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Kulturrisse Ausgaben 01/2007 Oppositionen Die Uni abschreiben? Das Phänomen des Plagiarismus als Folge des Strukturwandels an den Hochschulen
 

Die Uni abschreiben? Das Phänomen des Plagiarismus als Folge des Strukturwandels an den Hochschulen

Lisa Mayr

Die Diskussion um Plagiate hat zuletzt auch die österreichischen Universitäten erreicht. In zahlreichen Medienberichten lassen sich die Reaktionen der Hochschulen auf bekannt gewordene Plagiatsfälle mitverfolgen: Da werden Präzedenzfälle geschaffen, Exempel statuiert und alles in allem wird gegenüber den Studierenden hart durchgegriffen. Es sieht ganz danach aus, als solle hier ein Problem schnell unter den Teppich gekehrt werden, bevor jemand auf die Idee kommt, nach den möglichen Ursachen zu fragen. Kein Wunder: Könnte doch das relativ große mediale Interesse an den Plagiatsfällen dazu führen, dass sich der Blick einer breiten Öffentlichkeit auf jene aktuellen Entwicklungen im Hochschulbereich richtet, die für das gehäufte Auftreten von Plagiaten mitverantwortlich sind.

Dass ein ungenauer Umgang mit Zitaten und Quellen in wissenschaftlichen Arbeiten und das ungekennzeichnete Abschreiben von Textpassagen derzeit ein rechtliches Problem darstellen kann, steht außer Frage. Wie auch immer man diese Tatsache bewertet, ändert sie nichts an der Notwendigkeit, nach den Gründen für verstärkt auftretenden Plagiarismus zu fragen. Wenn aber Plagiatsfälle ausschließlich im Zusammenhang mit Legalität und Illegalität diskutiert werden, entsteht leicht der Eindruck, dass eine juristische Antwort darauf die einzig mögliche und obendrein ausreichend sei. Die Inszenierung der Plagiatsfälle als das Vergehen einzelner Studierender, die durch das beherzte Engagement einiger „AufdeckerInnen“ im Dienste von Recht und Ordnung überführt werden können, verstellt den Blick darauf, dass Plagiate auch eine Folge von Entwicklungen und Umbauprozessen an den Universitäten sind. Scheinbar hat selbst hier der Effizienz-Gedanke gegriffen: Mit der Reduktion des Plagiarismus auf ein rein rechtliches Problem, dem man keinerlei Verbindung zu den sich verändernden Lebens- und Bildungsrealitäten von Studierenden einräumt, fallen die Antworten auf Plagiatsfälle kurz und bündig aus. Denn wenn das Phänomen positivistisch losgelöst von seinen möglichen Ursachen betrachtet und bewertet wird, erspart man sich gewisse Schlussfolgerungen von vornherein.

Effizienz und Elite

Was sind nun die „dahinterliegenden Phänomene“, die dem – im Bildungsbereich keineswegs neuen – Phänomen des Plagiarismus heute verstärkt Vorschub leisten? An den Universitäten lassen sich momentan vor allem zwei Tendenzen ausmachen, die damit mit Sicherheit in Zusammenhang zu bringen sind. Für beide gilt, dass sie – ob ganz bewusst oder en passant – der Reproduktion von herrschenden Machtverhältnissen dienen: Es handelt sich einerseits um den von weiten Teilen der Gesellschaft befürworteten Versuch, die allgemeine Steuerleistung für den Hochschulbereich zu reduzieren, was mithilfe von Studiengebühren, Zugangsbeschränkungen und Maßnahmen zur Verkürzung der individuellen Studiendauer erreicht werden soll. Gleichzeitig soll jedoch der Einfluss gesellschaftlicher Eliten gesichert bleiben, die Hochschulen bzw. höhere Bildung und den dadurch erlangten „habituellen Vorsprung“ heute maßgeblich zur Reproduktion brauchen. Das Wiedererstarken akademischer Dünkel und die Forcierung eines spezifisch universitären Habitus, die sich heute an vielen Hochschulen und in Wissenschaftskreisen feststellen lassen, ergänzen sich vor dem Hintergrund dieser Interessenlagen sehr gut, Effizienz- und Elitegedanke bilden also nur auf den ersten Blick einen Widerspruch.

Studium light

An den großen Universitäten wird gespart, die Studierenden müssen zur Finanzierung ihrer Bildung beitragen, die Elfenbeintürme sollen ruhmreich in den Himmel ragen – da sind sich mittlerweile alle Parlamentsparteien in Österreich weitgehend einig. Da Elitenbildung aber Selektionsmechanismen verlangt, weil nicht alle Elite sein können, wird früher oder später wohl keine Partei prinzipiell gegen Auswahlverfahren oder Leistungstests sein können. Ein erster Schritt in diese Richtung war bereits die Einführung des Bachelor-Master-Systems, das eine weiterführende wissenschaftliche Ausbildung nur noch für eine Minderheit vorsieht und nicht mehr als maßgebliches Ziel des Studiums definiert. Mit dem Hinweis, durch diese Art des standardisierten Hochschulstudiums sei eine bessere internationale Vergleichbarkeit der Abschlüsse und überdies eine gezieltere Antwort auf die so genannten Bedürfnisse des Arbeitsmarktes möglich, wird jede Kritik am „Studium light“ vom Tisch gewischt.

