Engagiert und überwiegend sehr objektiv ... — IG Kultur

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INHALT 01/2008

 

Engagiert und überwiegend sehr objektiv ...

Eric Poscher

„Russland“: Nicht das große Land im Osten, sondern das kleine Bundesland im Westen Österreichs meinen VorarlbergerInnen, wenn sie – etwas ironisch – über die Medienlandschaft in ihrem Bundesland sprechen. Die hohe Medienkonzentration in Vorarlberg hat in den letzten Jahren weiter zugenommen, auch wenn es einzelne Magazine (ECHO, weekend) gibt, die nicht unter der direkten Kontrolle des Medienzaren Eugen Russ bzw. des Vorarlberger Medienhauses stehen. Die Landespolitik scheint sich damit gut arrangiert zu haben und lobt die Medienschaffenden für die Objektivität ihrer Berichterstattung: „Ihnen, meine Damen und Herren, danke ich für das, was Sie für die Kommunikation im Lande tun, während des Jahres und darf sie bitten, auch weiterhin so engagiert und überwiegend sehr objektiv zu berichten. Und wo’s nicht so objektiv war, haben wir es auch ausgehalten. Die Entwicklung des Landes ist jedenfalls durchaus brauchbar.“ Mit dieser Bemerkung schloss LH Sausgruber seine Rede beim diesjährigen Medienempfang, was vom Publikum mit lautstarkem Gelächter quittiert wurde (siehe Vorarlblog.

Die Freien Radios in Vorarlberg

Wir wollen uns in diesem Artikel jedoch in erster Linie den Alternativ-Medien widmen, die eine Gegenöffentlichkeit herstellen, wie dies im vorigen Artikel dieser Serie von Franz Fend bereits definiert wurde (vgl. Kulturrisse Heft 4/2007). Das beliebteste Betätigungsfeld Freier Medien in Österreich ist ohne Zweifel das Radio. Das Freie Radio Proton entstand, nachdem Anfang der Neunziger auch in Vorarlberg Radiopiraten aktiv geworden waren und der Forderung nach Freiem Rundfunk Nachdruck verliehen hatten. In den Jahren 1996/1997 wurde vom Verein zur Förderung der Medienvielfalt eine Lizenz beantragt, nach deren Erteilung 1999 der Sendebetrieb aufgenommen werden konnte. Die Lizenz wurde für den Raum Walgau erteilt; im Rheintal, wo wesentlich mehr HörerInnen erreicht werden könnten, ist Proton derzeit terrestrisch nicht empfangbar. Bis Ende 2006 wurde die Lizenz mit dem privaten Radio Arabella geteilt, wobei Proton das Zeitfenster am Abend hatte und dadurch im Walgau und Rheintal zu hören war.

Nach einer langen Durststrecke – auch finanzieller Art – kam 2007 mit der Akutförderung der neuen Regierung wieder etwas Schwung in das Freie Radio, das trotz allem unter sehr prekären Bedingungen arbeiten muss. Seither konnte das Studio technisch ein wenig verbessert werden, für die Produktionsgruppen werden nun hin und wieder Workshops zur Fortbildung angeboten. Unter den SendungsmacherInnen sind einige Gruppierungen mit Migrantionshintergrund: Neben Sendungen in serbokroatischer und türkischer Sprache existiert das spanischsprachige Programm Ora Latina, das vom Verein Tierra Madura produziert wird. Eines der neueren Programme ist MusigRadio, das von den Schreibern des Weblogs musigreview.com gestaltet wird – zur Sendung werden jeweils Vorarlberger Nachwuchsbands ins Studio eingeladen. Neu dabei ist die Drogenberatungsstelle Ex & Hopp mit der Sendung Rauschangriff und Pflasterfahndung. Auch das FH Campusradio Achwelle, das später noch näher besprochen wird, ist in den letzten Jahren auf Proton sehr aktiv. Die Vorarlberger Landesregierung sieht sich für die Förderung des Freien Radios nicht zuständig, sondern verweist auf die bundesweite Medienförderung. Proton wird derzeit nur mit der äußerst geringfügigen Summe von 5000.- Euro, aus einem Budget zur Förderung interkultureller Kommunikation gefördert. Ansonsten werden der Arbeit des Freien Radios laut Proton-Koordinator Rainer Roppele „Steine in den Weg gelegt, wo es nur möglich ist“.

