Die Macht des Glaubens. Fakegodess. Echt. Fernsehtauglich audiovisuell reproduzierbar. — IG Kultur

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Kulturrisse Ausgaben 01/2003 Oppositionen Die Macht des Glaubens. Fakegodess. Echt. Fernsehtauglich audiovisuell reproduzierbar.
 

Die Macht des Glaubens. Fakegodess. Echt. Fernsehtauglich audiovisuell reproduzierbar.

Tina Leisch und Leonardo Kovacevic

In Kroatien wurde der alte Partisanengruß "Zdravo!" im Zug des Fortschritts ins Reaktionäre durch ein lässig cooles "Bog" ersetzt. Baggytrouser grüßt Tangaslip im Internetcafé: "Bog!"-"Bog!". Was nicht besonders interessant wäre, weil halt die nächste Generation eben lieber ein "Ciao" sagt statt dem "Servus" oder "Baba" der vorhergehenden, oder statt "supergeil" lieber "urcool", hätte es mit dem Wort "Bog" nicht seine besondere Bewandtnis.


Ursprünglich soll es eine bloße Vorsilbe gewesen sein, die in etwa die Bedeutung eines heutigen "Pseudo-" oder "Fake-" hatte. Bogpoljubci waren Pseudoküsse, wohl schon geküsst, aber eben nicht von innerstem Herzen kommend, Bogvino mit Wasser gestreckter Wein, Bogmisao ein Scheingedanke, ein sich als Gedanke tarnender Allgemeinplatz. Doch dann kam es zwischen einer eigentlich aus Norditalien exilierten Philosophin, die in Split eine levantinische Dependance ihres vom Papst verfolgten Frauenordens gegründet hatte, und ein paar übereifrigen jungen dalmatinischen Denkern zu einem äußerst heftigen Disput. Es sei einerlei, ob Bogpoljubci oder Poljubci - auf den Genuss käme es an, und es sei ja nicht sinnvoll, so lange sich die Küsse aufzusparen, bis einer - oder eine - komme, bei dem sie so recht von Herzen flössen, denn was, wenn er oder sie nie kommt? Ungeküßt ins Jenseits verscheiden? Was, wenn es überhaupt erst die Küsse sind, die - egal ob Bog- oder nicht - die Herzen eröffnen?, meinten die Philosophin und ihre Anhängerinnen, während sich die Denker auf den Standpunkt eines strengen Reinheitsgebotes stellten.

Nur geliebte Küsse! Nur empfundene Schwüre! Nur erkannte Weisheiten! Der Streit eskalierte, am Ende liefen nur noch wütend "Bog, bog, bog!" vor sich her schimpfende Philosophen und Philosophinnen in endlose Streitereien verwickelt die Quais von Split, Podgora, Dubrovnik auf und ab. Seeleute und Marktfrauen wunderten sich, konnten sich dem nachhaltigen Eindruck des Schauspiels aber nicht entziehen. Split und Podgora und Dubrovnik rätselten über die Bedeutung der seltsamen Sitte. Etliche Theorien über die Bedeutung des ominösen "Bog" wurden aufgestellt. Man begann - zuerst in spottender Absicht, dann nach und nach als echte Jünger - den Philosophen hinterherzulaufen, in melodischen Tonfolgen ihr ewiges "BogBog" nachsingend und damit die differenzierter argumentierenden Denkerinnen allmählich zu übertönen. So war das Christentum am Balkan geboren, und Gott heißt da bis heute Bog. (1)

"Bog!"-grüßen ist heute in Kroatien nicht nur eine gedankenlose Mode. In einer Umfrage vor ein paar Wochen bekannten die meisten kroatischen Jugendlichen, großes Vertrauen in die katholische Kirche, so gut wie keines in politische Parteien und Institutionen zu haben. Man hat nichts gegen wechselnde Liebschaften auch vor und außerhalb der Ehe, gegen Verhütung und Abtreibung, aber homophobe und antifeministische Ressentiments sind feste Bestandteile des öffentlichen Diskurses, in dem die muslimischen und jüdischen EinwohnerInnen praktisch überhaupt nicht repräsentiert sind.

