Verstecktes Gedächtnis. Graubereiche in der Plagiarismusdebatte — IG Kultur

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INHALT 01/2007

 

Verstecktes Gedächtnis. Graubereiche in der Plagiarismusdebatte

Julia Hertlein

Studierende, die an der sozialwissenschaftlichen Fakultät in Wien ihre Abschlussarbeit vorlegen, müssen am Prüfungsreferat ihre Unterschrift unter folgende Zeilen setzen: „Ich versichere, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig verfasst habe. Ich habe keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt. Ich habe die Arbeit bzw. Teile davon weder im In- noch Ausland einer Beurteilerin / einem Beurteiler zur Begutachtung als Prüfungsarbeit vorgelegt.“ Doch nicht nur bei Dissertationen und Diplomarbeiten wird diese Vorgangsweise verlangt, sondern auch schon bei der Abgabe von Seminararbeiten muss mittlerweile an vielen Fakultäten versichert werden, dass kein fremdes geistiges Eigentum verwendet wurde.

Die Plagiarismusdebatte ist in den österreichischen Medien vor allem durch einige Artikel der Tageszeitung Der Standard in die allgemeine Aufmerksamkeit gerückt: Durch die Recherchen des selbsternannten „Plagiatsjägers“ Stefan Weber gelangten einige Fälle von Plagiarismus an den Universitäten Salzburg und Klagenfurt an die Öffentlichkeit. Die genannten Universitäten reagierten darauf mit dem Ankauf von Plagiarismus detektierenden Softwareprogrammen, welche die ab nun digital einzureichenden Abschlussarbeiten auf ihre Eigenständigkeit bzw. korrekten Zitiermethoden hin überprüfen sollen. Beliebte Programme sind Turnitin und Docol©c, die eine genaue prozentuelle Aufklärung des vorliegenden „Plagiatsverbrechens“ versprechen. Die Universität Klagenfurt hat z. B. eine Prüfung aller Dissertationen und Diplomarbeiten der letzten fünf Jahre durch Docol©c angeordnet und fordert alle Studierende, „die sich nicht ganz sicher sind“ (Der Standard, 18.12.06), auf, sich bis 31.03.07 selbst des Plagiats zu bezichtigen, was negative Konsequenzen wie die Titelaberkennung oder Exmatrikulation verhindern könne.

Flick-Werke

Doch was bedeutet Plagiat eigentlich, und welche Grauzonen beinhaltet dieser Begriff? Im ersten Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung beschimpfte der römische Dichter Martial seinen Konkurrenten Fidentius als „plagiarius“, da dieser manche Gedichte Martials fälschlicherweise als seine eigenen ausgab: „Die eigenen geistigen Werke seien wie freigelassene Sklaven: wer sich ihrer bemächtige, begehe ‚plagium‘, Menschenraub“ (Stegemann-Boehl, zit. nach Fröhlich 2006: 81). In der gängigen Definition spricht man von geistigem Diebstahl, von der teilweisen oder vollständigen Übernahme fremden geistigen Eigentums unter Vortäuschung eigener Urheberschaft. In Abgrenzung zur Fälschung (von Daten oder Ergebnissen), zum Datenklau und zum Diebstahl von Untersuchungsmaterial, gilt das Plagiat als eigene Form „wissenschaftlichen Fehlverhaltens“ (Fröhlich 2001: 262).
Bei dem Versuch, verschiedene Plagiatsformen zu identifizieren, kristallisieren sich in der gegenwärtigen Diskussion folgende Plagiatsvarianten heraus: Von einem Totalplagiat spricht man dann, wenn ganze Texte, Aufsätze oder Arbeiten komplett übernommen werden und als eigene Arbeitsleistung ausgegeben werden – laut dem Wissenschaftsforscher Fröhlich eher eine Angelegenheit für „waghalsige Draufgänger“ (Fröhlich 2006: 81). Ein Teilplagiat wiederum bezeichnet die nur teilweise Übernahme von fremden Texten, sei es in Form ganzer Sätze oder unausgewiesener Formulierungen. Was Fröhlich als „wissenschaftliches Cuveé“ (ebd.: 81) bezeichnet, wird von der deutschen Medieninformatikerin Weber-Wulff als Shake & Paste (Weber-Wulff 2006: 91) tituliert, da Plagiate dieser Art verschiedene Quellen miteinander mischen. Als eine weitere „Unterform“ des Teilplagiats könnte man auch die von Weber-Wulff beschriebene Halbsatzflickerei betrachten, eine sehr arbeitsintensive Form des Plagiats: „Hier werden Sätze und Halbsätze aus verschiedenen Quellen genommen und etwas ‚bearbeitet‘. Eine Aufzählung wird umgestellt, ein Wort durch ein Synonym ersetzt, ein Halbsatz dazwischen geschoben […]. Man fragt sich manchmal, ob es für den Plagiator nicht einfacher gewesen wäre, den Aufsatz einfach ganz neu zu schreiben“ (ebd.: 91). Das Übersetzungsplagiat hingegen, welches sowohl als Total- wie auch als Teilplagiat vorkommen kann, folgt dem Prinzip, einen (möglichst unbekannten) wissenschaftlichen Text aus einer anderen Sprache in die eigene zu übersetzen und das Ergebnis dann als eigenständige Arbeit zu präsentieren.