An der Fachhochschule Vorarlberg entstand vor einigen Jahren das CampusRadio Achwelle, mit einem kurzen Sendeplatz auf Radio Vorarlberg. Nach einigen Jahren Pause wurde die Achwelle 2005 reaktiviert und um einen Webstream ergänzt, wo ein ganztägiges Musikprogramm zu hören ist. Neben der Achwelle war 2004/2005 auch das Videoprojekt proiector.tv als Online-Medium im Netz, die produzierten Inhalte sind derzeit wieder auf okto zu sehen. Letztes Jahr wurde für das Projekt Achwelle mit der Gründung des Vereins zum Betrieb studentischer Medien am Campus der FH Vorarlberg eine dauerhafte Basis geschaffen.

Printmedien, die sich explizit dem tertiären Sektor zugehörig verstehen, sind derzeit keine auszumachen. Aufgrund ihrer Unabhängigkeit sollen hier jedoch zwei Medien Erwähnung finden, auch, wenn sie kommerziell arbeiten bzw. werbefinanziert sind. Eine der wenigen Zeitschriften, die sich gelegentlich noch kritisch gegenüber dem Schwarzacher Medienmonopol äußern, ist Der Bludenzer. Dieser erscheint alle drei Wochen, wird von einer kleinen Redaktion von 4 bis 5 freiberuflichen RedakteurInnen produziert und finanziert sich über Inserate. Die Zeitschrift Kultur erscheint monatlich und umfasst neben einem ausführlichen Programmteil und Kulturkritiken auch anspruchsvolle Artikel zu gesellschaftspolitischen Fragen. Die Zeitschrift entstand Anfang der 1990er Jahre als Fusion der hauseigenen Zeitschriften der beiden Veranstalter Spielboden (Dornbirn) und Theater am Saumarkt (Feldkirch). Auf den letzten Seiten der Kultur findet man jeweils die gesammelten Stilblüten der Russ’schen Medien. Darüber hinaus scheint die Zeitschrift unter den gleichen ökonomischen Zwängen zu arbeiten wie die von ihr kritisierten Medien, gleichzeitiges Auftreten von Berichterstattung und Inseraten sind auch hier zu beobachten. Ansonsten sind fast alle Printmedien in Vorarlberg entweder fest in der Hand des Vorarlberger Medienhauses oder zumindest druck- bzw. vertriebstechnisch davon abhängig.

Freie Medien im Netz

Nach einem Exkurs zu den Printmedien nun zur aktuellsten Form Freier Medien. User Generated Content – eines der Buzzwords der Web 2.0 Ära – taugt immerhin als Überbegriff für Beiträge von UserInnen, die im Netz publiziert werden. Es kann nun kein vollständiger Überblick darüber gegeben werden, welche Inhalte von VorarlbergerInnen irgendwo im Netz veröffentlicht werden, das würde auch den Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit sprengen. Forumsbeiträge sind zwar eine Möglichkeit der Partizipation, stellen jedoch kein eigenes Medium dar. Als eigenständiges Online-Medium im Sinne Freier Medien können insbesondere jene Websites bezeichnet werden, die regelmäßig neue Inhalte bieten. Dieses Format wird seit einigen Jahren als Weblog bezeichnet und kann von einer Einzelperson ebenso wie von einer Gruppe oder einem Verein geführt werden. Freie Medien definieren sich im Kontext der Freien Radios neben der Freiheit von kommerziellen Interessen und Werbung auch durch die Offenheit zur Partizipation. Im Netz ist es durch zahlreiche kostenlose Dienste für alle möglich, selbst zu veröffentlichen. Diese Kriterien treffen auf eine Vielzahl der Weblogs zu, wobei es auch hier Ausnahmen gibt. Eine neue Bedeutung bekommt der Begriff „Freiheit“ in Zusammenhang mit der Lizenzierung von Inhalten. Die Creative Commons Lizenzen, die auch von einigen Weblogs verwendet werden, ermöglichen es, Inhalte zur Nutzung unter bestimmten selbst definierbaren Bedingungen freizugeben. Die Recherche des Autors zu Weblogs in Vorarlberg begann Ende 2005, wobei nur jene Weblogs näher betrachtet wurden, die auch regional relevante Inhalte bieten, während z.B. rein technikorientierte Weblogs ausgeklammert wurden. Anfang 2006 entstand aus einer Hand voll regional relevanter Weblogs ein erster Prototyp von Vorarlblog.

