Mit Samt, Stein oder Blei — IG Kultur

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INHALT 01/2005

 

Mit Samt, Stein oder Blei

Boris Buden

Der amerikanische Präsident war kürzlich in der Nähe. In Bratislava traf er den russischen Präsidenten Putin und hielt den Slowaken eine Rede. Dabei lobte er sie in doppelter Hinsicht: erstens wegen ihrer im War on Terror bewiesenen Loyalität zu den Vereinigten Staaten und zweitens wegen ihrer unvergesslicher Verdienste um die Demokratie, genauer gesagt, wegen der berühmten "Samtrevolution", die vor mehr als 15 Jahren den Kommunismus in der ehemaligen Tschechoslowakei zum Sturz gebracht hatte. Von lautem Applaus begleitet sagte er dann Folgendes: "In recent times, we have witnessed landmark events in the history of liberty: A Rose Revolution in Georgia, an Orange Revolution in Ukraine, and now a Purple Revolution in Iraq." In welch’ einer rosigen Welt wir leben! Am liebsten würde man da (mit)singen. Etwa mit dunkler Stimme à la Zarah Leander: "Mit roten Rosen fängt die Revolution meistens an ... und was kommt dann? ... und was kommt dann?" Ein Blick und dann vielleicht der erste Kuss? Keinesfalls!

Über das, was nach den so genannten demokratischen Revolutionen in Osteuropa kam, berichtete schon am nächsten Tag Der Standard, und zwar in einem eher ganz fad betitelten Artikel: "Generali Versicherung erhöht Ertrag". Es ging um die Rekordergebnisse der Generali Holding Vienna. So hätte sich das Ergebnis der gewöhnlichen Geschäftstätigkeit dieses Versicherungskonzerns im Jahr 2004 beinahe verdreifacht. Der Jahresüberschuss hätte sich mehr als verdoppelt. Überall, in der Lebens- und Krankenversicherung wie auch in der Schaden-/Unfallversicherung klettern die Prämien, werden Steigerungen und Zuwächse registriert. Gott, wie tüchtig sind die Österreicher. Wenn das Wetter ein bisserl mitspielt (also keine großen Unwetterkatastrophen), verdoppeln, ja verdreifachen sie ihre Produktivität in einem einzigen Jahr. Das gibt's doch gar nicht. Wenn das aber wirklich stimmt, dann sollte man die ganze Nachkriegsgeschichte dieses Landes revidieren. Im Vergleich zu der heutigen stellt sich nämlich die so genannte Wiederaufbaugeneration aus der unmittelbaren Nachkriegszeit, die gerade heute im Jubiläumsjahr so laut umjubelt wird, als ein Haufen von Faulpelzen heraus. Oder?

Besser man liest weiter, etwa bis zum Textteil mit dem Untertitel "Wachstumsmotor Osteuropa": "Die Generali-Versicherungsgesellschaften in Mittel- und Osteuropa verdreifachten ihren Jahresüberschuss 2004 auf 22,6 Mio. Euro, …" Aha, die unglaubliche Erfolgsstory wird langsam verständlicher. So berichtet ein weiterer Artikel von einer enormen Gewinnsteigerung in der Bank Austria-Creditanstalt - um 140 Prozent, wodurch die Ausschüttung an Aktionäre je Aktie um die Hälfte höher wurde - und erklärt, dieser Anstieg sei den Osteuropa-Tochterbanken von BA-CA zu verdanken. Bankchef Hampel betont explizit, dass auch heuer, also in unserem Jubiläumsjahr, die "Ergebnislokomotive Osteuropa sein wird". Die Zukunft sei gesichert: "Unsere starke Kapitalausstattung bietet den Kunden der BA-CA größtmögliche Sicherheit. Zugleich verfügen wir über ausreichendes Kapital für die weitere Expansion in Osteuropa." Jetzt wissen wir, was nach den samtigen, rosigen oder blutigen Revolutionen im Osten kam - die tüchtigen Österreicher. Denjenigen jedoch, die diese Revolutionen selber gemacht haben, haben sie leider nichts gebracht. Die Tschuschen sind gleich faul und unfähig geblieben. So sind sie eben schon, bevor sie geboren werden. So schuldet heute jedes neugeborene serbische Kind schon am ersten Tag seines Lebens 2000 Dollar, die es voraussichtlich sein ganzes Leben zurückzahlen wird. Wem? Na klar. Uns tüchtigen Österreichern! Hauptsache, die Revolutionen setzen sich "in the history of liberty" (Bush) fort. Mit Samt, Stein oder Blei, mit Rosen, Orangen, Birnen, Gurken ... bis zum letzten faulen Österreicher.

 
 

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