Der Ahnenkult des Originals. Verborgene Quellen des Wissens. — IG Kultur

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INHALT 01/2007

 

Der Ahnenkult des Originals. Verborgene Quellen des Wissens.

Konrad Becker

Selbsternannte akademische Plagiatsjäger beklagen eine Vergesellschaftung von Sprache und Ideen durch Informationstechnologien und eine Kontaminierung des Textkörpers mit Fremdelementen. Der Ruf nach Forschungsprojekten wurde laut, um das wahre Ausmaß der Unterwanderung und Infiltration aufzudecken und mit Hilfe von Plagiatserkennungssoftware die ursprüngliche Reinheit des Korpus zu bewahren. „Nichts ist törichter als das Begehrnis, ein Dichter möge alle Stoffe aus sich selbst heraus schaffen, das sei Originalität“, schrieb einst Heinrich Heine. Statt elektronischer Ahnenpässe für Diplomarbeiten wäre ein reflektierter Umgang mit den Quellen des Wissens wünschenswert.

Planet Mimesis und die Invasion der Aliens

Nachahmende Fähigkeiten spielen nicht nur eine entscheidende Rolle in den höheren Gehirnfunktionen, sondern beruhen auf Anlagen, die tief in der biologischen Geschichte des Menschen verwurzelt sind. Menschen haben eine besondere Befähigung, Ähnlichkeiten zu erkennen und wenden die Imitation von Natur und menschlichem Verhalten erfolgreich an. Imitation ist Grundlage für das Einüben und Verfeinern von Fertigkeiten und ihre Vermittlung an andere. Mimesis ist nicht nur ein Mittel der Kommunikation sondern auch der Darstellung und ermöglicht die Entwicklung eines symbolischen Raums für soziale Interaktion. Sie ist wesentlich für die Möglichkeit, die Intentionen anderer zu erfassen und analog zur Gravitationskraft in der Kohäsion von Gruppen. Soziale Systeme formen sich auf der Basis komplexer mimetischer Prozesse über Millionen von Jahren.

Mimesis ist aber nicht nur eine bewusste Nachahmung sondern auch ein unbewusster psychologischer Prozess, der Mechanismen der Repräsentation, des Begehrens, der Rivalität und der Viktimisierung einbezieht. Aus der unbewussten Nachahmung anderer bilden sich Muster des Begehrens, die nicht allein den Besitz von Gütern sondern viel mehr das „Sein“ des Anderen, die Quelle seiner Kraft betreffen. Ähnlichkeit wird zur Macht, die Kopie soll das Wesen einfangen und auf magische Weise den Geist des abgebildeten Subjekts übertragen. Die Kopie, die aus dem Original seine Kraft bezieht, ist das gefährliche Enigma, absichtsvolle Gleichartigkeit wird zur zweiten Natur, beeinflusst das Original und stellt es potenziell in Frage. Jenseits so genannter imitatorischer Magie, ritueller Arbeit an der Kopie oder Kontaktmagie der materiellen Substanz eines zu beeinflussenden Subjekts, beinhaltet Mimesis sowohl Kopie als auch substanzielle Verbindung, visuelle Replizierung und Transfer. Jenseits des von Kopie und Kontakt charakterisierten fotografischen Abbildes, beinhaltet Mimesis Phänomene der Identifikation, Partizipation und Übertragbarkeit, die sich zufrieden stellenden Erklärungen widersetzen.

Medien berichten, das globale Fälschungsbusiness sei völlig außer Kontrolle, aber gefälschte griechische Statuen waren schon im alten Rom nicht ungewöhnlich. Die technische Möglichkeit, Kopien zu erzeugen, die ununterscheidbar vom Original oder sogar noch besser als dieses sind, hat die Grenzen zwischen Echt und Falsch verwischt. Da eine Fälschung sogar besser sein kann als das Original, scheint die Frage des Werts nicht den Inhalt sondern die AutorInnenschaft zu betreffen. Die gelungene Fälschung anerkannter Werte der Hochkultur wird sogar oft genug zur Quelle allgemeiner Heiterkeit. KunstfälscherInnen gelangen vielfach zu großer Popularität und der Schaden besteht scheinbar nur darin, die Konten der Reichen ein wenig abzuschöpfen. Für die TorhüterInnen und WürdenträgerInnen kultureller Hegemonie ist das allerdings kein Verbrechen ohne Opfer sondern gefährliche Subversion offizieller Geschichtsschreibung und Unterwanderung kollektiver Identität. Die daraus resultierenden subtilen Veränderungen der Realität wurden mit der Bedrohung durch unentdeckt unter uns lebende Außerirdische verglichen. Eine Alieninvasion, die durch Infiltration und die geschickte Einschleusung von täuschend ähnlichen Falsifikaten den kulturellen Korpus kontaminiert und die kulturelle Kodierung der Wahrheit manipuliert.

