Multiversalismus oder die Vielheit im Universalismus — IG Kultur

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INHALT 01/2007

 

Multiversalismus oder die Vielheit im Universalismus

Marty Huber

Und wieder hat er mich gefragt, warum es mich nervt, wenn mir jemand sagt: „Wir sind alle Menschen, und deswegen eh alle gleich!“

Und ich denk mir dann immer, warum jemand andauernd anders behandelt wird und sich auch anders behandelt fühlt und sich auch anders inszeniert und schließlich individualisiert und plötzlich sind alle anders und niemandem ist das gleich, höchstens gleich wichtig, anders zu sein; und dann werden Menschen eingesperrt, weil sie auch ein gutes Leben haben wollten, in Sicherheit, und weil sie die Personen lieben wollten, die sie lieben; und dann darf jemand Vater, Mutter, PartnerIn sein und andere landen vor Gericht oder eben nicht vor der Standesbeamtin. Und warum macht mich dann das „Gleiches Recht für gleiche Liebe“ mehr traurig und nicht glücklich? Für die einen ist es gegen die Natur, gegen das Gesetz des Vaters, gegen die Nation, gegen die Religion...

Von „Natur“ aus passiert – wie wir aus langer Erfahrung wissen – nichts, alles muss erkämpft, erstritten, erlogen, gestohlen, inszeniert, so getan als ob, bezirzt und verhandelt werden. Von einer konstruierten „Natur“ aus inszenieren wir/sie von allen Seiten die Essenzen von Frau, Mann, Heimat, Familie, Lesbe, Schwarze, Juden, Herrn und Frau Österreicher, Migrantin, Behinderter, Intellektuelle, Prolos, und das obwohl wir/sie aus der Geschichte wissen, dass es keine JüdInnen für Antisemitismus braucht. Braucht es dann auch keine Schwarze für RassistInnen, keine Lesben und Schwule für Homophobie? Umgekehrt braucht es dann auch keine Frauen und Trans-Personen für die Aufhebung der Geschlechtergrenzen, keine Behinderten für Rollstuhlrampen?

Ich muss nicht blind sein, um Braille-Schrift in Aufzügen und auf Medikamentpackungen gut zu finden, aber trotzdem schadet es nicht, ein wenig bescheid zu wissen. Ich muss nicht Lesbe sein, um Homophobie zu bekämpfen. Aber leider habe ich oft den Eindruck, dass jene unter dem Deckmantel „Wir sind eh alle Menschen!“ ihr eigentliches Desinteresse und in Folge ihre Privilegien aufgrund der Verhältnisse verstecken.

„It’s the economy, stupid!“, rief ein Präsidentschaftskandidat namens Clinton dem Vater Bush zu und dann denke ich an meine Freundin in Seattle, deren Firma, die dafür bekannt ist, weltweit Fenster (Windows) zu vertreiben, ihr die künstliche Befruchtung zahlte, ihre Partnerin anerkennt, etc... Ist es das Diversity Management des Kapitalismus, das mehr Veränderung bewirkt, als... Nein, es ist immer noch die Ökonomie, Dummchen und der gezielte Ausschluss vom Zugang zu Ressourcen, zu Arbeit, zu Bildung, zu Wohlstand, zu Gesundheitsversorgung. Nur weil manchmal jemand irgendwo grad weniger diskriminiert wird, heißt das noch lange nichts. Wenn wir aber am zapatistischen Motto: „Nichts für uns, alles für alle“ weiter denken wollten, dann würde sich jedenfalls eine Horizonterweiterung in die eigene Ränge gut antun.
Die Reanimation des so genannten „untoten“ Universalismus zu einem strategischen Universalismus setzt die Eigenschaft voraus, neben den womöglich strategisch identitär besetzten SprecherInnenpositionen auch die ZuhörerInnenposition zu zelebrieren. Dann können wir die Widersprüche der Strategien zwischen Identitärem und Universellem tanzen lassen und gleichzeitig „all different, all equal“ denken, eine Kampagne der EU-Kommission aus dem Jahre 1995, die interessanterweise 2007 in die zweite Runde geht. Vielleicht gibt es dann so etwas wie Multiversalismus, der es erlaubt, Kämpfe trotz der Dilemmata zu führen, weil diese abseits von Berechtigungen aufgrund der eigenen Diskriminierungserfahrung geführt werden müssen. Oder wie es ein Punk auf einer Demo gegen die Schubhaft ausdrückte: „Hoch die anti-nationale Solidarität!“

 
 

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