So weit, so nachvollziehbar. Interessanter wird es nun bei Plagiatsformen, die vage als Ideen- und Strukturplagiate bezeichnet werden. Weber-Wulffs Strukturübernahme meint die Übernahme der geistigen Argumentationskette eines/r AutorIn, welche sich in der „Struktur“ eines Textes manifestiert. Und Fröhlich spricht beim Ideenplagiat von der Übernahme der bloßen „Substanz“ ohne „Würdigung der Urheber“ (Fröhlich 2006: 82).

Die eigene Denksozialisation zitieren?

Bei aller Plausibilität, die diese Unterscheidungen auf den ersten Blick zu haben scheinen, lässt ihre Unschärfe doch zugleich jene Dimension der Frage nach dem Plagiat sichtbar werden, die am besten als Graubereich umschrieben werden kann. Denn was ist die „Struktur“ eines Textes, was ist seine „Substanz“? Der berühmte, von Merton amüsanterweise als plagiierter Satz enttarnte, Ausspruch Newtons: „Wenn ich weiter gesehen habe, so deshalb, weil ich auf den Schultern von Riesen stehe“ (zit. nach Merton 1983: 19), drückt genau jenes Element wissenschaftlicher Arbeitsweise aus, welches durch Reflexion, Verinnerlichung und Weiterverarbeitung schon geleisteter wissenschaftlicher Erkenntnis gekennzeichnet ist. Wenn im Zuge der Bürokratie universitärer Konsekrationsakte, wie der Approbation der Diplomarbeit, die Unterschrift unter eingangs zitierte Zeile: „Ich habe keine anderen als die angegebenen Quellen und Hilfsmittel benutzt“ gefordert ist, so wird offensichtlich, dass diese Forderung eine wissenschaftsethische Utopie darstellt. Denn wie sollte es möglich sein, die gesamte eigene Denksozialisation zu „zitieren“? Bei wie vielen AutorInnen hat man zu denken und zu schreiben gelernt? Welche Bezeichnungen, Denkstrukturen, Konzepte, Argumentationslinien, politisch verankerten Perspektiven und stilistischen Traditionen sind die eigenen und nicht in Grundzügen Teil eines historischen oder zeitgenössischen Diskurses?
Pierre Bourdieu, einer der großen Erforscher der Zusammenhänge des wissenschaftlichen Feldes, fordert die WissenschafterInnen nicht ohne Grund auf, die Reflexion des „kollektiven wissenschaftlichen Unbewussten“ (Bourdieu / Wacquant 1996: 68) in der eigenen Arbeit zu berücksichtigen. Bestimmte Schreib- und Referenzstrukturen, so ließe sich mit Bourdieu argumentieren, haben ihre Wurzeln in der bestimmten Art und Weise, wie eine Disziplin sich selbst und die historische Genese ihre Traditionen und Referenzstrukturen versteht. Diese sind nicht auf den ersten Blick sichtbar und bedürfen einer sorgfältigen Reflexion auf mehreren Ebenen. Die Nachdrücklichkeit, mit der Bourdieu auf einer solchen Reflexion besteht (vgl. Bourdieu 1993), macht offensichtlich, dass man es während des Schreib- und Forschungsprozesses immer auch mit wirkmächtigen diskurshistorischen Wurzeln zu tun hat, die bis zu einem gewissen Grad „vergessen“ wurden.

