After remapping Mozart. Was bleibt von einem ambitionierten Projekt? — IG Kultur

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INHALT 01/2007

 

After remapping Mozart. Was bleibt von einem ambitionierten Projekt?

Jo Schmeiser

Soeben erschien die DVD-ROM zum Projekt „remapping Mozart. Verborgene Geschichte/n“, das 4 Ausstellungen, Konfigurationen genannt, mit begleitenden Veranstaltungen, Interventionen und Diskussionen umfasste und im Rahmen des Wiener Mozartjahres 2006 realisiert wurde. Die Konfigurationen (weiter unten mit K1-4 abgekürzt) wurden von Araba Evelyn Johnston-Arthur, Luisa Ziaja, Ljubomir Bratic, Lisl Ponger und Nora Sternfeld konzipiert und kuratiert, das Konzept der DVD-ROM stammt von Lisl Ponger und Tim Sharp.

In diesem Text beschränke ich mich auf das, was mir die DVD-ROM zeigt: auf ihren Aufbau, ihre Gestaltung und ihre Inhalte. Ich sehe mir an, wie ausgewählt, dokumentiert und strukturiert wird, welche formalen Mittel eingesetzt und welche Bedeutungen re/produziert werden. Und ich spekuliere darüber, was sich einer weißen, an einer zukünftigen Gesellschaft ohne Antisemitismus, Heterosexismus und Rassismus interessierten Betrachterin, die K1-4 vielleicht nicht besucht hat, wohl vermittelt – und damit sei auch schon jene Position bezeichnet, aus der ich die DVD-ROM betrachten will.

Was bleibt von einem Projekt, das sich zum Ziel gesetzt hat, marginalisierte und unterdrückte politische Themen, Geschichten und Forderungen in den Mainstream zu bringen, sie dort zu zeigen und zu verankern? Wie vermittelt es sich nach der Ausstellung? Wie knüpft das Projekt an ihm vorangegangene Debatten und Projekte an? Wie wendet es sich an Interessierte? Welche Gruppen, politische Bündnisse ebenso wie Publika, vermag es anzusprechen, zu bewegen oder vielleicht sogar herzustellen? Diese Fragen möchte ich hier aufwerfen, auch wenn ich sie nur ansatzweise beantworten kann.

Das erste, was der Betrachterin auf der DVD-ROM begegnet, ist ihre Mehrsprachigkeit, die meisten Materialien (doch leider nicht alle und gerade die wichtigsten nicht) können auf türkisch, serbokroatisch, englisch oder deutsch gelesen bzw. betrachtet werden. In einem Mainstream-Ausstellungskontext, wie ihn das Wiener Mozartjahr 2006 darstellt/e, ist dies ein Novum und zeigt mit symbolischer Politik die notwendige Richtung zukünftiger Veränderungen des etablierten Kulturbetriebs an.

Wie ist nun die BenutzerInnenoberfläche der DVD-ROM gestaltet? Die Texte erscheinen auf weißem hochformatigen Hintergrund, schwarz auf weiß, und werden von ebenfalls hochformatigen gelb/grünlich-schraffierten Flächen gesäumt, die an Pläne oder Karten erinnern. Vom Vorwort über die Einleitung gelangt die Betrachterin zu den 4 Konfigurationen, die über 2 x 2 nebeneinander stehende und nach rechts bzw. links verschiebbare Bilder repräsentiert sind, die Plakate von K1-4 zeigen. Klickt sie auf das Plakat von K1 erscheinen 4 Fotos, die wiederum nach links verschiebbar sind, worauf die nächsten 4 Fotos folgen. Bewegt sie die Maus über die Bilder, beginnen Umrisse in schwarz-weiß zu blinken, begrenzen Flächen, die sich aktivieren lassen und geben den Blick frei auf unterschiedlichste Materialien: Texte, Videos, Fotos, Plakate, Objekte, Installationen, Audiodokumente. K2 ist in ähnlicher Weise gestaltet wie K1. K3 wiederum ist auf der DVD-ROM vermutlich dem Ort, an dem sie stattfand, der Kuffner Sternwarte, formal nachempfunden. Hier gibt es nur ein einziges Bild, das aus Fotos der Ausstellung und des Ausstellungsortes besteht. In der Mitte läuft ein atmosphärisches Video von der Eröffnung, das von 9 Fotos, die sich aktivieren lassen, gerahmt wird. K4 schließlich ist wieder wie K1 linear strukturiert, nur dass diesmal bloß 2 Fotos auf einmal erscheinen, die nach links verschiebbar sind, worauf wiederum die nächsten beiden folgen.