Praxis kultureller Selbstermächtigung

Reaktionäre Ideologien betonen die einzigartige Individualität von EigentümerInnenschaft und mystifizieren kulturelles Schaffen. Die sakrale Aura und mythische Einzigartigkeit des Kunstobjekts ist eng verbunden mit der Säkularisierung der Gesellschaft und des Kults der Schönheit in einer bürgerlichen Weltordnung. In einem kulturökonomischen System der Markenentwicklung vermeintlicher Authentizität wird das Hauptaugenmerk auf bedeutungslose „Innovationen“ und „individuelle“ Persönlichkeiten gelenkt. Kulturelles Schaffen basiert aber auf einer Vielfalt von Traditionen, die sich über Jahrtausende ausgebildet haben und auf Vektoren kultureller Entwicklung, die sich jeder AutorInnenschaft widersetzen. Der/die AutorIn, der/die die kollektive Auseinandersetzung und Einbettung in einen Diskurs verdrängt und von seiner historischen Entstehung abspaltet, verleugnet die Wirklichkeit.

Die Illusion von AutorInnenschaft ist eine unzulässige Abstraktion und negiert das Netzwerk von Diskursobjektbeziehungen, das die Rechte des/der einzelnen Autors/in notwendigerweise einschränkt. Um kulturelle Praxis von reaktionären Modellen à la „Authentizität“ zu befreien scheint es unvermeidlich, die vermeintliche Vielfalt der AutorInnen als illusionär zu verstehen. Soziale Entwicklung und gemeinschaftliche Interaktion beruht immer auf einer Praxis plagiatorischer Aneignung, die tief in sozialen Prozessen verwurzelt ist. Lautréamont schrieb schon 1866 „Das Plagiat ist notwendig, der Fortschritt verlangt es. Es erfasst den Satz eines Autors, nutzt seine Ausdrücke, entfernt einen Gedanken und ersetzt ihn durch einen treffenderen.“ Künstlerischer Ausdruck muss auch frei sein, die Umwelt zu reflektieren und Einflüsse daraus aufzunehmen, sei es für Zwecke der Parodie, des Kommentars oder der Kritik. Und zwar jenseits der Einschränkungen so genannter „Fair Use“-Regeln.

Die SituationistInnen des 20. Jahrhunderts, die sich der Offenlegung von Mechanismen kultureller Hegemonie widmeten, unterstützen Plagiarismus zur „Integration der gegenwärtigen oder vergangenen künstlerischen Arbeit in die Bildung eines höheren Milieus“. Dass praktisch jeder alles plagiieren kann, ist ein Angriff auf das Konzept von Bildung und Kultur als ehrwürdiger Besitz erhabener Eliten. Die plagiatorische Aneignung als gültiges künstlerisches Mittel fordert nicht nur den bourgeoisen Mythos des „Genies“ heraus, sondern auch die dominante Philosophie der auf Eigentum basierenden ökonomischen und politischen Systeme des Westens.

PiratInnen, Geister und Phantome

Die psychosoziale Struktur von identitätsbildenden Systemen gruppiert sich um die mythische Aura der Authentizität. Die post-religiöse Ikone der Authentizität als dominanter Affekt des Antimodernismus lebt im frommen Glauben des Konservativismus an direkten Kontakt mit einer ursprünglichen Quelle. Originalität, als Kennzeichen visionärer Ideen, war zunächst ein Anspruch des Modernismus in Bezug auf eine Dynamik der Innovation. Originalität und Authentizität sind nunmehr die Fetische irregeleiteter Ahnenkulte. Neue Information ist schon allein dadurch einzigartig, dass sie sich durch Teilung verdoppeln kann. Wenn Menschen Ideen austauschen, gewinnt jeder, Ideen lassen sich teilen und werden dennoch nicht weniger.

