zuhause bleiben, weggehen, krisenstandfest bleiben! oder: rundfünkgebühren als indikator meiner krisenstandfestigkeit — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 01/2009 NEXT-XL zuhause bleiben, weggehen, krisenstandfest bleiben! oder: rundfünkgebühren als indikator meiner krisenstandfestigkeit
 

zuhause bleiben, weggehen, krisenstandfest bleiben! oder: rundfünkgebühren als indikator meiner krisenstandfestigkeit

christina nemec

es wundert niemanden, dass meinl der fünfte 100 millionen euro (nicht schilling, ja auch ich rechne manchmal noch in schilling) einfach so als kaution hinterlegen kann, die tägliche verzinsung beträgt ja schon fast mein jahreseinkommen? wäre das nicht ein slogan: Freiheit für Elsner! dem aufsteiger, dem möchtegern der feinen gesellschaft, der unter dem decknamen marcel den golfplatz regieren wollte, wie seine rote bank.

und damit wäre ich bei der KRISE angelangt, die von vielem ablenkt: das katastrophale wahlergebnis in kärnten zum beispiel, die schrecklichen hc-plakate in wien, die politik von maria fekter und das auftreten der beiden lachfiguren am internationalen parkett: I feel the spirit of Europe!

geholfen wird banken und den autos: schwer männlichdominierte bereiche. frauen sollen sich lieber nicht in der schwierigen, bösen politik verzetteln, zuhause ist es am schönsten. zumal outdoor-aktivitäten meistens etwas kosten.

eine platte für zuhausegebliebene hat Soap&Skin; aufgenommen, eine musikerin, der ihre jugend schmerzvoll im weg zu stehen scheint. nicht, jedoch, wenn es um die aufmerksamkeit geht. dieser apparat wird bestens und professionell bedient. performance im bestmöglichen sinn, noch wertpapierfrei.

seit ich arbeite, kann ich mit zeit schwer umgehen, es fehlt mir das gefühl für distanz und ruhepausen. auch das mittlerweile nur mehr halbprivate musikmachen kommt zu kurz. um davon tatsächlich leben zu können, verdiene ich zu wenig und das wenige wird meist erst im nachhinein – was oft länger dauern kann – überwiesen. die krise hat auch etablierte, subventionierte kulturorganisationen erreicht. letztens war ich tatsächlich am nach hause gehen von der arbeit und keuche die treppe rauf – als es mich an der türschwelle eiskalt erwischte. GIS! rundfunkgebühren muss ich jetzt für radio zahlen, obwohl ich keines besitze. auch keinen fernsehapparat. sondern ein ibook, tausend betriebssysteme alt. angeblich könnte ich irgendwo einspruch erheben. ein musterprozess sei schon gewonnen. ich werde mich schlau machen, aber jetzt einmal einzahlen, sind ja dann vielleicht schon meine nächsten tantiemen dabei. aber unter dem dach der initiative rot-weiß-rotes musikland möchte ich auch nicht spielen. die erfolgreiche musikerin und labelchefin clara luzia hat wahrscheinlich recht, wenn sie sagt, dass das radio der musikvermittler ist und dass es in österreich nur Ö3 gäbe, für ihre kaliber, die mit fm4 auf der schmalen spur schon ganz gut und schnell fahren. Ich dachte, mittlerweile ist es das musikfernsehen oder die hunderttausend podcastangebote aus dem internet.

ich kann ab sofort zum beispiel die rundfunkgebühren via electronic banking bezahlen. auch die miete. ich habe seit einem monat ein bankkonto. in der krise zieht in meinem haushalt nach zehn jahren so etwas wie „normalität“ ein. ich kann, wenn ich will, einen handyvertrag abschließen. habe mich aber noch nicht entschlossen. ich kann auf ebay einkaufen. und zuhause bleiben. das will ich aber nicht! niemals nicht! schlechte scherze in den hauptnachrichten auf orf finde ich übrigens auch kritisierenswert: wer schlecht baut, den bestraft das beben. ich hoffe, euch fällt der k-berg nicht auf den kopf, leute!

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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