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Der revolutionäre Termidor

Boris Buden

Es reicht nicht, einfach zu sagen, der Antiamerikanismus sei reaktionär. Man muss auch ganz genau erklären, was damit eigentlich gemeint ist. Bekanntlich war die Bezeichnung "reaktionär" ursprünglich für verschiedene Formen der rechten Politik reserviert und deutete auf ihren authentisch konservativen Charakter hin. Im gegebenen politischen und ideologischen Feld nannte man jene Kräfte reaktionär, die sich den - im Prinzip linken - Forderungen nach radikalen oder revolutionären Veränderungen widersetzten und, wie die alt bekannte Phrase sagt, den Status Quo verteidigten. Abgesehen davon, was im konkreten Fall auf dem Spiel war - etwa die Eigentumsverhältnisse in der Welt der Arbeit, oder die Geschlechterverhältnisse in der privaten Sphäre der bürgerlichen Familie -, wollten die Linken das Bestehende verändern, es neu oder einfach anders haben, die Rechten hingegen alles so erhalten, wie es ist, bzw. wie es immer schon war. Aktive Weltveränderung war die Sache der Linken, die im Namen des Fortschritts immer nach vorne marschiert sind; ein in der Regel reaktives Aufrechterhalten des Bestehenden hingegen das Hauptanliegen der Rechten.

Schon längst scheint aber diese Formel veraltet zu sein. Man könnte sogar sagen, sie würde inzwischen auf den Kopf gestellt. Sind es heute nicht die Rechten, die unsere Welt auf allen Fronten radikal verändern, während sich die Linken überall auf den letzten Posten des Status Quo eingraben? Hier sammeln sie ihre übrig gebliebenen Kräfte, um die Überreste von den Überresten des einst stolzen Sozialstaates gegen die jungen, dynamischen und erfolgreichen (oft auch aus den eigenen Traditionen hervorgegangenen) Neoliberalen zu verteidigen; dort kämpfen sie bis zur letzten Frau, um das schon erreichte Niveau der Geschlechtergleichheit zu erhalten, sehr oft gegen die anderen, jüngeren und aggressiveren Frauen, die sich dem heiligen Triumvirat von Gott, Familie und Nation verpflichtet haben und sich im Namen des ungeborenen Lebens aus der Zivilgesellschaft heraus gegen die herrschende Ordnung empören.

Heute sind es die Rechten, die eine radikale Veränderung wollen, während die alte Welt diesem starken Willen wenig entgegen zu setzen hat - genauso wenig wie ein alter Veteran der einst säkularen antikolonialistischen Befreiungsbewegungen dem Kopftuch seiner fundamentalistischen Tochter oder wie eine ehemalige Aktivistin der amerikanischen Flowerpower-Bewegung dem inzwischen schon verwirklichten Traum ihres Sohnes, ein Topgun-Flieger bei der US-Navy zu werden.

Doch die Welt hat sich nicht von allein geändert. Sie wurde geändert und sie wird vor unseren Augen jeden Tag neu verändert. Der historische Agent dieser Umwälzung, durch den Mund des heutigen amerikanischen Präsidenten sprechend, nennt sie explizit "die demokratische Revolution". Und tatsächlich meint George Bush damit ein aus der rechtskonservativen Tradition motiviertes Projekt globaler Weltveränderung.

Wer jedoch, wie so viele Linke, besonders unter den Antiglobalisten, glaubt, auf dem Maskenball der heutigen Weltpolitik würden nur die Rechten ihre eigene Tracht tragen und diese sei ausgerechnet die US-amerikanische, der denkt konservativ, handelt reaktiv und ist in letzter Konsequenz ein Reaktionär. Nicht als ein Amerikaner, sondern als die Weltrevolution hat sich der Termidor verkleidet, um endlich auf der höchsten Welle der Weltgeschichte reiten zu dürfen. Dass auch seine Krone aus Schaum ist, muss uns erst erleuchten.

 
 

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  • Leporello, 1010 Wien
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