Die Wiedergeburt der kroatischen Nation aus dem Geist des "Unabhängigen Staates Kroatien" von Hitlers Gnaden ist ohne die kosmologische Fundierung in einem katholischen Messianismus nicht denkbar. In seinem Werk "Bespuca povijesne zbiljnosti" ("Unermeßliche Weite der geschichtlichen Wirklichkeit" ) konstruierte Franjo Tudjman die kroatische politische Geschichte als katholische Erzählung von Opfer und Erlösung, von Märtyrertum und Auferstehung. Die formale Anbindung Kroatiens an den Vatikan per Vertrag, der jeder modernen Trennung von Kirche und Staat Hohn spottet, ist dabei nur Ausdruck einer Rekatholisierung, die sich viel mehr im Bereich der politischen Imagination als im Bereich praktizierten Glaubens abspielt.

Jede politische Partei, jeder Politiker, der es zu etwas bringen möchte, muss sich vor der Kirche bewähren. Die Machtübernahme durch Ivica Racan und die SDP war nur möglich, weil sie überlaut das Bekenntnis ablegte, dass ein echter Kroate zu sein heißt, katholisch zu sein. Dabei organisiert sich Religiosität als politischer Identitätsfaktor weniger in traditionellen kirchlichen Räumen, in Kirchen und Kathedralen, sondern in eher popkulturellen Events und Starkulten. Sänger Thompson aus der Gegend von Split gibt Konzerte in ganz Kroatien, in denen Zehntausende mit Ustaschafahnen zu den Predigten winken, mit denen er zwischen seinen brachial völkischen Songs dem auserwählten Volk der Kroaten huldigt. Der Pfarrer Zlatko Sudac, den Gott persönlich mit Stigmata auf der Stirn und an den Handgelenken als seinen Liebling kennzeichnete, gibt auf seinen Tourneen durch Kroatien als langhaariges, bärtiges, süßgesichtiges Jesusdouble ein beeindruckendes Schauspiel von hysterisch weinender, schreiender, in Krämpfen sich windender Besessenheit von der Idee eines Heiligen Kroatiens.

Als nächstes Opfer auf der politischen Landkarte Europas hat sich dieser Gott nun offensichtlich das Land der Dome ausgesucht. Es waren nicht etwa die WählerInnen, die bei der letzten Wahl Schüssel und die ÖVP zum Erfolg geführt hatten, erfuhr man, sondern: Gott. Mehr als 200 Jahre, nachdem das Gottesgnadentum in Europa der Guillotine zum Opfer fiel, lassen Schüssel, Rauch-Kallat und Kollegen es wieder auferstehen.

Zwar ist in Österreich die Durchdringung der Jugendkultur mit poppig aufpolierten Insignien katholisch ständestaatlichen Autoritarismus’ noch nicht so weit fortgeschritten wie in Kroatien, aber Meldungen von Technopartygottesdiensten und Ravemessen zeigen, dass der Klerus auch hier langsam begreift, dass "Modernisierung" gar nicht heißen muß, nach innerkirchlicher Demokratie und Frauenrechten schreienden Linken nachzugeben, sondern dass man vielleicht unter Beibehaltung reaktionärer Strukturen bloß die Ästhetik der Popkultur übernehmen könnte, um wieder Anhängerschaft und vor allem Bedeutsamkeit im politischen Imaginären zu gewinnen.

Vielleicht ist die Profilierung des Papstes als Gallionsfigur einer - nebenbei bemerkt: oftmals durch reichlich trübe Wasser pflügenden - Anti-Irakkriegsbewegung in diesem Zusammenhang ein wirklich gelungener PR-Trick. Erlaubt es doch nicht nur den wenigeren - eh schon in internationaler Solidarität und Flüchtlingsbewegung sich exponierenden - fortschrittlichen KatholikInnen, sondern jedem, ansonsten zu Konflikten scheu schweigendem Gottesdiener, sich den engagierten, jungen Leuten anzuschließen.

