Transversality now!
Kulturrisse 02/2001
Eine hinzugewonnene Praxis der Transversalität ist die deutlichste Erfolgsstory der Widerstände gegen die blauschwarze Regierung, so ähnlich könnte vielleicht die These zum Titel dieses Hefts sein. Transversale Linien, Verknüpfungen und Vernetzungen haben sich in den letzten eineinhalb Jahren zwischen allen möglichen Feldern ausgebildet, am meisten jedoch um antirassistische Inhalte und eine migrantische Opposition.
Oppositionen
Interview mit Stuart Hall, bearbeitet von Angelika Bartl
Was den Nationalstaat so gefährlich macht, ist die Überdeterminierung der nationalstaatlichen Identität. Wenn sie eine unter vielen ist, die auch untereinander in Konflikt geraten dürfen, ist das kein Problem. Nationale Identität ist immer eine Lüge, weil Identität sich ständig verändert und die nationale Identität sagt, dass sie feststeht.
Oppositionen
Ljubomir Bratic
Seit einiger Zeit sorgt eine öffentliche Diskussion dafür, dass die Zusammenarbeit verschiedener sozialer Felder zur Belebung und zur Anregung der politischen Sphäre führt. Als exemplarisches Muster dafür wird in den letzten Monaten oft die vernetzte Praxis der Wiener Wahl Partie gesehen. Für welche Möglichkeiten von Begegnungen steht WWP? Und: Sind diese Möglichkeiten auch in Zukunft vorstellbar?
Oppositionen
Eva S.-Sturm
Die deckungsgleiche, ‘perfekte’ Repräsentation kann es gar nicht geben. Es kann nur verschiedene Grade des Einverständnisses und der positiven Überraschung geben, das Gefühl, dass die ‘repraesentatio’ mehr oder weniger die Erwartungen erfüllt, die sich aus den eigenen Phantasmen nähren.
Oppositionen
Karl A. Duffek
Damit ich nicht missverstanden werde: Das ist weder als wehleidiger Appell an mehr Solidarität mit der Sozialdemokratie noch als Absage an eine sehr wohl notwendige Debatte über bessere Strategien oppositionellen Handelns gemeint. Mich irritiert jedoch, dass ausgerechnet kritische Intellektuelle in den hegemonialen Diskurs der Rechten einstimmen, der naturgemäß sowohl die in Parteien institutionalisierte als auch die zivilgesellschaftliche Opposition zu denunzieren sucht.
Oppositionen
Wolfgang Zinggl
Manche Intellektuelle glauben, sie müssten, damit sie sich so nennen dürfen, in unregelmäßigen Abständen die öffentliche Aufmerksamkeit durch Erregung auf sich richten. Sie ängstigen sich, andernfalls nicht registriert zu werden und dann vielleicht gar nicht mehr intellektuell zu sein. Jüngere
lernen das von Routiniers, brave Linke von wilden Konservativen. Eine Methode, um genügend Erregung zu provozieren, wird in Österreich spätestens
seit dem Regierungswechsel besonders gerne genutzt.
Oppositionen
Friedrun Huemer
Diese Regierung hat viele Gegner, einer davon ist wohl die freie Kunst-, Medien- und Kulturszene. Bei allen Enttäuschungen, die in erster Linie mit der Verteilung der Macht in Österreich zusammenhängen und nicht nur mit der Unfähigkeit der Grünen, sollten wir den eigentlichen Gegner nicht vergessen und einander nur soweit fertigmachen, als es unbedingt notwendig ist und der Wahrheitsfindung dient.
Oppositionen
Jutta Taubmann
Angetan von der Marchartschen Farbenlehre, die sich als ihre eigene Parodie in der Trivialität ihrer blassgrauen Aussage spiegelt, fragen wir: Was will dieser Text von uns? Er will nicht aussagen. Er will uns rühren. Das tut er.
Oppositionen
Karl-Markus Gauß
In seinem Artikel "Denn die Geister, die ich rief" [Kulturrisse 01/01] kommt Burghart Schmidt der Wahrheit ungefähr so nahe wie ein Kommentar von Staberl. Was mich betrifft, ist es halt leider so, dass ich das Wort "Gutmensch" niemals im pejorativen Sinne verwendet, sondern mich öffentlich mehrfach gegen eine solche Verwendung ausgesprochen habe.
