Fortsetzung des Lehrganges. Mit anderen Mitteln — IG Kultur

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Fortsetzung des Lehrganges. Mit anderen Mitteln

Ljubomir Bratic

Kafka paraphrasierend könnte ich hier fragen, wozu ein Text sonst dient, "wenn nicht dazu, das dicke Eis, das deine Seele umgibt, zu sprengen." Wir reden hier über Kunst und ihren Status innerhalb unserer Gesellschaften. Zunächst einmal stellen wir fest, dass es eigentlich völlig gleichgültig ist, ob es Kunst gibt oder nicht. Wenn ein großer Teil der "Kulturrisse"-AutorInnen über Kunst schreibt, dann immer entweder dafür oder dagegen. Das Objekt der Begierde scheint immer ein Produkt dieses Aushandlungsprozesses zu sein. Das, worauf gezeigt wird, darüber wird geredet. Während des Redens entsteht eine vorübergehende prekäre Fixierung. Die Kunst entbehrt - genauso wie unsere Gesellschaften (deren Teil sie ist) - Endgültigkeit und Totalität. Das eröffnet einen Raum für Antagonismus. Einen Raum, in dem diskursive Interventionen möglich (manchmal auch erwünscht) sind. Die Position, die die erwähnten AutorInnen dabei meistens einnehmen, ist die des/der linken Guten. Was ich in meinem Text in Kulturrisse 03/2003 gemacht habe, ist, genau an diesem Konsens der Gläubigen zu rütteln, in dem ich einfach eine zusätzliche Bedingung der Möglichkeit für Public Art im Bereich des Antirassismus aufstellte, die im Großen und Ganzen mit einem ironischen Unterton daherkommt.

Die Ironie ist nicht eine elegante Art, Zweifel an den Prinzipien des Antirassismus darzustellen, sondern stellt allgemein einen Versuch dar, unsere Position des Redens – mittels Rückgriffs auf einen autoritären Sprachstil – zu untergraben. Ich habe vorausgesetzt, dass ein autoritärer Stil in einem Medium wie den Kulturrissen keine Autorität hat. Wer das nicht versteht, dem/der kann ich nicht helfen. Und die primären AdressatInnen des Textes haben es nicht verstanden. Sie waren nicht imstande, den auf sie zukommenden Anstoß zu objektivieren. Diese Objektivierung - den Text zu entschlüsseln - war die allererste, die nullte Lektion des dort dargestellten Alphabetisierungskurses.

Die Maske der negativen Pädagogik war dabei die Falle, in die Elisabeth Mayerhofer und Wolfgang Schneider gegangen sind. Folglich haben sie in ihrer Antwort (Kulturrisse 04/2003) nur Notizen zu ihrem Selbstverständnis geschrieben. Nützlich, um das ganze, von ihnen mitbestimmte Projekt "Soho in Ottakring" zu verstehen, aber absolut nutzlos, wenn es um die "Sache", um die dargelegten Prinzipien des Antirassismus geht. Ihre Strategie war - methaphorisch gesprochen -, die durchbrochenen Dammlinien mit Sandsäcken zu schützen. Die Form des Durchbruchs, das ist das Problem von Mayerhofer und Schneider. Dem setzen sie punktuelle Fluchtpunkte entgegen. Diese heißen

a) der Text ist autoritär, b) die Begrifflichkeit ist unzusammenhängend, c) das Kunstfeld wird ideologisiert (Oh, Schreck!) usw. Möglicherweise stimmt das, zumindest aus der Position von Mayerhofer und Schneider. Trotzdem tut es nichts zur Sache. Unser Problem heißt antirassistischer Inhalt, und ich beharre auf dieser Diskussion.

Ich komme auf das am Anfang genannte Paradoxon zurück. Es ist gleichgültig, ob es Kunst gibt oder nicht. Warum? Weil das - politisch betrachtet - ein sekundärer Prozess ist, ein Vorgang der Produktion von etwas, dessen Zweck es ist, Bestätigung zu liefern. Eine Bestätigung dafür, was sich auf der Ebene des Diskurses abspielt. Das Thematische, womit wir hier spielen, ist nicht ein Teil der Kunst und wird nicht von der Kunst produziert. Die einzige soziopolitische Nachvollziehbarkeit von Kunst im Rahmen des Diskurses heißt Reproduktion. Dieser Gedanke der Reproduktion der Inhalte war auch der vorausgesetzte Blick meines Textes. Oder kann mir jemand ein Kunstprodukt der letzten Jahre innerhalb der Public Art benennen, dessen Folge ein weiterer eigenständiger Diskurs war? Insofern ist mein Text eine Intervention auf der diskursiven Ebene, betätigt mit dem Ziel, die schon stattfindende Reproduktion anders zu gestalten. Denn die Funktionsweise ist nicht gebunden an Inhalte, sondern kann am ehesten mit einem maschinellen Vorgang beschrieben werden. Eine Maschine ist, auch wenn sie nur eine bestimmte Produktionsweise hat, jedem/r dienlich, der/die ein Umfeld für ihre Stationierung gestalten kann.

