr liegt eine radikal andere Vision zugrunde, wie das Verhältnis zwischen BesitzerInnen und BenutzerInnen/ProduzentInnen von Information gestaltet werden soll. Es wird argumentiert, dass, um Freiheit und Innovation zu fördern, der Zugang zu den Ressourcen der Gestaltung offen gehalten werden muss. Ein gutes Beispiel eines funktionierenden Common ist die Open Source Software Bewegung. Was sie auszeichnet, ist, dass der Source Code, den Programmierer lesen und schreiben können, frei zugänglich sein muss. Das macht es in der Praxis zwar schwierig, ein Programm zu verkaufen (denn jeder hat freien Zugang dazu), aber es ermöglicht vielen Experten, sich den Code anzusehen und Veränderungen vorzunehmen und es zu verbessern. Durch diese vernetzte Kollaboration kommt es, dass Open Source Programme qualitativ oft besser sind als so genannte proprietäre Programme. Die zentrale Ressource, der Source Code, wird von den Programmierer gemeinsam verwaltet, ohne dass jemand exklusiv darüber Kontrolle ausüben könnte. Dies ist die Kernidee des Common: gemeinschaftliche Verwaltung der Ressourcen ersetzt individuelle Kontrolle.

In der Wissenschaft funktioniert das schon lange so. Forscher veröffentlichen ihre Ergebnisse in Zeitschriften, die von anderen ForscherInnen redigiert werden und der gesamten Forschungsgemeinde ohne Einschränkungen zugänglich sind. Somit wird gewährleistet, dass neue Erkenntnisse möglichst rasch allen Interessierten zur Verfügung stehen, aber auch, dass Fehler schnell gefunden werden können, denn es werden nicht nur die Endergebnisse zugänglich gemacht, sondern auch die Methoden, die angewandt wurden. Für die Wissenschaften hat sich dieses Prinzip des offenen Informationaustausches als außerordentlich produktiv erwiesen. Juristen verfahren ebenso. Gesetze werden veröffentlicht, und die Protokolle der Gerichtsverhandlungen sind ebenfalls frei zugänglich. Dies garantiert nicht nur Rechtssicherheit, sondern dient auch dem kollektiven Wissen, in dem einmal gefällte Entscheidungen als Entscheidungsgrundlage für ähnlich gelagerte Fälle dienen können.

Die Verschärfung des Urheberrechts beginnt in weiten Kreisen einen Bewusstseinswandel auszulösen. Immer mehr ProgrammiererInnen, WissenschafterInnen, Kulturschaffende, aber auch kommerzielle Dienstleister erkennen, dass für eine demokratische, offene und dynamische Gesellschaft der freie Zugang zu den Ressourcen der Gestaltung absolut notwendig ist. Um dies zu erreichen, braucht es neue Ideen und eine neue Bewegung, die sich dafür einsetzt, dass die Ressourcen der kulturellen Gestaltung auch in der Digitalen Umwelt geschützt werden. Es braucht eine neue Politik der Commons und die Entwicklung einer Praxis freier Netzwerke in der Digitalen Infosphäre. Die neue Umweltbewegung formiert sich unter dem Banner: Save the Commons!


Glossar:

Information: Informationen unterscheiden sich von Daten und Wissen. Ein Thermometer zeigt die Temperatur an. 32 Grad Celsius, das sind Daten. Integriert in den Wetterbericht werden die Daten zu Information. Wissen ist notwendig, um auf Grund der Wettervorhersage entscheiden zu können, was man anziehen soll.

Peer-to-peer (gleich-zu-gleich). Eine Netzwerkarchitektur, in der die einzelnen Computer sowohl als Sender als auch Empfänger funktionieren. Elektronische Tauschbörsen bauen auf diesem Prinzip auf. EndbenutzerInnen greifen auf Daten zu, die auf den Festplatten anderer BenutzerInnen liegen und stellen gleichzeitig Daten auf ihrer Festplatte anderen zu Verfügung.

Commons. Ein Begriff, der sich nur ungenau mit Allgemeingut übersetzen lässt. Im Wesentlichen bezeichnet er materielle und immaterielle Güter, die sich nicht im Privatbesitz befinden, sondern von einer Gruppe gemeinschaftlich verwaltet werden.

Der Text erscheint anlässlich der von Public Netbase t0 in Wien organisierten Konferenz "Open Cultures. Free Flows of Information and the Politics of Commons" am 5./6. Juni 2003.

Konrad Becker ist Leiter der Wiener Netzkultur-Institution Public Netbase t0. Felix Stalder ist Soziologe, Medienwissenschafter und Mitbegründer des Open Source-Netzwerks Openflows.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

Kulturrisse -

Zeitschrift für radikaldemokratische Kulturpolitik

 

seit 1996

Oppositionen
gegenhegemoniale Konzepte und Unternehmen im zivilgesellschaftlichen Bereich

Kulturpolitiken
kritische Kommentare zu neuesten Entwicklungen der Kulturarbeit, Kulturpolitik, Kulturfinanzierung und der Kulturverwaltung

Kunstpraxen
Schlaglichter auf gelungene künstlerische Interventionen

Kosmopolitiken
Andocken an Diskurse jenseits der Grenzen des Nationalismus

IG KULTUR Österreich
Gumpendorfer Straße 63b
A-1060 Wien