Falsche Etiketten. Plädoyer für eine Entideologisierung des Kopftuchs — IG Kultur

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Falsche Etiketten. Plädoyer für eine Entideologisierung des Kopftuchs

Tina Leisch

Während die meisten ethnisierenden Klischees von der europäischen Mehrheitsbevölkerung sowohl als abwertendes Stigma als auch als aufwertender Exotismus gelesen werden (Asylant/Nomade, Drogendealer/Gangstarapper, Tschuschenputzfrau/redlich-treue Seele, Macho/Latin Lover), sind "Kopftuchfrauen" eineindeutig negativ konnotiert. Wo es ums Kopftuch geht, werden Leute, die sich nie um feministische Anliegen bemüht haben, plötzlich zu VerfechterInnen von Frauenrechten. Die unterschiedlichsten Ängste und Vorurteile maskieren sich da als emanzipatorisches Getue. Sexuell befreite europäische Machos sind beleidigt, dass es da Frauen gibt, die ihnen den taxierenden Blick auf ihre Körper und sogar Haare verwehren. Schuldirektoren und Elternversammlungen sehen durch ein paar muslimische Schülerinnen die Vorherrschaft der christlich-alpenländischen Leitkultur im Erziehungswesen gefährdet, und fortschrittliche Feministinnen sind oft außerstande, die ethnozentrischen und partikularistischen Aspekte ihrer Vorstellungen von Frauenbefreiung zu reflektieren.

Mit dem Hijab, dem Verhüllungsgebot für Frauen, das Mohammed persönlich zwischen die freien Frauen und die Blicke fremder Männer verhängte - Sklavinnen durften weiter unverhüllt betrachtet und das hieß wohl vor allem auch: sexuell belästigt werden -, wurde der islamische Raum zweigeteilt und eine grundsätzliche Asymmetrie in die Begegnungen von Männern und Frauen eingeschrieben. Asymmetrie, die von allen monotheistischen Weltreligionen mehr oder weniger dogmatisch produziert wird: gibt doch schon die Stellung des einen, einzigen, männlich imaginierten Gottes im Zentrum und Ursprung der Welt ein patriarchales Strukturprinzip vor, nach dem die Leute dann ihre Bilder und Erzählungen, Lebensverhältnisse und Machtverteilungen, Träume und Liebesgeschichten gestalten. Das Verhältnis vieler westlich radikaler Feministinnen zu Religionen ist also relativ einfach: nicht einmal ignorieren, spirituelle Bedürfnisse, im besten Fall mit animistischen Hexenmärchen, im schlimmsten mit Blut- und Bodenesoterismen befriedigen.

Währenddessen mühen sich gläubige Feministinnen an den Suren und Psalmen ab. Durch Verweiblichung des Gottes zur Göttin oder Entpersonalisierung zum neutralen Prinzip, mit Nacherzählung der Geschichten von Aischa, Judith und Maria Magdalena versuchen sie, die universalistischen Tendenzen, die die Weltreligionen historisch sicher hatten, endlich auch für Frauen geltend zu machen. Eine Arbeit, für die Musliminnen vonseiten der islamischen Reaktionäre oft als Agentinnen kolonialer und neokolonialer Gewaltherrschaft denunziert werden, die nur deren antiislamische Diskurse übersetzen. Für die sie aber auch von christlichen oder atheistischen Europäerinnen wenig Interesse ernten.

Lieselotte Brodil und Andrea Reiter haben linksintellektuelle Österreicherinnen befragt und herausgefunden, dass das absolut Andere, Unerträgliche für die meisten verschleierte oder Kopftuch tragende Frauen sind. Die interviewten Frauen fühlten sich unangenehm an eigene, verdrängte Bedürfnisse erinnert. "Der intellektuelle Habitus, der die Subjektivität, Sinnlichkeit und Emotionalität der emanzipierten Frauen unterbindet, ähnelt dem Kopftuch in seiner Funktion auf unangenehme Weise." Außerdem rufe der Anblick der Kopftuch tragenden Frauen die Erinnerung an eigene, verdrängte Wünsche nach Absicherung und Versorgtwerden wach, spekulieren die Autorinnen. So nähmen emanzipierte Österreicherinnen fremde Frauen, die für sie die traditionellen Frauenbilder anderer Kulturen verkörpern, nur als arme Opfer, nicht als gleichwertige Subjekte wahr. Oft verbinde sich typisch weiblicher Altruismus und antirassistische Überzeugung bei linken Frauen zu einem rigiden Moralkorsett, das die Wahrnehmung der eigenen ambivalenten Subjektivität nicht mehr zulasse. Frau toleriere dann z. B. Sexismen von ausländischen Männern, um ja nicht rassistisch zu reagieren. Statt politische Strategien zu verfolgen und sich mit andren Frauen zu ver-bünden, bemuttere frau in klassisch weiblicher Selbstaufopferung zu Opfern gemachte Hilfsbedürftige.

