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VorRisse

Gerald Raunig

In den Charts der Googlesuchen und Medienbeobachtungen sind mit dem zunehmenden Machtgewinn der ÖVP zwei Schlagworte ganz nach oben gerückt: Österreich und Gott. Auch die diskursiven Kontexte dieser Begriffe verfestigen sich zusehends und beginnen nun die Attacke auf alles, was die Autorität des Göttlich/Heimatlichen in Frage stellt. Aber, keine Angst, "in seiner Heimat braucht sich niemand zu fürchten", heißt’s andererseits nach den Recherchen von Karin Liebhart in den Grundsatzpapieren der ÖVP. "Vaterlandslose Gesellen", also MigrantInnen und auch solche, denen das "transzendentale Dach über dem Kopf", wie ÖVP-Denker geistreich den Begriff "Heimat" zu definieren pflegen, aus Jux und Tollerei fehlt, tun dennoch gut daran, sich schleunigst prophylaktisch demütig zu erweisen.

Ich zum Beispiel entschuldige mich bei meiner Mutter und Hans Haider für die Entgleisungen im letzten Editorial, in dem ich den Presse-Kulturchef unter völliger Missachtung meiner wirklich guten Kinderstube einer wenig objektiven Berichterstattung in Sachen Franz Morak geziehen habe. Weiters bei Rainer Metzger, der als Kurator von Moraks Gnaden sich völlig zurecht darüber beschwert, dass Künstler Deutschbauer im Interview Phantasie-Honorare verkündet. Zuletzt auch beim Hause Habsburg, dem wir in diesem Heft sicherheitshalber eine Gegendarstellung einräumen. Und Helmut Ploebst lässt sich übrigens auch entschuldigen.

Dennoch: Vielleicht reicht das Zukreuzekriechen nicht, vielleicht braucht’s auch die einfühlende Methode der Schwerpunkttexte dieser Nummer, um den scheinbar plötzlichen Aufbruch des gleichzeitig Antimodernen und Antipostmodernen zu begreifen - hierzulande braucht’s ja weniger Laptop und Lederhose (s. Burghart Schmidt) als die kultige Kombination von Blockflöte und Boogiewoogiepiano. Was vielleicht auch in die Frühgeschichte der ÖVP zurückweist, in der Martin Wassermair trefflich gräbt und sinniert über die behütete Zukunft des lieben Gottes in einem konservativ regierten (Abend-)Land, das wieder einmal gegen alles Unösterreichische verteidigt werden will. Und es geht noch toller, wie die Blicke Tina Leischs und Leonardo Kovacevics auf kroatische Popstar-Pfarrer und ihre "in Krämpfen sich windende Besessenheit von der Idee eines Heiligen Kroatiens" beweisen.

Als Hintergrund für das seltsame Gemisch aus ultrakonservativer Reaktion und stotterndem Neoliberalismus mag auch ein zweiter Schwerpunkt in diesem Heft dienen, in dessen Rahmen Pierangelo Maset, Andrea Ellmeier, Andrea Knobloch, Therese Kaufmann und Urban Regensburger sich den Zusammenhängen zwischen postfordistischen Arbeitsbegriffen und den eigenartigen Mutationen der Arbeitsformen von prekären Intellektuellen und Kulturschaffenden widmen. Endlich also die lang ersehnte vertiefte Auseinandersetzung mit creative industries und cultural workers und Kunst und Dienstleistung und GATS...

Schließlich gibt es fast ganz hinten noch einen dritten Schwerpunkt, in dem wir unterschiedliche Texte zum eipcp-Positionspapier Anticipating European Cultural Policies versammeln: Kritik und Kommentar nicht nur von außen (Monika Mokre, FOKUS und Dragan Klaic, EFAH), sondern auch von innen: Stefan Nowotny versucht, der Devise des Instituts Genüge zu tun und das Papier, das übrigens inzwischen auch als pdf-File unter http://www.eipcp.net/policies/index.html abzurufen ist, konfliktuell zu debattieren. Mit allen möglichen Umwegen durch die bunte Wunderwelt der Kulturbegriffe und einem überraschend konkreten Ende.

Und zuletzt darf ich noch eine neue Doppelkolumne in den Kulturrissen willkomen heißen, eine diskursive Stalinorgel namens katjuschas statement, die uns auch in den nächsten Heften begleiten wird, Boris Buden und Hito Steyerl orgeln.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
  • Phil, 1060 Wien
  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
  • Pro qm, Berlin
  • b_books, Berlin

 

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