Die kroatische Erfahrung. Zwei Illusionen über die Rolle der Intellektuellen in der Politik — IG Kultur

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Die kroatische Erfahrung. Zwei Illusionen über die Rolle der Intellektuellen in der Politik

Boris Buden

Die politische Krankheit, an der Kroatien über zehn Jahre gelitten hat, wird üblicherweise als Nationalismus diagnostiziert. Genauso üblich ist es, die entscheidende Rolle beim Herausbilden dieser Ideologie und ihrer politischen Praxis den Intellektuellen zuzuschreiben. Kein Nationalismus ohne nationalistische Intellektuelle und keine nationalistischen Intellektuellen ohne eine traditionalistische, prämoderne, zivilisatorisch zurückgebliebene Kultur, so heißt die These. Der kroatischen Erfahrung nach ist sie in beiden Aspekten falsch.

Wer ist dieser nationalistische Intellektuelle? Die typische Vorstellung legt uns ein von nationalistischer Ideologie besessenes Mitglied der sogenannten intellektuellen Elite nahe. Er produziert und verbreitet nationalistische Ideen, etwa die von einer historischen Mission seiner Nation oder von der Einmaligkeit ihrer tragischen, aber glorreichen Geschichte. Er warnt die Nation vor der Aussengefahr, die ihre Existenz bedroht, und behütet den kostbarsten Schatz ihrer Identität, die Sprache, die kulturelle Überlieferung, den wahren Sinn ihrer Geschichte. Er ist gleichzeitig authentischster Gläubiger und Priester des Nationalismus. Dieser Vorstellung nach spielt er eine entscheidende Rolle bei der nationalistischen Mobilisierung der Massen, neben den nationalistischen Politikern ist er Hauptverantwortlicher für all das Unglück, das Nationalismus in der konkreten historischen Praxis verursacht.

Der kroatische Fall zeigt jedoch, dass die politische Funktion der so genannten organischen Nationalisten weit überschätzt wird. Sie sind zwar politisch exponiert, bestimmen inhaltlich den öffentlichen Diskurs und sind überhaupt die Lautesten in der Szene, üben aber keinen entscheidenden Einfluss auf die Massen aus. Diese Massen waren - und sind noch immer - vorwiegend opportunistisch und nicht nationalistisch, wie es auf den ersten Blick aussieht. Der Nationalismus ist zu keinem einzigen Zeitpunkt ihre eigene Ideologie geworden, durch die sie sich politisch konstituiert haben, und zwar auch dann nicht, als sie in seinem Namen die politische Bühne betreten haben. Es war vielmehr das Schweigen der Massen, das die kroatische Politik in den letzten zehn Jahren bestimmt hat und nicht, wie oft angenommen, ihr nationalistisches Geschrei. Das war so laut, weil es auf dem Hintergrund ihres opportunistischen Schweigens stattgefunden hat.

Die Artikulation des Massenschweigens, das war die Hauptaufgabe der kroatischen intellektuellen Elite in der Zeit der nationalistischen Mobilisierung der Massen. In einer relativ deutlichen Distanz zum exzessiven Nationalismus und seinen intellektuellen Protagonisten sahen sie ihre Rolle in einer Rationalisierung der gegebenen politischen Realität. Sie sind nie müde geworden, immer neue Argumente für die These zu finden, dass die nationalistischen Exzesse - der Rassismus und seine realen politischen Effekte bis zu den massivsten Verletzungen der Menschenrechte - eben nur die Exzesse und nicht etwa ein logischer, immanenter Bestandteil nationalistischer politischer Praxis sind. "Es passieren unangenehme Dinge, aber man darf nicht verallgemeinern...", "Trotz der Fehler, die als menschlich zu verstehen sind...", "Vergessen wir nicht, dass selbst den angloamerikanischen Antifaschisten ein Dresden passiert ist...": Solche und ähnliche "Rationalisierungen" wurden überall in der Öffentlichkeit massiv verwendet. Ihr Hauptzweck lag aber nicht darin, die nationalistischen Untaten zu rechtfertigen, sondern vielmehr die Illusion eines dahinterstehenden gesunden Kerns herzustellen. Der von jeder Ideologie befreite Wille des nach Demokratie und Freiheit strebenden Volkes war nirgendwo in der politischen Realität zu finden. Als ein diskursives Produkt der kroatischen intellektuellen Elite und ihrer politischen Repräsentanten war er jedoch allgegenwärtig.

So war es also nicht ihre Strategie, den Nationalismus offen zu fördern - an seinen ridikülisierten ideologischen Inhalt haben sie nie geglaubt -, sondern jede Möglichkeit einer anderen als nationalistischen politischen Antwort auf die reale historische Herausforderung von vornherein als undenkbar auszuschließen. Sie waren keine Nationalisten, sondern verständnisvolle Begleiter des Nationalismus. Und gerade als solche haben sie ihn und das ganze Unglück, das er verursacht hat, erst recht ermöglicht.

Eine zweite, sehr hartnäckige Illusion, die die politische Rolle der Intellektuellen und das Verhältnis von Kultur und Politik betrifft, beruht auf dem Glauben, dass bestimmte kulturelle oder ästhetische Formen entsprechende politische Affinitäten haben, dass z.B. ein Filmemacher mehr einer linksliberalen politischen Gesinnung zuneigt als etwa ein traditioneller, ethnisch und lokal fixierter Dichter; oder auch, dass die Sphäre einer sex and drugs and rock'n roll-Subkultur wesentlich kosmopolitischer als die der nationalen Hochkultur sein sollte.

