Über die österreichische Stammtischlerei. Oder: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne." — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 02/2001 Oppositionen Über die österreichische Stammtischlerei. Oder: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne."
 

Über die österreichische Stammtischlerei. Oder: "Wo gehobelt wird, da fallen Späne."

Burghart Schmidt

Richtig: Den Gutmenschenhohn habe ich in meinen Sätzen zwar keineswegs direkt Karl-Markus Gauß zugeschrieben. Aber indirekt kann der Leser dessen Zugehörigkeit dazu entnehmen, wenn er, wie offensichtlich Gauß, keinen Sinn für Sprachfiguren entwickelt hat. Es liegt nämlich eine Kreuzstellung vor mit Bezug "Gutmenschenhohn - Liessmann" und "Antifaschismus werde heute versaut zum Schimpfwort - Gauß". Dabei handelt es sich um eine ironisch-polemisch verkreuzende Zusammenballung (man nehme es, wie es komme - es läuft aufs Gleiche raus, das als Lesehilfe!), ohne das Traktat- Hin-und-Her zwischen Zitationen, durch das sich aus Zitiertem bei verschiedenem Wort- und Argumentationsgebrauch, gleiche Einstellung erweisbar machen würde. Die gleiche Einstellung meinte ich aber schlechthin. Denn meinem von Gauß angegriffenen Aufsatz ging es um politische Grundpositionen, nicht um Einzelargumente und Einzelwortgebräuche. Und da steht Gauß auf Seiten derer, die die antifaschistischen Protestbewegungen der letzten Jahre summarisch verhöhnen wollen: Also von Gauß zu Liessmann. Oder vielmehr umgekehrt hier jetzt von Liessmann zu Gauß:

"... und dass sie sich für das widerspenstige, widerständige Österreich [B. S.: gemeint ist das der Vergangenheit im 3. Reich] nicht interessieren, eint jedenfalls die alten Faschisten und die meisten ihrer nachgeborenen Kritiker [B.S.: Sic!], die sich ihr Bild von einem geschlossen nazistischen Land nicht mit der Wirklichkeit verpatzen lassen wollen [B.S.: Ha? Ha? Diese Geschlossenheit würde sie selber miteinschließen]... diese Kritik ist weder links noch kritisch, wie manche meinen, sondern schlicht konformistisch.... doch zählt in der medialen Unterhaltungswelt nur die Geste der Kritik, die marktgängige Inszenierung von Widerstand, ..., die originell, auffällig und hinreichend plump zu sein hat, damit sie skandalfähig wird. ... so entledigt der letzte Antifaschist den Antifaschismus der humanistischen Kraft, ... ." (Standard Nr. 39, 30. Dez.-1. Jän.2000/ 2001)

Also Stichwort: Antifaschismus zum Schimpfwort machen, schwierig, den Unterschied zum gängigen Gutmenschenhohn zu fassen, auch wenn er nicht wörtlich fällt. Also betrifft Gaußens Einspruch gegen den Bezug zu Gutmenschenhohn vom Sachgehalt her nur eine Wortglauberei, aus der Schule katholischer Absolutionskünste offensichtlich.

Auch die Zuordnung zum neuen Typ des Austro-Chauvinismus bedarf keiner Rücknahme, schon wenn man obige Zitation gelesen hat. Aber es kommt noch mehr. Kurz nachdem der neue "Philosophen"-Kanzler von Bei-Carnuntum die Weisung erlassen hatte, Österreich sei wieder und vor allem als erstes Opfer des 3. Reichs zu sehen, dann als Land des Widerstands, und dann wäre da allerdings noch das leidige Problem der Kollaboration (Waldheim als Echt-Alt-Österreicher sieht zwar diese Kollaboration von damals bis heute als Pflichterfüllung), da verwandelt Gauß diese "Philosophen"-Kanzler-Weisung im Text. Will er in den Schreiberkreis des "Philosophen"-Kanzlers sich hineinschreiben? Wie soll man denn anders den unterstellenden derben Umkehr-Hohn verstehen als im Versuch, ganz und undiskutierbar nach langem Beschwören von Österreich per se als Widerstand die Opferrolle Österreichs ungebrochen zu deklarieren?

"Am Ende des Jahres, zu dessen Beginn Österreich in einem Wirtshaus von Sarajewo den Ersten Weltkrieg begann [B.S.: Was übrigens, außerhalb der Meinung von Leninisten und Nazis, historisch belegbar ist], hat Österreich also den Zweiten Weltkrieg verursacht, indem es Deutschland überfiel und nötigte, an seiner Seite gegen die Völker zu ziehen", (so unterstellt Gauß a. a. O. den heutigen österreichischen Antifaschisten des Protests, und niemand hat es dort gesagt!).

So ist also der Sache nach auch bei buchstabierendem Umgang mit Gauß’ Text nichts zurückzunehmen. Und das hinter der polemischen Zusammenballung gestanden habende Traktatische (virtuell) wäre real nachgeliefert.

Es passiert einem aber oft mit manchen druckenlassenden Österreichern, dass kategorial-sachhafte Zuordnungen, wenn sie der durch seine Äußerungen Zugeordnete ablehnt, von ihm mit persönlichen Beschimpfungen beantwortet werden, wie Gauß in seinem offenen Brief zu mir: "Verleumder", "Denunziant", "akademischer Analphabet". Stammtisch-Mentalität, wie sie der derzeitige österreichische Bundeskanzler so gern zum Europa-Ton machen möchte. Übrigens: Analphabeten finden hin und wieder auch Lesefrüchte, so ich in einem anderen Gaußtext (Standard 9.1.2001) zu Elfriede Jelinek. Wie man so leichtfertig jemanden öffentlich einen "Menschenfeind" nennen kann, das gelingt auch nur dem gedruckten österreichischen Stammtisch, an dem schnell jemand, frei formuliert nach O-Ton Schüssel in Brüssel, zur Sau gemacht wird. Diese weit verbreitete Stammtisch-Mentalität des öffentlichen Lebens macht eine weitere Erschwerung für Opposition in Österreich.

Doch seit Rudolf Burgers staatsräsonalem Aufruf zur Arbeit gegen das "Denunziantentum" verlangt geradezu kritischer Anstand oder Anstand der Kritik, von bestimmten österreichischen Schreibenden den Denunzianten und Verleumdern zugezählt zu werden. Damit ich aber nicht in der durch Gauß gerade hoch verfeinerten Sensibilität von Antonio Fian als "feiger Polemiker" empfunden werde, nenne ich einmal gemäß entsprechenden Stammtisch-Toasts, am gedruckt publizierten Stammtisch erlassen, gemeinte Namen über Gauß hinaus in alphabetischer Reihenfolge: Burger, Leser, Liessmann, Nenning, Pfabigan. Solchen Sinns sind Gauß und ich quitt.

Burghart Schmidt ist Philosoph und Professor an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach/Main, Schwerpunkt: Sprache und Ästhetik.

 
 

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