Der lange Flug des Genossen Engel — IG Kultur

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Der lange Flug des Genossen Engel

Boris Buden

Die Commies sind wieder da. Kein Grund zur Panik, beruhigen uns die ersten Kommentare: Das Grazer Wahlergebnis ist ein singuläres Phänomen, und nur an die Person Ernst Kalteneggers gebunden. Von einer Renaissance des Kommunismus kann keine Rede sein. Der in Graz als "Engel der Mieter" bekannte Kaltenegger hat eine glaubwürdige Sozialpolitik wiederentdeckt und das ist die einzige Sensation.

Diesen Analysen muss man gewissermaßen recht geben. Die Kommunisten können nicht zurück sein, da sie nie weggegangen sind. Es ist vielmehr eine Politik wieder da, die in ihrem leeren Kreislauf zurück zum Ort ihres Verbrechens gekehrt ist - zu den offenen sozialen Widersprüchen. Dort warteten die alten Kommunisten auf sie. So etwa als hätte sich jemand Ende der Siebziger geweigert, die Glockenhosen auszuziehen, die heutzutage wieder in Mode sind. Die Kommunisten sind also wieder "in", weil sie lange genug im "out" gewartet haben. Das scheint das wahre Geheimnis ihres Erfolges zu sein. Sie sind neu, weil sie genug alt sind. Und doch, sind sie dabei wirklich gleich geblieben? Sind jene Glockenhosen von gestern identisch mit den Glockenhosen von heute? Sie mögen zwar gleich aussehen, die Bedingungen ihrer Herstellung sind jedoch ganz andere.

Damals, im Zeitalter des späten Fordismus wurden die Glockenhosen bei uns zu Hause, in der "ersten" Welt gemacht. Von sozial- und pensionsversicherten, gewerkschaftlich organisierten und "menschenwürdig" bezahlten ArbeiterInnen und zwar in einem nach keynesianischen Prinzipien verfassten Wohlfahrtsstaat, der sich noch um seinen "kleinen Mann" zu kümmern wusste.

Wo werden aber die Glockenhosen heute hergestellt? Wir wissen es kaum, und es interessiert uns auch wenig. Hauptsache, sie sind billig. Dank einer von jeder Sozialpolitik radikal befreiten Lohnarbeit von dunkelfarbigen und schlitzäugigen Proletariern draußen in der weiten "dritten" Welt. Und dank einer von Hayek inspirierten und global betriebenen neoliberalen Politik. In diesem Sinne sind auch die Grazer Kommunisten alt. Ihre Sozialpolitik, sosehr sie auch glaubwürdig sein mag, verteidigt eine Welt von gestern. Dieser hauptsächlich defensive Charakter ihres Kampfes macht den Grazer Wahlerfolg nicht weniger bedeutend. Immanuel Wallerstein nennt es "short-term defensive action" und meint damit die Verteidigung von alten sozialen Errungenschaften, die eine wichtige Rolle im Kampf gegen die neoliberale Globalisierung spielt.

Von einer kommunistischen Gemeindepolitik bis zu einer globalen Widerstandsaktion führt aber ein langer Weg. Nicht von der österreichischen Provinz in die weite Welt hinaus, sondern von einem alten zu einem neuen Begriff der politischen Solidarität. Und da steht den Grazer Kommunisten - und uns allen - ein langer Marsch bevor. Für die Kronenzeitung kann Kaltenegger kein Kommunist sein, da er ein Engel ist. Genau diese heilige Aureole macht ihn bei Hardt und Negri zum Prototyp eines Kommunisten der Zukunft. Kommunistisch oder nicht, aus der alten "Stadt der Erhebung" in eine neue, andere Welt wird man offensichtlich fliegen müssen.

 
 

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