Die Parolen sind platt. Kein Blut für Öl. Kein Angriffskrieg. Die komplizierten Konflikte, die sich ergeben, wenn man ein wenig nach den Motivationen für die Vehemenz der Antikriegsbewegung (von der zum Beispiel beim Bombardement von Belgrad weit und breit nichts zu sehen war) fragt, werden achtlos vom Tisch gewischt. Kein Blut für Öl, keine Frage. Doch was sich da als scheinbar unpolitischer Pazifismus aus reiner Menschlichkeit gibt, ist in dieser Plattheit nur möglich, weil die Folie, vor der der Krieg gelesen wird, einzig und allein die der nach geostrategischem Einfluß strebenden Supermacht USA ist. Was ist aber mit den Leuten, jüdischen Leuten vor allem, die den Krieg lieber vor der Folie des Krieges der Alliierten gegen Hitlerdeutschland lesen? Wer aus Glauben gegen den Krieg ist, nicht aus Denken, dem oder der bleibt es bequemerweise erspart, deren Argumenten und Phantasmen auch einmal nachzudenken.

Aber vielleicht ist das mit dem Denken eh ein unergiebiger Blödsinn. Vielleicht sollte die Linke sich in viel weiterer Hinsicht, als das Negri, Hardt und Zizek eh schon propagieren, erfolgreiche Glaubensbewegungen zum Vorbild nehmen. Nicht in überwach- und zerschlagbaren Infrastrukturen und Institutionen sich organisieren, sondern als ungreifbare Macht einer Glaubensbewegung über die Erde schwappen. Wie St. Franziskus innerhalb der Kirche innerhalb des Empire die Subversion versuchen. Und dann wie die katholischen Kroaten in Bosnien ein Medugorje gründen. Ein paar junge Frauen mit Marienerscheinungen finden sich in jeder besseren Psychiatrie. Ein bisserl geschicktes Management, ein wenig Gottes, Segen und es wird eine unstillbar sprudelnde Geldquelle daraus. Oder drei frischgewaschene hietziger Gymnasiasten, denen jeden Freitag am Schulweg Che Guevara persönlich erscheint und die Weltrevolution predigt. Echt. Fernsehtauglich audiovisuell reproduzierbar.

Doch leider kriegt der Gott, der für Wien zuständig ist, sowas offensichtlich nicht richtig hin, bleibt hier immer so ein nicht ganz ernst genommenes Verreckerl. Ein Gotterl. Ein drei Quartlherrgott mit einem Preisruinenjessas als Sohn. Ein Billigsdorfer Talmi-dieu. Eine wiener Promenadenmischung aus 10 deka Allah, 2 großen Schnapsglaserl Jahwe und ein bisserl an Bog. Vielleicht sollten wir’s mal mit einer Göttin probieren.

Einer falschen natürlich. Bogboginja. Fakegodess. Oder wenigstens einer Prophetin. Einer Siegreichen Skirennfahrerin mit Stigmen vom Partisanenkampf zum Beispiel, die in maya-tzeltal zum Mietboykott aufruft. Oder so.


Leonardo Kovacevic ist Philosoph und lebt in Zagreb. Tina Leisch ist Text-, Film- und Theaterarbeiterin und lebt in Eisenkappel/ Zelezna Kapla und Wien.


Anmerkung

(1) Die Ironie der Geschichte (aus den "Balkanmythen" von Ambrosius Zwirn), die vielleicht weder wahr, noch auch nur gut erfunden sein mag, besteht natürlich darin, dass die Vertreter des Wahren, Echten durch einen Effekt des von ihnen so vehement bekämpften So-Tun-Als-Ob an die Macht kamen...

 
 

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