Um diese Gestaltung ist es in meinem ersten Text gegangen. Prosaisch gesagt: um die nicht künstlerischen Bedingungen von Kunst. Die in einem dezidiert nicht künstlerischen, sondern sozialen Ereignis stationierte Maschine hat etwas produziert, das den allgemeinen rassistischen Gehalt unserer Gesellschaften reproduziert hat. Das war der Ausgangspunkt meiner Auseinandersetzungen damit. Wobei ich nicht auf der Ebene der Kritik geblieben bin, nicht das indifferente Dafür oder Dagegen vortragen wollte, sondern eine Palette an Möglichkeiten bot, wie, auf welche Weise die Reproduktion von Rassismus mit einer potenziellen Produktion des Antirassismus zu ersetzen oder zumindest zu ergänzen wäre. Das, und nur das, ist der Inhalt der Prinzipien des Antirassismus im Kunstfeld. Das ist auch die Ebene, auf der ich gerne streiten möchte. In gewisser Weise versuchte ich, das Stattfinden, die Objektivierungen im Kunstfeld zu beeinflussen, und zwar ausgehend von schon realisierten Projekten. Insofern waren meine Erwartungen bezüglich Soho in Ottakring irrelevant, denn als Zuschauer hatte ich mit meinem Rundgang nur eine einzige Funktion: Mein Besuch dort bedeutete eine Bestätigung. Ich habe einfach die Zahl derjenigen, die an einer Manifestation teilgenommen haben, vergrößert (das ist auch die Logik, die hinter der Beteiligung von z.B. den Wiener Einkaufsstraßen oder der Bezirksvorstehung steht.). Das zumindest bis zu dem Moment, als ich mich endgültig entschieden habe, durch Agitprop ein Teil davon zu werden. Ob ich dabei ein Künstler bin? Mein einziger Glaube an die Kunst besteht darin, dass ich behaupte, dass am Ende jedes Kunstaktes ein Effekt steht. Dem kann sich niemand entziehen. Insofern habe ich mit meinem Text die gängige Indifferenz gegenüber Kunst gebrochen.

Es ist mir nicht gleichgültig, ob es Kunst gibt oder nicht, und ich habe versucht, die Ebenen des Dafür/Dagegen konflikthafter zu gestalten, indem ich gewisse antirassistische Spielregeln für eine Art von Kunst vorgeschlagen habe, nämlich für die Community Art. Aber warum wollten Mayerhofer und Schneider sich auf diese Diskussion nicht einlassen? Weil sie der Meinung sind, dass diese formell falsch, autoritär vorgetragen wurde. Unterstellen möchte ich ihnen noch eine weitere Ebene, nämlich die, dass sie überhaupt die Möglichkeit haben, sich auf diese Position zurückzuziehen. Verweigerung der Inhalte im Namen der unpassenden Form ist eine Strategie der Macht. Das herbeigesehnte Ergebnis soll dabei ein Konsens sein. Ein Konsens für wen? Vor allem für das weitere Stattfinden des Ereignisses, ohne die dahinter stehenden Machtstrukturen zu hinterfragen. Nun, genau um das geht es: Wir können keinen Konsens finden, ohne die dahinter stehenden Machtstrukturen zu bestätigen. Und mir geht es darum, diese zu durchbrechen. Insofern kann ich mich in diesem Punkt der Position von Rubia Salgado anschließen und behaupten: Wir sind Feinde! In einer solchen soziopolitischen Konstellation können wir nur eine Kunst der Feindschaft pflegen. Dabei ist mir durchaus bewusst, dass hinter jeder möglichen Analyse eine Menge Fragezeichen stehen. Wovon wir aber ausgehen sollten, ist die Tatsächlichkeit der stattfindenden Auschließungen, der Wille nach ihrer Bestätigung einerseits und nach ihrer Beseitigung andererseits. Dabei geht es mir in diesem Rahmen um ein Agieren aus der Position des Akteurs, möglicherweise Koautors. Aber sicher nicht aus einer Position des Miteinander und schon gar nicht aus einer Position des Tolerierten.

Das künstlerische Tun als politische Intervention muss die Dynamik der Machtbeziehungen in seine Analyse miteinbeziehen: Wann wird das künstlerische Handeln zur Bestätigung? Wann wird Bestätigung zu Verbrechen? Wie kann das künstlerische Handeln Herrschaft angreifen? Und welche Form des widerständigen künstlerischen Handelns produzieren wir? Wer muss ruhen, während wir handeln? Und wer handelt ununterbrochen und verweigert dadurch den anderen den Raum? Fragen über Fragen, die sich alle auf das, was KünstlerInnen tun, auf die Produktionsbedingungen der Kunst beziehen. Wer sich diesen entzieht, betreibt nicht Kunst als politische Intervention. Wer aber als Antwort auf diese Fragen "die Kommunikation und das Kennenlernen der Kulturen" gefunden hat, den/die fordere ich hiermit auf, seine/ihre Ansichten zu vertreten. Alles, was ich gesagt habe und hier noch einmal wiederhole, ist, dass diese Antwort eine Bestätigung der herrrschenden rassistischen Aufteilungen in "Wir" und die "Anderen" bedeutet.

