Neues aus der Kleingartensiedlung: Eine Frage des Charakters — IG Kultur

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INHALT 01/2009

 

Neues aus der Kleingartensiedlung: Eine Frage des Charakters

Andi Wahl

Wenn Sie jetzt durch Kleingartenanlagen flanieren, werden Sie allüberall auf geschäftiges Treiben stoßen. Dem geschulten Auge des Kleingärtners eröffnen sich aber mitunter tiefere Einsichten in das Wesen eines Menschen, wenn er sich in dessen Garten umblickt. Baum- und Heckenschnitt sprechen Bände über die Sorgfältigkeit eines Menschen und vom Zustand des Komposthaufens kann getrost auf die Reinlichkeit in der Küche und das Hygieneverhalten seiner EigentümerInnen geschlossen werden. Vor einigen Wochen, als das erste Grün aus den noch winternassen Wiesen brach, konnte der KennerInnenblick einwandfrei zuordnen, welcher Garten von vorsorglichen, in die Zukunft gerichteten Menschen betreut wird und in welchem Leute werkeln, die mehr im Augenblick leben. Das Zauberwort heißt: Blumenzwiebel. GärtnerInnen, die im Herbst bereits an das Frühjahr denken, haben diese noch rechtzeitig in die Erde eingelegt und können sich als erste über zarte Blütenpracht in ihren Gärten freuen.

Daher ist die alljährliche Vorstandswahl bei uns immer eine klare Sache, hat doch jedeR KandidatIn eine Art Psychogramm vor der Gartenhütte ausgestellt.

Ein Musterbeispiel eines vorsorglichen und sorgfältigen Menschen werden Sie zwei Gärten weiter in der Gestalt von Gustl finden. Er ist daher auch schon seit Jahrzehnten unser Kassier. Und seinen Spitznamen „Groschen-Gustl“ trägt er wie andere einen Orden oder Adelstitel. Korrekt, ruhig und gründlich bis ins Pedantische, so kennen wir unseren Groschen-Gustl seit 30 Jahren. Daher hat es mich verwundert, ihn plötzlich mit hochrotem Kopf in seinem Garten stehen zu sehen. Beim Gustl, müssen Sie wissen, ist ansonsten immer alles schon erledigt und wenn andere noch schuften und schwitzen, kann er sich schon am Anblick der getanen Arbeit erfreuen. Als ich näher trat, sah ich auch schon, dass er eine Tageszeitung in seinen zitternden Händen hielt. Auf meine Frage, ob denn alles in Ordnung sei, antwortete er mit einer Stimme aus Abscheu, Resignation und blankem Entsetzen: „Gar nichts ist in der Ordnung, gar nichts.“ Als wir einige Minuten später zusammen saßen, verriet er mir den Grund für seinen merkwürdigen Gemütszustand. Es waren die 100 Milliarden Bankengarantien, die die Regierung für diverse Geldinstitute übernommen hat. 100 Milliarden, so setzte er mir auseinander, das sind, dividiert durch die Einwohnerzahl Österreichs, 12.500 Euro. JedeR PensionistIn, jeder Säugling, jedeR StraßenbahnschaffnerIn und jedeR VerkäuferIn haften also mit einem beinahe durchschnittlichen Jahreseinkommen für Ausfälle von Banken. Mein Einwand, dass es sich dabei ja ohnehin nur um Ausfallsgarantien handle, trieb ihm aber erneut die Zornesröte ins Gesicht: Haften, so der Groschen-Gustl, haften sollte man nur, wenn man im Falle, dass die Haftung schlagend wird, die Schulden auch bedienen könne. Und eine fünfköpfige Familie (zusätzlich zu ihren derzeitigen Verpflichtungen) mit einer Haftung von 62.500 Euro zu bedrohen, sei grob fahrlässig. „Das ist noch immer dasselbe Hasardspiel“, ereiferte er sich weiter, „das die Krise hervorgerufen hat. Von einem ÖVP-Finanzminister sollte man sich kaufmännische Sorgfalt erwarten dürfen und nicht die Fortführung des Glückrittertums, das uns an den Abgrund geführt hat. Verdammt noch einmal!“

Ich musste dem Gustl natürlich in allem Recht geben. Und unter uns gesagt: Den Garten vom Pröll, den möchte ich mir nicht ansehen müssen.

 
 

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  • Leporello, 1010 Wien
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  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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