Dem liegt oft ein plumper Binarismus zugrunde: frauenunterdückender Islam einerseits und relative Freiheit der Frauen im aufgeklärten Westen andererseits. Der Vergleich aber macht blind, solange er bloß versucht, ein Mehr an Freiheit hier und ein Weniger an Freiheit dort zu verorten und nicht, grundlegende andere Mechanismen der Unterdrückung zu erkennen und zu beschreiben. Wie ist es zu erklären, dass in etlichen islamisch geprägten Ländern der Anteil von hoch qualifizierten Frauen in technischen und naturwissenschaftlichen Berufen - Machtpositionen in technokratischen Gesellschaften - um ein Vielfaches höher liegt als im emanzipierten Westen? "Laut Kant sollen Frauen weder Geometrie noch Astronomie, noch Geschichtswissenschaften betreiben. Disziplinen, die für jede ambitionierte Schöne eines Harems unverzichtbar waren, wenn sie mit ihrem Kalifen Schritt halten wollte", schreibt die marokkanische Feministin Fatema Mernissi und wundert sich darüber, dass im Orient des Mittelalters Despoten wie Harun al Rashid aufbegehrende, hochgebildete Frauen zu schätzen wussten, während im aufgeklärten Europa des 18. Jahrhunderts ein fortschrittlicher, westlicher Mann wie Kant "sich nur an einer Frau erfreuen kann, wenn ihr Hirn gelähmt ist".

Dass Frauen ihren Körper frei zeigen dürfen, scheint schon Befreiung. Die Tyrannei männlich dominierter Blickregimes, die symbolische Gewalt von Körpercodes ist vergessen. Mernissi: "Während der Muslim mit Hilfe des Raumes die männliche Herrschaft über die Frauen im öffentlichen Raum festschreibt, macht sich der westliche Mann Zeit und Beleuchtung zunutze. Indem er das weibliche Kind ins Rampenlicht stellt und in seinen Filmen verkündet, dies sei das Schönheitsideal, verurteilt er erwachsene Frauen zur Unsichtbarkeit." Ist nicht die Reduktion von Frauen auf ihr Körpersein vielleicht sogar eine brutalere Einschränkung als der muslimische Schleier? Sind nicht für Männer verbotene Frauenräume etwas, was sich österreichische Frauen und Lesben erst mühsam und ständig angefeindet erkämpfen müssen? Sind Jungfräulichkeits- und Verhüllungsgebot nicht vielleicht auch ein Schutz vor sexueller Gewalt in der Familie? Wenn eine muslimische junge Frau, die verbotenerweise mit einem Mann geschlafen hat, sich im Spital eine künstliche Jungfräulichkeit wieder zusammenflicken lässt, ist das nicht ein genauso krasser Ausdruck von freiwilliger Selbstunterwerfung unter von Männern definierte Wertgesetze, wie wenn die sexuell Befreite ihre Brüste mit Silikon aufspritzen lässt? Beide haben ja die Wahl, auf die Männer zu pfeifen, die sie nur zusammengenäht oder silikonisiert zu lieben bereit sind.

Wenn Migrantinnen, Mädchen der zweiten Generation, aber auch Österreicherinnen sich in Österreich dafür entscheiden, Kopftücher zu tragen, ist das eine Identitätswahl, die nicht automatisch als Symbol für Selbstunterwerfung unter ein System der Geschlechterdiskriminierung zu lesen ist, sondern auch als selbstbewusstes Bekenntnis zur diskriminierten Minderheit oder als Reterritorialisierung gegen postmoderne Beliebigkeiten. Internationale Frauensolidarität im Kampf gegen rechtliche, symbolische, vor allem aber ökonomische Unterdrückung ist keine Frage von Dresscodes, sondern von Gesetzesentwürfen, von Geld- und Machtverteilungen.