An wissenschaftliche Methodik und Arbeitsweisen herangeführt wird die Mehrzahl der Studierenden an den Universitäten heute nur mehr sehr oberflächlich, nicht zuletzt, weil miserable Betreuungsverhältnisse und schlechte finanzielle Ausstattung vor allem in den so genannten Massenfächern dies gar nicht zulassen – Lehrplan hin oder her. Dazu kommt, dass der überwiegende Teil der Studierenden neben dem Studium arbeiten muss. Studiengebühren – deren Erhöhung in den nächsten Jahren zu befürchten ist – sind mit Sicherheit nicht der einzige Grund für diesen Umstand, tragen aber wesentlich zur Verschärfung des finanziellen Drucks auf Studentinnen und Studenten bei. Der dicht gedrängte Tagesplan vieler lässt kaum mehr Zeit für das Studieren im eigentlichen Sinne – also für das selbstständige und lustvolle Vertiefen in wissenschaftliche Literatur, für den Austausch und die Diskussion mit KollegInnen und – fast klingt es pathetisch – das Nachdenken und Reflektieren ganz ohne Druck. Dazu kommt, dass vor allem die im doppelten Sinne verkürzten Studiengänge für das Bakkalaureat und an den Fachhochschulen von vornherein auf einen berufsqualifizierenden Abschluss angelegt sind. Dies trägt unzweifelhaft eine Botschaft an die Studierenden in sich, die da lautet, dass es die Hochschule als Lebenssituation nicht allzu ernst zu nehmen gelte, weil sie nur ein Mittel zum Zweck ist. Intellektuelle und wissenschaftliche Auseinandersetzung wird nur betrieben, wenn sie den zu erwartenden Erfolg auf dem Arbeitsmarkt zuträglich ist. Denkbar schlechte Voraussetzungen also für die Entwicklung eines kritisch-wissenschaftlichen Verständnisses der Welt. Dass auch die Qualität etwa einer Seminar- oder Diplomarbeit darunter leidet, wenn diese unter Zeitdruck entsteht und nur als weiterer Stein im Mosaik der zu erlangenden beruflichen Qualifikation wahrgenommen wird, versteht sich von selbst.

Die Plagiatsdebatte offenbart eine weite Kluft zwischen Anspruch und Realität an den Universitäten heute: Da werden auf der einen Seite vertikale Top-Down-Entscheidungswege zulasten horizontaler Selbstverwaltungsstrukturen gestärkt, die Mitbestimmung von akademischem Mittelbau und Studierenden abgebaut, der ökonomische Druck auf Studierende und wissenschaftlichen Nachwuchs erhöht und ständig die Notwendigkeit einer Arbeitsmarktorientierung des Studiums gepredigt. Im gleichen Atemzug wird von den Studierenden verlangt, doch bitteschön das humanistische Bildungsideal zu leben und die Wissenschaft nicht durch die Verwendung von Wikipedia zu besudeln.

Leere Lehre

Auch der Wandel, dem die akademische Lehre generell unterworfen ist, sollte bei der Ergründung des Phänomens Plagiarismus an den Universitäten nicht ignoriert werden. Neben Lehrauftrag, Verwaltungs- und Gremienarbeit, Drittmitteleinwerbung und der individuellen Betreuung von Studierenden bleibt schon heute vielen Hochschullehrenden kaum mehr Zeit für die eigene Forschungsarbeit. Dies sowie die geforderte Modulisierung von Lehrinhalten gemäß neuer Studienpläne führt dazu, dass in etlichen Fächern nur mehr standardisiertes Wissen vermittelt wird. Um möglichst effizient zu arbeiten, wird alles in didaktisch gut präsentierbare Form gebracht und der Lehrstoff rigide in einen vorstrukturierten Lehrplan eingebaut. Die Folge ist, dass viele Studierende in ihrer gesamten universitären Laufbahn oft kein einziges Mal die Erfahrung einer freien, akademischen, wissenschaftlich orientierten Diskussion machen. Die Möglichkeit, auf gleicher Augenhöhe mit anderen zu lernen, das selbstständige Einteilen von Lernstoff, Arbeiten in Teams und das weitgehende Freisein von Zeitdruck: Dass diese Forderungen wichtiger Voraussetzungen eines Erkenntnisgewinns im Rahmen des Studiums in den Ohren vieler heute nur mehr naiv klingen, hat wahrscheinlich damit zu tun, dass man sich an den Universitäten längst völlig von ihnen verabschiedet und den Bildungs- durch den Ausbildungsbegriff ersetzt hat. Dabei wäre ein stärker an diesen Kriterien orientiertes Lernen und Lehren an den Universitäten mit Sicherheit ein entscheidender Anreiz für die ernsthafte Auseinandersetzung mit Inhalten – und ihrer korrekten wissenschaftlichen Aufbereitung und Bearbeitung.

Der Strukturwandel an den Universitäten ist also weit mehr als ein ausschließlich die Organisation betreffender Prozess. Vielmehr bildet sich das, was auf struktureller Ebene passiert, auch im Lehr- und Lernprozess ab. Die Entschiedenheit, mit der AufdeckerInnen und BerichterstatterInnen von Plagiatsfällen sämtliche bildungspolitischen Fragen außen vor lassen, legt allerdings die Annahme nahe, dass sie einen Zusammenhang nicht sehen wollen oder können. Sie scheinen eher zu glauben, dass Studierende heute aus heiterem Himmel schlichtweg schlechter oder unmoralischer agieren als ihre KollegInnen früherer Generationen. Und es wäre nicht das erste Mal, dass strukturelle Probleme größerer Ordnung zu Schwächen und zum Scheitern des Einzelnen umgedeutet werden.

Lisa Mayr hat Politikwissenschaft studiert und ist derzeit Redakteurin bei NetDoktor.at.

 
 

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