Damit setze ich auch unseren Alphabethisierungskurs fort. Wir sind leider weit davon entfernt, von einer Grammatik der antirassistischen Imperative im Kunstfeld zu sprechen. Sie wird dann an die Reihe kommen, wenn die Primärstufe unseres Lehrganges abgeschlossen ist. Ich glaube nicht, dass KünstlerInnen "bessere" Menschen sind und darum diese Lektionen erlernen sollten. Ganz im Gegenteil, ich bin der Meinung, dass der – mir von Mayerhofer und Schneider unterstellte - Dualismus gut/böse auf KünstlerInnen genau so wenig zutrifft wie auf uns alle. Politischen Antirassismus betreiben wir nicht, weil wir gut sind, sondern weil es Menschen in unseren Gesellschaften gibt, bei denen es um das nackte Überleben geht. Rassismus tötet! Das ist die Realität unserer Machtverhältnisse. Dieser Realität kann entweder entgegengetreten oder sie kann bestätigt werden. Nicht die KünstlerInnen oder irgendjemand anderer haben diese Polarisierung geschaffen. Es ist das Ergebnis dessen, was Europa genannt wird, und zwar in seiner - neben der Ökonomie - bestfunktionierenden Eigenschaft als Festung. Wenn das eine normative Zuschreibung ist, die die wahre Autonomie der Kunst gefährdet, dann erlaube ich mir hiermit zu fragen, was die Projekte von Soho in Ottakring vom Musikantenstadl unterscheidet, denn auch dieser bemüht sich z.B. durch ein Gastspiel in China um ein besseres Kennenlernen der Kulturen. Ihr versteht, ohne Entscheidung keine differentia specifica, und das ist nicht die Frage nach den besseren oder schlechteren Menschen, sondern die Frage danach, was ich mache, warum ich es mache und warum gerade ich.

Schaffen die KünstlerInnen mit ihrem Tun nicht Räume, in denen die Ausgeschlossenen gehört werden, schaffen sie es nicht, bisher unbeachtet gebliebene Perspektiven freizulegen, dann fehlt ihnen die Differenz zum erfolgreichen Mainstream. Dabei denke ich die Antagonismen innerhalb des Kunstfeldes nicht als eine Beliebigkeit, in dem die frei flottierenden KunstproduzentInnen ihren Widerstreit austragen können. Wenn die Entscheidung getroffen ist, antisexistische, antirassistische usw. Kunst zu betreiben, dann kann es sich bei "aufeinandertreffenden Antagonismen" nur um die Frage von Strategie und Taktik handeln. Das ist der Punkt, wo die Fähigkeiten und Ressourcen der KünstlerInnen mit anderen, in die gleiche Richtung politisch engagierten Subjekten zu Allianzen finden können. Und die Spielregeln sind eben die, dass die Ausschließungen in unseren Gesellschaften, wenn nicht bekämpft, dann zumindest nicht reproduziert und weiter tradiert werden. Meine Intervention war doch nicht in einen leeren Raum hinein gestartet, sondern inmitten eines Reproduktionsprozesses, in dem ich genau diese Produktion und Weitertradierung angegriffen habe. Meine Intention ist nach wie vor dieselbe.

Ob KünstlerInnen und MigrantInnen homogene Gruppen sind oder nicht, ist nicht meine Frage. Ich betrachte diese Bezeichnungen als das, was auf bestimmte Subjekte (im Foucault´schen Sinne) hinweist. Wie die Subjektivierung vor sich geht, ist hier nicht das Thema. Was aber gesagt werden muss, ist, dass diese Subjekte bestimmte Positionen in unseren Gesellschaften einnehmen und einnehmen müssen. Zum Beispiel ist es so, dass sich die KünstlerInnen ihre Prekärität leisten können. Bei MigrantInnen ist es dagegen so, dass sie, wenn sie keine Arbeit nachweisen können, einfach keine Aufenthaltsbewilligung mehr bekommen, illegalisiert werden, also absolut alle Privilegien verlieren. Nicht eine Opferskala will ich hier aufstellen, sondern behaupten, dass es diese Unterschiede, aufgrund derer ich von verschiedenen sozialen Subjekten rede, gibt, und dass wir nicht das neoliberale "all different, all equal" leben.

"’Einverstanden’, meinte die Katze; und diesmal verschwand sie ganz allmählich mit dem Schwanzende bis hin zum Grinsen, das noch einige Zeit in der Luft blieb, als der Rest schon verschwunden war." Lewis Caroll, es könnte aber auch Tex Avery sein.


Ljubomir Bratic ist Philosoph und Leiter des BUM - Büro für ungewöhnliche Maßnahmen in Wien.

 
 

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