Der Aufbau der DVD-ROM ist insgesamt streng linear, um nicht zu sagen linearistisch. Alles läuft über Fotos der Konfigurationen, denen die Betrachterin folgen und die sie ver/schieben und aktivieren muss, um zu den Arbeiten, begleitenden Texten, Veranstaltungen und Debatten zu gelangen.

Was zu aktivieren ist und was nicht, ist nicht immer einfach herauszufinden. Es können Begriffe sein, Bilder an der Wand, Videomonitore, Kopfhörer, Beschriftungen oder einfach nur undefinierbare Stellen am Boden, über die die Betrachterin zufällig streifen muss, damit sie zu blinken beginnen. Manchmal verliert sie deshalb auf ihrem Streifzug den Faden, oder stößt rein zufällig auf Verstecktes, das für das Verständnis und die Auseinandersetzung mit den Themen des Projektes jedoch grundlegend ist. So etwa auf die Proteste der Organisationen Schwarzer Deutscher in K1, die sich mit dem Hinweis auf die rassistischen „Völkerschauen“ der Kolonial- und NS-Zeit in Briefen, Aktionen, Demonstrationen, und mit Medienarbeit gegen die Pläne einer Zoodirektorin richteten, die 2005 im Augsburger Zoo ein „Afrikanisches Dorf“ mit Schwarzen Menschen als Ausstellungsobjekten präsentieren wollte. Oder sie begegnet ebenfalls in K1 der Podiumsdiskussion Darstellungstraditionen Schwarzer Frauen auf der Bühne und emanzipatorische Gegenbilder, die auf der DVD leider nur in einer Audiofassung vertreten ist. Eine der Referentinnen, Noah Sow von der deutschen Organisation Der braune Mob (www.derbraunemob.de) berichtet von ihren Erfolgen in der Medienarbeit: die deutsche Tagesschau verwendet zum Beispiel nicht mehr den rassistischen Begriff „Farbige“. Eine andere Referentin, Beatrice Achaleke von der österreichischen Organisation Schwarze Frauen Community (www.schwarzefrauen.net) verweist auf etwas, für das ganze Projekt Grundlegendes und auch in Wien im etablierten wie alternativen Kunst- und Kulturbereich Einzigartiges: „Zum ersten Mal bin ich auf einem Podium, wo nur Schwarze Frauen sitzen!“

Zum Teil sieht sich die Betrachterin mit Dokumenten konfrontiert, die ihr nur rudimentär erklärt werden: So begegnet ihr zum Beispiel in K1 ein Video eines Vortrages über (plus einem Konzert der Musik von) Joseph Boulogne Chevalier de Saint-George. Wie die Vortragende heißt und wer musiziert, erfährt aber nur jene Betrachterin, die sich alles bis ins Detail ansieht und schließlich in K3 die vorenthaltene Information findet: Der Schwarze Mozart, Vortrag von Beate Hammond; Donka Angatcheva: Klavier, Christoph Ehrenfellner: Violine. Nicht alles zu erklären, kann auch eine Aufforderung zur Eigeninitiative oder ein Stolperstein gegen rein konsumistisch ausgerichtete Rezeption sein; in diesem Falle jedoch wird die Betrachterin bloß irritiert und angesichts der Menge an Information auf der DVD-ROM ist es tatsächlich wahrscheinlicher, dass sie denkt, die Information wurde einfach nur vergessen.

Durch die Art ihrer Präsentation auf der DVD-ROM erschließen sich einige künstlerische Arbeiten nicht. So zum Beispiel die in K1 in der Einleitung der Kuratorinnen als programmatisch hervorgehobene Arbeit von Lubaina Himid: Cut and Sew / Word not Found. Die Bilder sind zu klein, um die komplexen Karten und Zeichnungen betrachten zu können; die nebenstehenden Latex- oder Stoffhandschuhe sind überhaupt nur auf dem atmosphärischen Ausstellungsvideo erkennbar. Ob sie zum Schutz der Karten dienen oder eine andere Bedeutung haben, bleibt der Spekulation überlassen. Generell wünscht sich die Betrachterin deshalb sorgfältigere Beschriftungen, Bezüge, die hergestellt werden: auch zu anderen Projekten, die vielleicht vor remapping mozart und nicht unbedingt in Österreich stattfanden. Sie wünscht sich einen kuratorischen Blick auf die Arbeiten und Materialien, der sich in Texten manifestiert, und Querverweise von einer Konfiguration zur anderen.