Den Befehl zur Zerstörung der berühmten Brücke von Mostar hat jedoch ein kroatischer General gegeben, der vor dem Krieg beruflich ein Filmregisseur war; ein anderer Filmemacher hat das kroatische Fernsehen, dessen Direktor er im Zuge der nationalistischen Machtübernahme geworden ist, zur "Kathedrale des kroatischen Geistes" erklärt und mit eiserner Hand in die wirksamste Propagandamaschinerie des neuen Regimes umstrukturiert. Der eine Schauspieler ist als Freiwilliger in den Krieg gezogen und im Alter von über sechzig Jahren noch zum erfolgreichen Scharfschützen avanciert. Der andere wurde Kulturminister, der seine Kolleginnen anderer ethnischen Zugehörigkeit von der Arbeit verjagte. Fast eine ganze postpunk-Generation, die in einer Kultur aufgewachsen ist, deren Weltoffenheit schon zu kommunistischen Zeiten eine Selbstverständlichkeit war, löste sich im nationalistischen Mainstream auf und schwamm mit dem Strom einer patriotischen Mobilisierung.

Ein hermetischer Dichter andererseits hat sich beim Anblick der ersten Kriegszerstörungen gleich umgebracht. Der wollte auf keinen Fall mitmachen und wandte sich von der neuen politischen Realität am radikalsten ab. Weite Teile der so genannten primitiven Folkszene, obwohl allseits an der Front präsent, haben ihre eigenen Wege des kulturellen Austausches und der Versöhnung zwischen verfeindeten Nationen gefunden. Ein Teil der kulturellen und intellektuellen Szene weigerte sich, für nationalistische politische Zwecke aufzutreten und wanderte aus bzw. tauchte in einigen halbprivaten Nischen unter.

Aus dieser Erfahrung - und sie ist keinesfalls eine neue und originelle - geht hervor, dass es keine eindeutige Korrelation zwischen einem kulturellen Stil und einer politischen Gesinnung gibt. Das gilt besonders für die berühmte Dichotomie von high und low, also für den sogenannten Unterschied zwischen Hoch- und Massenkultur. Selbst für die postmoderne Kultur kann man nicht sagen, dass sie gegen Nationalismen immun ist. Eine archaische Identitätskultur ist genauso wenig per se nationalistisch.

Das, was wirklich archaisch, zurückgeblieben, überholt ist, ist vielmehr das westliche (postmodern-kosmopolitische) Bild vom gegenwärtigen Nationalismus. Hier erscheint dieses politische Phänomen als ein reines Kulturprodukt, oder genauer: als das politische Abbild einer regressiven Kulturauffassung. Dabei hat man eine romantische, völkisch geprägte Nationalkultur vor Augen, die im jeweiligen nationalen Rahmen als hegemonial auftritt; eine Kultur, die sich obsessiv an die nationalspezifischen Traditionen hält, die konservativ und xenophobisch ist und die, obwohl in sich selbst elitär strukturiert, ihren politischen Verbündeten immer im Feld des rechten Populismus sucht und findet. Der natürliche Kontext für dieses Kulturmodell sei die bürgerliche, frühindustrielle Welt des neunzehnten Jahrhunderts, nicht aber unsere postmoderne Welt des globalen Kapitalismus, der neuen Informationstechnologien und allgemeiner: der mondialen Vernetzung.

Der Hauptantagonismus wird hier also auf die Frontlinie eines alten Kulturkampfes projiziert, der sich abspielt zwischen einer als Zivilisation verstandenen Kultur, dem Synonym für den intellektuellen, materiellen und spirituellen Fortschritt im Geist der Aufklärung, und einer anderen Kultur, die sich dieser Entwicklung als konservative Kraft widersetzt. Der Konflikt erscheint als ein Konflikt zwischen Tradition und Modernität oder - noch stärker ausgedrückt - zwischen Zivilisation und Barbarismus. Man vergisst dabei, dass schon Herder - der Theoretiker der Kultur als einer spezifischen Lebensform - den Kampf zwischen diesen zwei Kulturbegriffen (der Zivilisation und der Kultur als einer spezifischen Lebensform) explizit mit dem Konflikt zwischen Europa und seinem kolonial Anderen verbindet. Die Idee der Kultur als einer spezifischen, einmaligen Lebensform hat ihren Ursprung in der romantischen, antikolonialistischen Neigung für die unterdrückten, "exotischen" Gesellschaften.

Der kroatische Fall bestätigt das und zeigt, dass ein politischer Nationalismus im kulturellen Feld, also im Kampf um die Hegemonie, immer im Namen der Zivilisation, nicht also im Namen der Kultur im Sinne einer spezifischen Identität, eines besonderen "way of life" auftritt. Das Bild einer konservativen, ideologisch prämodernen Kulturelite, die mit allen medialen, kulturellen und politischen Mitteln kämpft, um eine eigene, ethnisch- oder religionsspezifische Identität vor den universalisierenden Kräften der demokratisch-liberalen Modernität zu schützen, dieses Bild täuscht. Es war vielmehr in dem alles kulturalisierenden Blick des Westens zu finden als in der politischen Realität der jugoslawischen Krise und des Krieges.

Boris Buden ist Philosoph und Publizist, lebt in Wien.

 
 

Erhältlich in folgenden Buchhandlungen:

  • a.punkt, 1010 Wien
  • Walther König, 1070 MQ
  • Anna Jeller, 1040 Wien
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  • Leporello, 1010 Wien
  • Lentos, Linz
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  • b_books, Berlin

 

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