In der aktuellen Diskussion um das Plagiat wird jener Graubereich, der durch das „Vergessen der Quelle“ (Fröhlich 2006: 81) beschrieben wird, als Problem der Kryptomnesie gefasst. Kryptomnesie (vgl. Merton 1983: 33), bezeichnet das „versteckte Gedächtnis“, die vergessene Erinnerung. Dieser Begriff könnte nun so interpretiert werden, dass er genau auf jene unbewussten und nicht-intentionellen Akte (im Sinne des Wirkens des Bourdieu’schen kollektiven wissenschaftlichen Unbewussten einer Disziplin) der Wiederverwertung bestimmter Denk-, Strukturierungs-, und Argumentationsmuster im Schreibprozess verweist.
Auch Michel Foucault, der in seinem Vortrag „Was ist ein Autor?“ die traditionelle, moderne Autorenfunktion in Frage stellte, betont das Vorhandensein dieser unsichtbaren Diskursivität, aus dem sich zugleich die Unentbehrlichkeit einer historischen Diskursanalyse ergibt. Dies gilt im Übrigen nicht nur für wissenschaftliche Disziplinen, sondern auch für Diskurstypen, die im akademischen Diszplinenkanon keine unmittelbare Entsprechung finden, wie Foucault dies etwa an den Beispielen Marx’ und Freuds analysiert: „Daher rührt das ewige Spiel […], in dem man einerseits sagt: das war ja schon da, man brauchte es nur zu lesen, alles steht da, man musste schon blind und taub sein, um nicht zu sehen und zu hören; und umgekehrt: nein, das steht nicht in diesem und nicht in jenem Wort, kein sichtbares oder lesbares Wort sagt das, worum es jetzt geht, es handelt sich vielmehr um das, was zwischen den Zeilen (Worten) gesagt wird, durch ihren Abstand, durch ihre Zwischenräume“ (Foucault 2000: 224).

Foucault und Bourdieu begreifen das Vergessen auch als ein der wissenschaftlichen Arbeitsweise notwendigerweise innewohnendes Phänomen. Das Wiederaufspüren des „versteckten Gedächtnisses“ des Wissenschaftsfeldes bzw. der verschwommenen und aus dem Blick verschwundenen Denkfiguren, Diskurse und Zwischenräume kann auch als Quelle von Kreativität und wissenschaftlicher Auseinandersetzung gelesen werden.

Jenseits von guten und bösen Studierenden

Verlässt man den Rahmen, in dem die Plagiarismusdebatte im Moment geführt wird, und nimmt die Erkenntnisse kritischer Theorien innerhalb der Geistes- und Kulturwissenschaften der letzten 40 Jahre ernst, so wäre also zweifellos die Frage nach der grundsätzlichen Brauchbarkeit eines traditionellen modernen Autorenverständnisses aufzuwerfen.[1] Hält man hingegen an diesem Rahmen fest, so stellt sich die Copy-&-Paste-Praxis vieler Studierender sicherlich als Problem dar. Durch Internet und moderne Technologien hat sowohl das Plagiieren als auch das Aufspüren von Plagiaten eine neue Dimension technischer Machbarkeit bekommen. Der Frage, wie mit diesem „Problem“ umzugehen sei, ist aber definitiv nicht durch einen Dämonisierungsprozess des Phänomens Plagiat beizukommen.