In der Süddeutschen Zeitung erschien ein in der Türkei prämiertes Pressefoto. Es zeigt die bayerische Kultusministerin und Strausstochter Monika Hohlmeier bei ihrem Besuch beim höchsten islamischen Würdenträger der Türkei. Das Foto führt den Blick unter den Minirock der Strausstochter auf ihre Unterhose. Die Reize des Fotos sind vielfältig. Häme über den Faux Pas der Ministerin. Freude über die Verunsicherung des Imam. Voyeurismus des Blicks unter den Rock. Spaß an der dreisten Frechheit der Ministerin. Beweis für die Verkommenheit und Würdelosigkeit der Frauen in der angeblich so zivilisierten Welt der Ungläubigen. Im profil erschien ein Foto von Benita Ferrero-Waldner, die bei ihrem Iran-Besuch ihre Haare züchtig unterm brav gewickelten Kopftuch verhüllte. profiljournalistin Elfriede Hammerl moniert, dass die Außenministerin mit der Respektierung geschlechtsspezifischer Bekleidungsvorschriften ein Zeichen der Anerkennung der Benachteiligung von Frauen im Iran gesetzt habe. In beiden Berichterstattungen geht es nicht darum, was die Politikerinnen verhandelt haben, welche politischen oder ökonomischen Allianzen zwischen europäischen Konservativen und islamisch fundamentalistischen Oligarchen da geschmiedet wurden. Der Blick auf Politikerinnen bleibt am Körper, am Kleid hängen. Dies kann auch als typisch eurozentrischer Blick gelesen werden: Schließlich gehört zu den wesentlichen Lektionen, die eine Frau in diesen Breitengraden lernt: wenn sie was erreichen will, muss sie sich schön herrichten. Die Heldin von 1001 Nacht, Sheherazade, dagegen lehrt: Den Körper einzusetzen hilft keiner Frau, etwas an ihrer Situation, geschweige denn an den politischen Verhältnissen zu verändern. Wissen, Bildung, ein geübtes Gehirn sind die einzigen Waffen, die den Despoten und den Despotismus zu besiegen vermögen.

Um so grotesker, wenn aufgeklärte Europäer den islamischen Fundamentalismus bekämpfen wollen, indem sie muslimischen Mädchen den Zugang zur Bildung verweigern. Fortschrittliche Pädagogik erlaubt Jugendlichen das Spiel mit verschiedenen Identitäten und diskutiert und verhandelt und reflektiert sie, statt manche von vornherein auszuschließen. Sie setzt nicht einen Zwang gegen einen anderen, sondern ermuntert die Kinder, sich gegen unangemessene Zwänge aufzulehnen. Statt Schülerinnen zu verbieten, Kopftücher zu tragen, sollten WenDo- und Bauchtanzkurse als Pflichtfächer für alle Mädchen in den Lehrplan aufgenommen werden; Wen Do, die feministischen Frauenselbstverteidigungskunst, damit jedes Mädchen lernt, sich physisch und verbal so zu behaupten, dass es kein Kopftuch braucht, um nicht blöd angemacht zu werden. Und Bauchtanz, um die Sinnlichkeit des eigenen Körpers als eigene Aktivität und nicht als Funktion einer imaginären photographischen Selbstrepräsentation in den Augen der anderen zu erleben.

Derweilen kann es nicht schaden, die Kopftücher ein wenig zu entideologisieren. Im ersten Manifest der Wiener transkulturellen Kopftuchfrauen heißt es: "Wir tragen es immer. Ab sofort. Aus Seide, aus Baumwolle, aus schwarzer Spitze, aus weißem Leinen, mit dem Konterfei Rosa Luxemburgs drauf oder mit Hanfblüten und Weinreben bedruckt. In den Farben der Comune und der Sandinistinnen, manchmal im Nacken oder unterm Kinn geknotet, aber viel lieber bis über die Nase gezogen, dass nur unsre blitzenden Augen herausschauen, in Mundhöhe ist ein Loch geschnitten: für die Pfeife nach dem Essen. Oder das Pfeiferl Donnerstag abends. Das Kopftuch macht uns unvergleichlich schön, es umschmeichelt den Blick, es umweht unsre Worte, es signalisiert souveräne weibliche Stärke und selbstbewusste erotische Sinnlichkeit von Frauen, die zu verführen verstehen mit ihrem Charme und Charisma, mit dem Klang ihrer Stimmen und der Klugheit ihrer Argumente statt mit nacktem Bauchnabel und der Farbe des Lippenstiftes.

Es schützt uns vor dem gierigen Blick der vollautomatischen Erkennungssysteme, die an die omnipräsenten Überwachungskameras angeschlossen jeden Schritt durch die Stadt überwachen. Es verbirgt unsre Schönheit den vielen gleichgültigen Blicken einer großstädtischen Öffentlichkeit, die ansonsten im Laufe der Jahre hässliche Spuren ihres Desinteresses auf dem nicht gewürdigten Antlitz hinterließen. Es bricht uns heraus aus der Warenlogik, die uns zwang, unsre Körper - Waren unter Waren - nach männlichen Normvorgaben zurechtzuformen und auf dem Markt der Begehrlichkeiten auszustellen. Die Kopftuchphobie ist das häufigste Symptom rassistischer Verblödung. Wir bekämpfen sie als internationalistische Kopftuchfrauenfraktion auf der nächsten Donnerstagsdemo. Am äußeren Anblick wird nicht auszumachen sein, welche der Verschleierten strenggläubige Muslimin, welche Madre de la Plaza de Mayo und welche zapatistische Subcomandantin von Favoriten-Nord ist. Vive la difference!"

Tina Leisch ist Text- und Filmarbeiterin, lebt in Bad Eisenkappel/ Zelezna Kapla in Kärnten.

 
 

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