Die Website liest Artikel aus den Weblogs ein, stellt diese chronologisch sortiert dar und gibt so einen Überblick über die aktuellen Inhalte. Mittlerweile sind auf Vorarlblog.at etwa 30 Weblogs vertreten, die thematische Vielfalt wurde auch schon mit Kraut & Rüben verglichen. Zu Beginn wurden die AutorInnen noch persönlich kontaktiert, um ihr Einverständnis für die Vernetzung ihrer Inhalte zu bekommen, inzwischen ist das Projekt eine bekannte Größe und bekommt Anfragen von neuen BloggerInnen. Vorarlblog ist frei von Werbung und anderen kommerziellen Einflüssen und es steht allen Weblogs offen, ihre Beiträge beizusteuern.

Erlesene Weblogs aus Vorarlberg

Einige Fallbeispiele sollen hier veranschaulichen, wie Weblogs genutzt werden können:
_ Musigreview.com entstand aus dem Wunsch zweier Musikbegeisterter, die gelegentlich für die Neue Vorarlberger Tageszeitung Konzertkritiken schreiben, ihre Artikel unabhängig zu veröffentlichen, und ein eigenes Archiv anzulegen. Sie sind mit MusigRadio auch auf Radio Proton vertreten.
_ Bei verkehrt.net ist eine Gruppe von jungen Erwachsenen aktiv, die gemeinsam zu den Themen Ökologie, Nachhaltige Entwicklung und Verkehr mit Schwerpunkt auf die Region Bregenzerwald schreiben. Freie Medien in Vorarlberg sind, wie andere NGOs, von einem gewissen Brain Drain betroffen, wenn engagierte Jugendliche ein Studium hinterm Arlberg beginnen. Weblogs erleichtern es, mit der „Heimat“ in Kontakt zu bleiben – bei verkehrt.net sind auch einige Studierende als BloggerInnen aktiv.
_ Dominik Bartenstein, Mitinitiator von verkehrt.net führt auch ein privates Weblog, in dem er u.a. den Flugverkehr thematisierte. Mit einem eigens angeschafften Flugfunkempfänger konnte er genauere Daten zu Überflügen erfassen, als der Landesregierung jemals vorlagen. Das Thema wurde dadurch auch in den regionalen „Leitmedien“ aufgegriffen – ein Beispiel für die Wechselwirkungen zwischen der Blogosphäre und den traditionellen Medien.
_ Im vergangenen Sommer nutzte eine Bürgerinitiative das Netz als Medium, um die Frage zu stellen, wie die 7,3 Millionen Euro besser investiert werden könnten, die von der Stadt Dornbirn für den Bau einer Tiefgarage budgetiert worden waren. Die auf Vorarlblog durchgeführte Online Befragung der Initiative Stopp Garage wurde von ca. 200 LeserInnen beantwortet, in etwa gleich viele Unterschriften konnten an einem Infostand gesammelt werden.

Eine Vernetzung von Weblogs, über einzelne Links hinausgehend, erscheint notwendig, um die vielen kleinen Blogs auf eine gemeinsame Bühne zu bringen. Im Netz findet Freies Medienschaffen tagtäglich statt, oft ohne entsprechend wahrgenommen zu werden. In der Blogosphäre, die besonders in den Anfängen noch stark auf informationstechnologische Themen fixiert war, sind regionale Schwerpunkte immer noch relativ selten. Andererseits sollten auch die Freien Medien auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren. Eine gute Vernetzung zwischen Freien Sendekanälen und unabhängigen Online-Medienschaffenden ist zum Nutzen aller Beteiligten und nicht zuletzt auch der RezipientInnen.

Dieser Artikel darf unter den Bedingungen der Creative Commons Lizenz (Namensnennung, keine kommerzielle Nutzung, Weitergabe unter gleichen Bedingungen) nicht kommerziell genutzt werden, siehe: creative commons

Eric Poscher lebt in Feldkirch und ist Herausgeber von Vorarlblog

Der vorliegende Artikel ist Teil 1 einer neuen Kulturrisse-Serie zur freien Medienszene in den österreichischen Bundesländern.

 
 

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