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TQW oder die Notwendigkeit zu kooperieren

Sabine Sonnenschein

Nein, der 40-jährige Choreograph Bert Gstettner bespielt mit seinem Tanz*hotel nicht im Alleingang die Stadthalle. Nein, das 20-jährige Tanztheater Homunculus (geleitet von Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov) performt nicht im Hanappi-Stadion. Helmut Ploebsts Satire (siehe Kulturrisse 04/ 01) ist nicht zur Realität geworden. Oder doch? Jedenfalls hat sie prophetischen Charakter bewiesen.

Die männlichen Einzelkämpfer der ersten Generation der freien Tanz/Performance-Szene Wiens versuchen nun etwas, das ihnen zumindest in den letzten zehn Jahren nicht in den Sinn gekommen ist: die Kooperation, den künstlerischen Austausch. Lautstark haben sie sich öffentlich darüber beklagt, dass ihnen im neuen Tanzquartier Wien (TQW) bis dato nur die Teilnahme an Studioprojekten angeboten wurde, nicht aber die große Halle.

Und ihre Stimmen wurden vernommen: Der mit dem Rabenhof betraute Theatermann Karl Welunschek stellt Sebastian Prantl (Tanz Atelier Wien), Manfred Aichinger und Nikolaus Selimov, Bert Gstettner sowie Elio Gervasi (Tanz Company Gervasi) für rund ein Jahr eine alte Sporthalle in Wiens drittem Bezirk zur Verfügung. Zur Eröffnung der Halle 1030 - Tanzhalle Wien wird nun seitens der starken Einzelkämpfer und Kompagnieleiter Kooperation und Dialog ins Spiel gebracht: Es soll "ein Weg vom Dialog zu einem künstlerisch-inhaltlichen Diskurs eröffnet werden, um durch vielschichtigen Austausch eine Vision der Weiterentwicklung von zeitgenössischem Tanz in Wien zu fördern." (Einladung zur Pressekonferenz am 7.11.2001)

Die Vokabel Dialog, Diskurs, Kooperation waren zuvor oftmals von der Leitung des Tanzquartiers zu hören gewesen. Ein Arbeiten in Form von ständig neuen Kooperationen wird allerdings seit langem von einem großen Teil der Tanz/Performance-Szene praktiziert, der im Gegensatz zu "den Herren" über keine eigenen Proberäume verfügt und keine Jahressubvention, geschweige denn Mehrjahressubvention erhält. Diese Unterschiede haben auch mit der Subventionspolitik der Stadt Wien zu tun: Vor Jahren ging es dem zuständigen Beirat darum, Kompagnien aufzubauen und sie gegenüber kleineren temporären Gruppierungen zu präferieren. Jede der damit entstandenen Infrastrukturburgen muss nun samt ihrem zugehörigen Burgherrn erhalten werden.

Die Frauen der ersten Generation haben nie eigene Burgen errichtet, sondern teilen sich Infrastruktur mit anderen, z.B. im WUK oder im Institut Dr. Schmida. Eine explizite Ausnahme repräsentiert in diesem Zusammenhang Liz King, die Teil der ersten Generation war, dann aber lange in Deutschland arbeitete: Nach ihrer Rückkehr nach Wien leitet sie als Teil der freien Szene das Tanztheater Wien, bald darauf aber zugleich das Ballett der Volksoper.

Die zweite Generation der Szene war von Anfang an die Kooperation (auch mit VeranstalterInnen) gewohnt. Für NewcomerInnen gibt es derzeit fast keine Möglichkeit, Förderungen zu erhalten. Die Problematik besteht darin, dass es für zeitgenössischen Tanz und Performance im Verhältnis zum extremen Wachstum in diesem Terrain viel zuwenig Subvention seitens des Bundes und auch der Stadt - die allerdings in das TQW als Ort der Repräsentation adäquat investiert - gibt. Nun stellt sich aber die Frage, ob das zur Verfügung stehende Budget nach dem alten Gießkannenprinzip, zur Erhaltung der Burgen einzelner Burgherren oder zum Progress der Kunstform verwendet wird; ob nicht die Erhaltung von Infrastruktur für einen möglichst großen Teil der Szene parallel zur Förderung interessanter künstlerischer Arbeit, und damit sind auch Einzelprojekte gemeint, sinnvoll wäre. Und hier steht auch zur Diskussion, welche Teile der Infrastruktur des TQW (drei Studios, Mediathek, Bibliothek, Videoschnittplatz,...) der Szene zur Verfügung stehen können und in welcher Form das passiert; die Programmierung der Veranstaltungen im Tanzquartier muss freilich allein der künstlerischen Leitung obliegen.

"Die Herren" stehen derzeit de facto sehr gut da, denn es ist auch weit interessanter, in der 1000 m2 großen, leeren Halle 1030 zu performen, als in einer Halle mit fix betonierter Tribüne, die im Falle des TQW bis dato nahezu immer darauf verweist, dass sie nicht einmal zu einem Drittel ausgelastet werden kann.

Das TQW muss sich sein Publikum erst langsam aufbauen. Es setzt nicht auf gehypte Events wie das Festival ImPuls Tanz, sondern ist an Qualität und Progressivität interessiert. Allerdings erweist sich die Programmierung bis dato nicht gerade als herausfordernd, sondern nimmt auf den lokalen Konservatismus Rücksicht, und damit ist ihre Positionierung unklar und auch etwas langweilig.

Sigrid Gareis (TQW) und ihr Team versuchen allerdings, den internationalen Austausch anzuregen, fördern die Zusammenarbeit von primär in Wien arbeitenden mit internationalen KünstlerInnen sowie das Zusammenspiel von Theorie und Praxis. Eben diese Punkte sind für die Wiener Szene immens wichtig und waren vor der Eröffnung des TQW nur rudimentär vorhanden. Zugleich setzt Sigrid Gareis auf Kooperationen des TQW, um weitere Publikumskreise zu gewinnen, denn sie ist mit der in den letzten Jahren wichtig gewordenen Praxis der europäischen Kooperationen im Bereich des Veranstaltens sehr vertraut: Da aufgrund der dominanten neoliberalen Werteskala die Nationalstaaten immer weniger ihre Aufgabe der Förderung progressiver Kunst wahrnehmen, ist die Kooperation von europäischen VeranstalterInnen oft die einzige Möglichkeit, um größere Projekte realisieren zu können.

Was aber hat es mit der Kooperation der Wiener Kompagnieleiter nun auf sich? Durch das TQW ist es zu einer Verschiebung des symbolischen Kapitals der in der Wiener Szene verorteten KünstlerInnen gekommen: Die Macht derjenigen, die konstant über weit mehr als 10 Jahre in diskutablem Ausmaß subventioniert werden und sich in ihrer Arbeit allzu verfestigt haben, hat Risse bekommen, dadurch dass das TQW gerade auch KünstlerInnengruppierungen und PerformerInnen präsentiert und damit symbolisch aufwertet, die erst seit wenigen Jahren arbeiten oder die seit dem Entstehen der Szene immer wieder Schwierigkeit haben, Förderungen zu erhalten, da ihre Arbeitsformen die Grenzen der Kunstform (Tanz)performance ausloten.

Sabine Sonnenschein ist (Tanz)performerin, Choreographin, arbeitet v.a. in Wien; Initiatorin der Labor-Serie "Labor für Performance und postdramatisches Agieren".

 
 

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