Wie die Auswahl der Materialien erfolgte und durch wen, geht aus der DVD-ROM auch nicht wirklich hervor. Manche Entscheidungen sind kaum nachvollziehbar. Warum, zum Beispiel, sind nicht alle künstlerischen Arbeiten umfassend bzw. im Falle von Film- und Videoarbeiten in voller Länge dokumentiert? Und wenn dies vielleicht dem Platzmangel geschuldet ist, welche Überlegung geht dann der Entscheidung voraus, das Eine zu zeigen und das Andere nur als Ausschnitt oder Videostill aufzunehmen? Warum nicht überhaupt eine Website statt der DVD-ROM? Sie hätte vielleicht eine umfassendere Verlinkung und Vernetzung ermöglicht, und dadurch auch mehr Kontextualisierung des Projekts in politischen und künstlerischen Zusammenhängen und Debatten in Österreich wie Anderswo. Ein solches Anknüpfen hätte die vom Projekt proklamierte Selbsthistorisierung als politische, antirassistische und queer-feministische Strategie noch verstärken können.

Unklar bleibt auch, nach welchen Kriterien Ordnungen und Beiordnungen hergestellt worden sind. So sind in der DVD-ROM beispielsweise die Interventionen den Konfigurationen untergeordnet. Sie scheinen in der Navigationsleiste nicht auf. Die Bustour Queer the City / Remap the City mit Persson B. Baumgartinger, Erika Doucette und Marty Huber bleibt so leider am Rande des Geschehens, obwohl eine der interessantesten und lustvollsten Veranstaltungen. Repräsentiert wird die Tour durch eine Karte, mehrere Fotos und Audiodokumente, in denen das Strafgesetzbuch Maria Theresias, die Schwulen und Lesben diskriminierenden Paragraphen in der österreichischen Gesetzgebung bis heute, die Umwandlungsoperation und gesetzliche Anerkennung des Geschlechtswechsels sowie die weitgehend unbekannte Geschichte der Gesangskastraten zum Thema gemacht wird.

Dass unterschiedliche Diskriminierungsachsen ineinander greifen und wo eine postkoloniale queer-feministische antirassistische Politik ansetzen könnte, zeigt schließlich der Vortrag von María do Mar Castro-Varela und Nikita Dhawan in K2: Mozart dekolonisiert. Von Kulturimperialismus und Zivilisierungsmissio-nen. Leider ist dieser elementare Vortrag, wie leider auch einige andere, die zu den wichtigsten zählen, auf der DVD-ROM nicht verschriftlicht. Und nicht nur das, die Forschungen der Vortragenden kommen in der Bibliografie auch nicht vor. Die alles lesende Betrachterin entdeckt sie dann an unvermuteter Stelle, in den Biografien nämlich. Was bleibt also von remapping Mozart, vermittelt durch die DVD-ROM zum Projekt? Zuallererst die Auseinandersetzung mit der Arbeit der Recherchegruppe zu Schwarzer österreichischer Geschichte, die mit der Einschreibung der Geschichte Josefine Solimans in den öffentlichen Raum einen Grundstein, auch für die Konfrontation der weißen Mehrheitsgesellschaft mit deren Geschichte, gelegt hat. Und bei aller Kritik, bei allem Lob bleibt viel zu tun: Geschichte/n, Schwarze Geschichte bzw. weiße Kolonial- und NS-Geschichte müssen, trotz oder wegen ihrer Unterschiedlichkeit, getrennt und gemeinsam, und das parallel, weiter geschrieben und erzählt bzw. kritisiert und in ihrer Wirkung auf die Gegenwart untersucht werden: to be re/configured.

Verborgene Geschichte/n. Gizli Tarih/ler. Hidden Histories. Skrivene istorije/price. Remapping Mozart. DVD-ROM. KuratorInnenteam: Araba Evelyn Johnston-Arthur, Luisa Ziaja, Ljubomir Bratic, Lisl Ponger und Nora Sternfeld. Konzept: Lisl Ponger, Tim Sharp. Kostenlos erhältlich.

Jo Schmeiser ist Künstlerin und Autorin. Unter dem Label arbeitet sie mit Simone Bader zum Thema der Nachwirkungen des Nationalsozialismus in der Gegenwart und an feministischen antirassistischen Öffentlichkeiten.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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