In der neo-mittelalterlichen Ordnung des Informationsfeudalismus, einem dunklen Zeitalter des Aberglaubens, wird eine Infragestellung des Originals als Blasphemie und symbolischer Terrorismus wahrgenommen. Mit einem Verweis auf die unkontrollierte Vervielfachung von Kopien erklärte Kamil Idris von der World Intellectual Property Organization (WIPO) beim World Summit on the Information Society „Piraterie ist heute wie Terrorismus und sie ist überall“. So genannte Anti-Piraterie-Kampagnen portraitieren Uploading als schweres Verbrechen. „Jedes reale Abbild hat einen Schatten, der sein Doppelgänger ist“, schreibt Antonin Artaud und warnt, dass Wiedergabe keine Imitierung der Realität ist, sondern zu einer eigenen Realität wird. Ein Bild ist nicht Duplikat von Realität sondern Realität verdoppelt das Bild, die Grenzen zwischen Original und Kopie, Wert und Unwert lösen sich auf. Die Welt der Medien ist eine Geisterbahn. Elektro-magnetische Sekundärsignale, die früher oder später als das ursprüngliche Signal eintreffen, werden als Phantomsignale bezeichnet. Reflexionen des Bildsignals zwischen Sender und Empfänger lassen Geisterbilder auf Fernsehschirmen erscheinen. Ghostwriter werden angeheuert, um Memoiren zu verfassen, oder Bücher, Storys oder Berichte unter anderem Namen zu veröffentlichen. Der Einsatz dieser hilfreichen Geister bei Prominenz, UnternehmerInnen und PolitikerInnen ist ein nur schlecht gehütetes Geheimnis und sogar bei Non-fiction von VIPs sind diese Phantomschreiber fast immer dabei.

Geisterglaube beruht seit undenklichen Zeiten auf Vorstellungen, wonach sich der Geist vom Körper lösen kann. Dass die Toten mit den Lebenden kommunizieren, wurde Mitte des 19. Jahrhunderts zur Modeerscheinung und inspirierte zahlreiche Schriftsteller des Modernismus. Werke von Geistern werden als Psychographien bezeichnet und Hélène Smith, eine psychographische Autorin des frühen 20. Jahrhunderts, wurde zu einer Inspiration für Andre Breton. Sie war davon überzeugt, dass ihr automatisches Schreiben der Versuch von Marsbewohnern ist, Kontakt mit der Erde aufzunehmen. Breton produzierte zahlreiche Arbeiten mit dieser Technik, einem Prozess, der keine beabsichtigte Planung beinhaltet, und in dem die Tätigkeit der Hände gänzlich unbewusst ist. In den 1970er Jahren stellte Rosemary Brown die Behauptung auf, dass ganze Scharen von toten Komponisten ihr die neuesten Werke in die Feder diktierten. Die musikalisch nicht ausgebildete Hausfrau erzielte erhebliche Medienaufmerksamkeit mit einem umfangreichen Korpus an Geisterkompositionen von zahlreichen Größen der abendländischen Musikgeschichte.

Bertolt Brecht bezog sich auf Beethoven als er meinte, „Künstler stehlen andauernd und gnadenlos und ich denke, das ist gesund“. Das gesamte Werkverzeichnis der klassischen Musik ist gekennzeichnet von einer verbreiteten Praxis des Plagiats und der Aneignung. Bis zum heutigen Tag werden Millionen von Geisterbüchern neu aufgelegt und allein das brasilianische Medium Chico Xavier publizierte mehr als 400 psychographische Bücher mit über hunderttausend Seiten.

Die ephemere Natur der Geister hebt die Grenzen zwischen AutorIn und Medium auf, fordert die Vorstellungen von AutorInnenschaft heraus und hinterfragt die Anmaßung einer autoritativen Interpretation oder Textanalyse. Diese Gespenster des Originals sind eine Bedrohung der unkritischen Auffassung von Authentizität und Besitz geistigen Eigentums. Die dunklen Quellen verborgenen Wissens offenbaren Spukgestalten, welche die Repräsentation von Kultur und die Monopole der Realität zum erzittern bringen.

Konrad Becker leitet das Institut für neue Kulturtechnologien/t0 sowie das World-Information.Org Cultural Intelligence-Netzwerk.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
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  • b_books, Berlin

 

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