Dieses obskure Subjekt der Begierde — IG Kultur

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INHALT 01/2008

 

Dieses obskure Subjekt der Begierde

Radostina Patulova

Anfang Dezember spielte sich auf der Laudongasse, um das Volkskundemuseum herum, ein kleiner Dialog der Aus- und Ansagen ab. Ein über beide Stockwerke des Gebäudes gespannter Banner bildete die Einladung zu der aktuellen Ausstellung. „Weihnachtskrippen“ war darauf in riesigen Buchstaben zu lesen. In einer kleinen Auslage vis-a-vis hingegen hingen ein paar, im Vergleich dazu, eher unscheinbare Plakate, die ein Symposium ankündigten, das ebenfalls in besagten Räumen stattfinden sollte. Vom Alltagsverstand zum Widerstand, so der programmatische Titel, dem die überdimensionalen Krippenskulpturen im Garten des Veranstaltungsortes eine etwas doppeldeutige Ironie verliehen hatten.

Alt und Jung des (semi)akademischen Umfeldes, so der Eindruck bei der Veranstaltung selbst, sitzt mal einzeln, mal kollektiv, jedenfalls hoffnungsvoll an seiner/ihrer Gramsci-Lektüre. Zwei Tage lang drängten sich Partizipierende – eine Vermengung von in Vorbereitungsgruppen Involvierten, ExpertInnen aber auch Interessierten –, ihre Realität mit Gramscis Analyseinstrumentarium zu hinterfragen: Die Prekarisierung von Arbeitsverhältnissen, die Vereinheitlichung von, und der Wettbewerb zwischen den Hochschulen – der Bologna-Prozess läßt grüßen – Hegemonietheorie auf der Genderfolie lesen ... Die Themenbezüge spiegelten unterschiedliche Verortungen wider, gekoppelt an den Wunsch, aus dem jeweils eigenen Kontext heraus emanzipative politische Praxen zu entwickeln ohne die organischen Verbindungen zu den Kämpfen aus den Augen zu verlieren. Irgendwann, mit der Beständigkeit des Newtonschen Apfels, fiel die Frage: Wo aber ist die Subalterne?

Wer genau als solches Objekt der Begierde fungieren sollte, wurde nicht weiters ausdifferenziert und so sprach die Subalterne nicht. Nachzufragen gilt aber, inwiefern die Frage bloß um den eigenen Reflexivitätswillen gestellt wurde oder aber der Dimension eines tiefergehenden Selbsthinterfragens bzw. einer Positionierung geschuldet ist.
Wohin das temporäre „wir“ auf diesem Symposium auf jeden Fall nicht kam, zeigte sich an dem Scheitern einer größeren spontanen Solidarisierungsaktion gegen den gesellschaftlichen rassistischen Konsens. Von den gut über 250 TeilnehmerInnen fühlten sich etwa ein Dutzend von dem geäußerten Ruf angesprochen, in Anschluss an die Diskussionen und aus Anlass der kurz davor angekündigten Entscheidung des Innenministers im Fall Arigona Zogai, in einer gemeinsamen Demonstration gegen die staatlichen Illegalisierungen von MigrantInnen zu protestieren.

Tat die Müdigkeit ihren Teil? Ging es entgegen dem eigenen Anspruch doch um eine rein akademische Debatte bzw. Verortungen und Profilierungen in dieser? Lag es an dem Generalverdacht gegenüber einer ungeplanten, nicht in gemeinsamen Organisationsformen wurzelnden Aktion? Wollte man die gelungene Veranstaltung einfach feiern? Hatten die meisten mit antirassistischen Anliegen oder den sich daraus entwickelnden Allianzen wenig am Hut?
Die Gründe für die mangelnde Solidarisierung blieben im Verborgenen. Denn darüber gab es keine Debatte. Für einen Augenblick war zwar ein Knistern wahrzunehmen, eine feine Unsicherheit, die nicht nur die unlösbaren Gegensätze, in denen wir uns stets zwischen Falschem und Falschem tanzend bewegen, spürbar machten. Ein Moment in dem es über die Widersprüche, in denen unser Handeln andauernd verstrickt ist, hinaus ging, hin zu einem Horizont geteilter, brüchiger Gemeinsamkeiten und Solidarisierungen, der auch einen Moment spröder Sicherheit bildet. Dann ging es vorüber.

 
 

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