Die Aufteilung in „gute“ und „böse“ Studierende, in Plagiierte und Plagiatoren, greift zu kurz, vor allem wenn darüber Fragen der konkreten Vermittlung der Sinnhaftigkeit wissenschaftlicher Zitier- und Arbeitsweisen, der Betreuungsverhältnisse an den Universitäten sowie der Effekte des anwachsenden ökonomischen Drucks, der auf Studierenden, Lehrenden und Instituten lastet, ausgeblendet werden. Zudem sollten die eingeforderten Standards auch den Lehrenden selbst als Orientierung dienen. Die oft stillschweigend hingenommene Praxis, dass InstitutsleiterInnen, ProfessorInnen, ProjektleiterInnen etc. unausgewiesen von den Arbeiten ihrer Studierenden profitieren, gehört ebenfalls zum akademischen Alltag. Fröhlich beschreibt dies als „unethische Autorenschaft“, welche in der „Selbst-Kooptierung als Autor aufgrund der Machtsituation“ besteht, „obwohl keine Mitarbeit erfolgte“ (Fröhlich 2001: 263).

Wenn man mit Bourdieu davon ausgeht, dass ein Studium nicht nur eine weitere Ausbildungsphase, einen weiteren beruflichen Qualifikationsschritt markiert, sondern vor allem auch einen Sozialisationsprozess, der mit dem Eintritt ins universitäre Feld beginnt (vgl. Bourdieu 1992), dann wird augenscheinlich, wie notwendig ein reger, kritischer, intensiver und vor allem fairer Austausch zwischen Studierenden und Lehrenden ist. Das gehäufte Auftreten von Plagiaten, wie es vom Mainstream der medialen Berichterstattung kolportiert wird, lässt sich mithin auch als Symptom für eine unzulängliche wissenschaftliche Praxis an den Universitäten verstehen. Damit soll der/die Einzelne nicht aus der Verantwortung genommen werden. Doch gilt es den Blick fernab von Dämonisierungen auch auf die strukturellen Probleme der Ausbildungsschmiede des wissenschaftlichen Feldes, auf die Universität, zu lenken – und vielleicht nicht zuletzt die Diskussion um das Prinzip der individuellen AutorInnenschaft aufs Neue aufzurollen.

1 Interessant in diesem Zusammenhang ist die Aufweichung der individuellen Autorfunktion in den Naturwissenschaften, wie z. B. in der Physik: „Individuelle Autorenschaft und Verantwortlichkeit (in den geräteintensiven, hoch arbeitsteiligen Naturwissenschaften schon heute oft durch große Forschungsteams als Autorenkollektive ersetzt) lösen sich tendenziell weiter auf.“ (Fröhlich 2001: 272)

Literatur
Bourdieu, Pierre (1992): Homo academicus, Frankfurt am Main.
Bourdieu, Pierre (1993): „Narzisstische Reflexivität und wissenschaftliche Reflexivität“. In: Berg, Eberhard; Fuchs, Martin (Hg.), Kultur, soziale Praxis, Text. Die Krise der ethnographischen Repräsentation, Frankfurt am Main.
Bourdieu, Pierre / Wacquant, Loïc (1996): Reflexive Anthropologie, Frankfurt am Main.
Foucault, Michel (2000): „Was ist ein Autor?“. In: Texte zur Theorie der Autorenschaft, Frankfurt am Main, S. 198–233.
Fröhlich, Gerhard (2001): „Betrug und Täuschung in den Sozial- und Kulturwissenschaften“. In: Hug, Theo (Hg.), Wie kommt die Wissenschaft zu ihrem Wissen? Hohengehrer/Baltmannsweiler, Band 4, S. 261–276.
Fröhlich, Gerhard (2006): „Plagiate und unethische Autorenschaften“. In: Information – Wissenschaft & Praxis 57, 2, S. 81–89.
Merton, Robert K. (1983).: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit, Frankfurt am Main.

Julia Hertlein hat in Wien und Paris Soziologie/Philosophie studiert und vor kurzem mit ihrem Dissertationsprojekt begonnen. In ihrer Diplomarbeit setzte sie sich mit Pierre Bourdieu, dem wissenschaftlichen Feld und Fragen des Geschlechts auseinander.

 
 

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