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Creative Industries. This Stuff Sucks!

Elisabeth Mayerhofer, Paul Stepan

Politik, Medien und Wissenschaft feiern begeistert einen neuen Lieblingsbegriff: die Creative Industries. Warum dieser Begriff notwendig war, was er umfasst oder beschreibt, darüber wird noch gestritten. Eines Morgens war er eben da. Der Terminus erfüllt mustergültig alle Anforderungen zeitgeistiger Mediensprache - obwohl englisch, doch nahe genug am Deutschen, dass er auch bei Uneingeweihten angenehm positive Assoziationen weckt: Industrie lässt an blühende Wirtschaftszweige denken, die Wohlstand und Frieden über’s Land bringen; das aber nicht in das öde Grau ausgelaugter Industriegebiete getaucht, sondern in die schillernde Folie der Kreativität. Creative Industries - da denkt man gleich an junge, hippe Menschen, die mithilfe neuer Technologien massenhaft Geld auf dem freien Markt verdienen - und so auch niemandem unnötig auf der Tasche liegen.

Denn "Kunst" oder "Kultur" klingen nicht nur rettungslos hausbacken, sondern lassen auch die wohltuenden Gedanken an große Kapitalflüsse vermissen, welche "Industries" so verführerisch heraufbeschwören. Und ohne Wertschöpfung & Co. geht heute ja gar nichts mehr, also besser rasch aufgehüpft auf den Zug neoliberaler Denkmuster. Die der Kunst Wohlgesonnenen verweisen dann auch konsequenterweise auf die Töpfe der Wirtschaftsförderung, welche nun der Kunst offen stehen müssten.

Die unangenehme Sichtweise wäre natürlich die Öffnung der Kunsttöpfe für die Wirtschaft. Wer will nicht ein bisschen an der Aura der Kunst mitnaschen und den sonst so grauen Wirtschaftsalltag mit "dem Schönen" verbinden?

Da natürlich niemand den Eindruck erwecken will, beliebte Schlagworte neoliberal ausgerichteter Kulturpolitik unhinterfragt zu übernehmen, werden sie sorgfältig aus internationalen Kontexten abgeleitet: So lernen wir, dass der Begriff aus Großbritannien stammt, ebenso wie das gern verwendete Beispiel von Southwark, wo kulturelle Einrichtungen ein heruntergekommenes Viertel neu belebt haben. Aber gibt es jetzt tatsächlich ein belebtes Viertel mehr, wo KünstlerInnen bessere Rahmenbedingungen vorfinden als anderswo, oder wurde schlicht ein anderes verlassen?

Staunend erfahren wir auch, was denn nicht alles unter diesem Begriff subsummiert wird: Nicht nur die "klassischen" Bereiche der Schönen Künste, nein, sondern auch Medien, ja sogar Neue Medien oder Design bis hin zur Werbung. Und nun auch gesellschaftlich relevante Kunst.

Nun soll natürlich niemandem verwehrt sein, einen reizvollen Begriff mit neuen Inhalten zu füllen und dann zu verwenden. Das erleichtert zwar die Diskussion nicht, macht sie aber spannend wie einen Kindergeburtstag: Bei jedem neuen Beitrag fragt man sich, was diesmal in der Wundertüte steckt.

Endgültig unnachvollziehbar wird die Sache aber, wenn ein an sich bereits äußerst problematisches Kriterium zur Bewertung künstlerischer Aktivitäten wie ästhetische Qualität durch ein anderes, ebenso schwer handhabbares Kriterium wie gesellschaftliche Relevanz ersetzt wird. Und sich Letzteres auch noch aus den Cultural Industries ableiten soll.

So ist nun einerseits unklar, warum gerade die Begrifflichkeit der Cultural Industries gesellschaftliche Relevanz als Voraussetzung für Kulturfinanzierung beinhalten soll. Ist es nicht ohnehin Aufgabe jeder existierenden Förderstelle, nur solche Projekte zu fördern, die gesellschaftliche Relevanz aufweisen? Der Kunst wird offensichtlich seitens der PolitikerInnen gesellschaftliche Relevanz zugebilligt, da dafür auch ein Budget bereitgestellt wird. Die Größe des Budgets lässt in etwa auch darauf schließen, welcher Stellenwert der Kunst eingeräumt wird.

Daraus resultiert die Frage, inwieweit ästhetische Qualität gesellschaftlich relevant ist bzw. ein Indikator für gesellschaftliche Relevanz sein kann. Und pragmatisch gesehen, warum gesellschaftliche Relevanz um so vieles leichter anwendbar sein soll als ästhetische Qualität.

Durch ein solches Vorgehen werden obsolet geglaubte Grenzen zwischen "engagierter" Kunst und "abgehobenem", scheinbar zweckfreiem Experimentieren wieder belebt, die im Kontext des aktuellen politischen Mainstreams der direkten Verwertbarkeit bedenklich werden könnten. Dabei sei nur auf die prekäre Lage der Geisteswissenschaften verwiesen.

Eine andere Möglichkeit, mit diesem populären Begriff umzugehen, ist, ihn einfach nicht zu verwenden.

Elisabeth Mayerhofer ist freie Wissenschafterin mit Schwerpunkt Gender Studies und Kulturpolitik, Paul Stepan studiert Volkswirtschaft in Wien, Schwerpunkt cultural economics; alle sind Mitglieder von FOKUS, Forschungsgesellschaft für kulturökonomische und kulturpolitische Studien

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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