Oppositionen
Burghart Schmidt
Richtig: Den Gutmenschenhohn habe ich in meinen Sätzen zwar keineswegs direkt Karl-Markus Gauß zugeschrieben. Aber indirekt kann der Leser dessen Zugehörigkeit dazu entnehmen, wenn er, wie offensichtlich Gauß, keinen Sinn für Sprachfiguren entwickelt hat. Es liegt nämlich eine Kreuzstellung vor mit Bezug "Gutmenschenhohn - Liessmann" und "Antifaschismus werde heute versaut zum Schimpfwort - Gauß".
Kulturpolitiken
Tina Leisch
Während die meisten ethnisierenden Klischees von der europäischen Mehrheitsbevölkerung sowohl als abwertendes Stigma als auch als aufwertender Exotismus gelesen werden, sind "Kopftuchfrauen" eineindeutig negativ konnotiert. Wo es ums Kopftuch geht, werden Leute, die sich nie um feministische Anliegen bemüht haben, plötzlich zu VerfechterInnen von Frauenrechten. Die unterschiedlichsten Ängste und Vorurteile maskieren sich da als emanzipatorisches Getue.
Kulturpolitiken
Martin Wassermair
"Ich habe nichts gegen regierungskritische Institutionen, aber eine Institution, die sich als Kampforganisation gegen Schwarzblau sieht, will auch ich nicht unterstützen." - Anfang März lehnte sich im Standard-Chat ausgerechnet jenes Mitglied des ÖVP-Bundesparteivorstandes weiter als andere aus dem Fenster, das noch vor einem Jahr als Gegenstimme zur Regierungsbildung mit der FPÖ in den eigenen Reihen aufgefallen war. Folgte Bernhard Görg jetzt einem schlichtweg nüchternen Kalkül? Oder sollten in der Vorwahlzeit Reminiszenzen an finstere Zeiten wachgerufen werden? Droht Wien nach Türkenansturm und Bolschewismus vor den Toren neuerlich Gefahr?
Kulturpolitiken
Gabi Gerbasits
Als die IG Kultur Österreich im Sommer 2000 eine Umfrage unter 150 Kunst- und Kultureinrichtungen durchführte, stellte sich heraus, dass zahlreiche Institutionen und Projektträger über das genaue Schicksal ihres Antrages im Bundeskanzleramt nicht Bescheid wussten. Viele konnten nicht Auskunft darüber geben, ob ihr Ansuchen durch einen Beirat behandelt wird und in welchem Stadium der Erledigung es sich befindet. Vor allem waren Diskrepanzen zwischen der Arbeitsweise und der Transparenz der verschiedenen Abteilungen und Beiräte innerhalb der Kunstsektion feststellbar.
Kulturpolitiken
Monika Mokre
Ebenso wie Bekleidungsformen, Haartrachten und Automarken dienen selbstverständlich auch Diskussionsbeiträge wie dieser hier als Identitätsmarker, als Möglichkeit, je nach Interessenlage aufzufallen und/oder sich der jeweiligen Peer-Group anzupassen. So habe ich z. B. jahrelang mein Spezialistinnentum in Sachen Kulturpolitik dadurch bewiesen, dass ich zu den richtigen Momenten das Wort "arm’s-length-principle" in einschlägige Diskussionen einwarf, eventuell alternierend mit dem ebenso beliebten "niederländischen Modell".
Kosmopolitiken
Stefan Nowotny
Öffentliche Debatten haben eine bemerkenswerte Eigenschaft: Sie hinterlassen Reste. Diese Reste bilden zuweilen - wie auch immer sie im Einzelnen zu bewerten sein mögen - einen nicht unwesentlichen Teil der "Produktivität" solcher Debatten, indem sie etwa in Form von Gemeinplätzen in die Sekundärverwertung eingehen. Letzteres lässt sich nicht zuletzt regelmäßig an Österreichs Meisterfeuilletondenkern beobachten, deren Recycling solcher Gemeinplätze - vom Huntingtonschen "Kampf der Kulturen" bis zur Walserschen "Moralkeule" - von höheren Politikweisen schon mal für einen "Paradigmenwechsel" gehalten wird.
Fokus
Elisabeth Mayerhofer, Paul Stepan
Politik, Medien und Wissenschaft feiern begeistert einen neuen Lieblingsbegriff: die Creative Industries. Warum dieser Begriff notwendig war, was er umfasst oder beschreibt, darüber wird noch gestritten. Eines Morgens war er eben da.