Schieß auf den Kuchen! — IG Kultur

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INHALT 01/2005

 

Schieß auf den Kuchen!

Hito Steyerl

Ein unerschütterliches Axiom menschlicher Vernunft stammt aus Ernst Lubitschs berühmter Nazikomödie: Sein oder nicht Sein (1940). Angesichts der Tatsache, dass die Nazibesatzer in Warschau alle potenziellen Verhörobjekte erschossen haben, die über den polnischen Widerstand Auskunft geben könnten, ruft der Hauptdarsteller verzweifelt aus: You can’t have your cake and shoot it too!

Damit nach England – und direkt in den gegenwärtigen Wahlkampf. Denn wer geglaubt hat, dass Lubitschs Axiom logisch unanfechtbar ist, da es dem Satz des ausgeschlossenen Dritten folgt, sieht sich hier einer neuen Logik gegenüber, in die das auszuschließende Dritte problemlos integriert werden kann. Dass das zuweilen wie eine Lubitschparodie aussieht, ist leider nur eine optische Täuschung. Denn wo Lubitschs Hauptdarsteller tatsächlich ein als Nazicharge verkleideter Widerständler ist, der durch geschickt gewählte Verkleidung gegen die Besatzung kämpft, stolpert hier zu Beginn der Wahlkampfsaison nur ein als Nazisoldat verkleideter Prinz mit Hakenkreuzarmbinde durchs Bild. Wo ist die Pointe, wird man sich fragen – tja leider, die fehlt. Auf diesen wenig versprechenden Auftakt sollten jedoch eine Reihe bahnbrechender logischer Innovationen folgen.

Etwa mit dem Versuch des Tory-Chefs Michael Howard, einen unaufholbar erscheinenden Rückstand in den Umfragen durch rechtsradikale Maulhuberei aufzuholen. Wie das in Europa so Brauch geworden ist, setzte Howard auf die rassistische Trumpfkarte, indem er Englands Ausstieg aus der Genfer Flüchtlingskonvention forderte sowie radikal verminderte Arbeitsbewilligungen für Migranten. In Anbetracht der Tatsache, dass Englands Wirtschaftsboom zu weiten Teilen auf der Ausbeutung legaler Sklavenarbeit von Migranten aus EU-Erweiterungsländern beruht, stellt diese Parole ein beeindruckendes Bekenntnis zur freiwilligen Verminderung des Volksvermögens zugunsten rassistischer Lustgefühle dar. Oder in die Sprache von Lubitschs Axiom uebersetzt: Wieso nicht den Kuchen erschießen, wenn’s soviel Spaß macht?!

Auf diese Steilvorlage reagierten die Labour-Strategen mit einem überraschenden Konter. In Anbetracht der Tatsache, dass Howard selbst aus einer Familie jüdischer Emigranten vor dem Naziregime kommt, wurde der konservative Vorstoß prompt auf der antisemitischen Flanke verdoppelt. Umgehend wurden Plakate entworfen, auf denen Howard zum einen als fliegendes Schwein und zum anderen als sinistrer Dr. Mabuseverschnitt und Massenhypnotiseur erscheint. Unterstützt wurde dieser Vorstoß von flankierenden Maßnahmen zur Einwanderungsbegrenzung, etwa verschärften Nützlichkeitstests für Migranten. Die Botschaft in Kurzform: Wieso nur rassistisch, wenn wir dazu auch noch antisemitisch sein können? Wieso nur raus aus der Flüchtlingskonvention, wenn wir noch dazu – wie im Fall der von Labour erfundenen unbegrenzten Internierung von Terrorverdächtigen – auch noch gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen können? Und warum sollen Migranten nur rausgeschmissen werden, wenn man sie gleichzeitig auch noch internieren UND ausbeuten kann?

Um auf Lubitschs Axiom zurückzukommen: Was Labour vorschlägt, ist den Kuchen nicht nur zu erschießen, sondern auch noch zu essen. Und mit dieser neuen Form der Logik wird Labour auch diese Wahl gewinnen.

 
 

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  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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  • Leporello, 1010 Wien
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  • b_books, Berlin

 

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